Der TF-X von TerrafugiaTerrafugia
TrendMobilität der Zukunft

Wenn Autos fliegen lernen

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Alexander Freimark

Alexander Freimark

freier Journalist

Das nächste große Ding im Silicon Valley sind fliegende Autos. Allein Google-Mitgründer Larry Page finanziert zwei Startups für ihre Entwicklung. Und auch Uber will 2021 mit Flugtaxis an den Start gehen. Irre? Ja, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

16. Februar 2017

Schiffe, die fliegen? Vor über 100 Jahren galt Ferdinand Graf von Zeppelin bei seinen bodenständigen Landsleuten als „verrückter Graf vom Bodensee“ – bis seine Luftschiffe endlich abhoben. Und auch heute noch haben Forscher schnell einen wahnsinnigen Ruf weg, wenn sie zwei vermeintlich nicht zueinander passende Technologien kombinieren, um etwas Großartiges zu schaffen: Fliegende Autos beispielsweise, der heilige Gral der visionären Science-Fiction. Ob in Star Wars („Airspeeder“), James Bond („AMC Matador“), Blade Runner („Spinner“), Zurück in die Zukunft („DeLorean DMC-12“) oder im Fünften Element („Taxicab“) – fliegende Autos sind ein zentrales Symbol für technischen Fortschritt und die Zukunft der Menschheit. Doc Emmett Brown – der verrückte Professor aus „Zurück in die Zukunft“ – brachte es 1989 auf den Punkt: „Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen.“

Die Geschichte der fliegenden Autos ist lang und bizarr. Schon Henry Ford forschte ein paar Jahre an kleinen Flugmaschinen für Jedermann. In den 50er-Jahren kamen Helikopter und VTOL-Flugzeuge in Mode, die senkrecht aufsteigen und landen konnten, wodurch der Betrieb nicht an ein Flugfeld gebunden war. Klar, dass die US-Army „fliegende Jeeps“ erprobte. Und in den 80er-Jahren wollte Boeing den „Sky Commuter“ entwickeln, um staugeplagte Fernpendler zu beschleunigen – leider erfolglos. Der Prototyp wurde später für 132.000 US-Dollar bei eBay verkauft. Dann folgte eine Serie verschiedener Fluggeräte aus Leichtbau-Werkstoffen, was aber ebenfalls nicht zum wirtschaftlichen Durchbruch reichte. „Uns wurden fliegende Autos versprochen“, klagte Silicon-Valley-Investor Peter Thiel zwei Jahre nach der Twitter-Gründung 2006, „und alles, was wir bekommen haben, waren 140 Zeichen.“

Zeit, dass sich was dreht. Heute sind die technischen Grundlagen für den Aufstieg gelegt: Noch leichtere Leichtbau-Werkstoffe, Drohnentechnologie sowie Steuerungssysteme für autonome Fahrzeuge sind die Bausteine, aus denen fliegende Autos entstehen. So hat sich in den USA eine kleine Szene optimistischer Entwickler und Finanziers gebildet, die das Unmögliche schaffen wollen. Etwa die Firma Terrafugia, die ihr Flugauto „Transition“ 2019 auf den Markt bringen will. Das Modell ist im Grunde genommen ein Flugzeug, das mit angeklappten Flügeln auf der Straße fahren darf – nicht wirklich der Kindheitstraum von einem fliegenden Auto.

Der geplante Nachfolger „TF-X“ von Terrafugia soll vertikal starten und landen können, mit Propellern und Elektromotoren. 800 Kilometer Reichweite und eine Reisegeschwindigkeit von 320 km/h stehen im vielversprechenden Prospekt. Hingegen sieht man den Prototypen der Firma Aeromobil aus Bratislava, Slowakei, im Video immerhin schon fahren, starten, fliegen und wieder landen. Allerdings braucht dieser wiederum ein Flugfeld – der Transfer am Boden frisst den Zeitgewinn schnell wieder auf.

Das Aeromobil

Der deutsche Wettbewerber im Rennen um die mobile Zukunft ist da schon einen Schritt weiter: Lilium Aviation aus Gilching bei München, wurde Anfang 2015 von vier ehemaligen Ingenieursstudenten mit dem Ziel gegründet, den Individualverkehr zu revolutionieren – Frühstück in München, Shopping in Mailand und Abendessen in Marseille. Ihr Lilium-Jet hat 36 kleine Rotoren in schwenkbaren Tragflächen, kann vertikal wie horizontal fliegen und wird rein elektrisch angetrieben. Von drei Vorserienmodellen gibt es bereits Videos im Netz. Anfang Dezember 2016 hat das Unternehmen, das auf 35 Mitarbeiter angewachsen ist, eine erste echte Finanzierungsrunde abgeschlossen. Mit zehn Millionen Euro unterstützt Investor Niklas Zennström (Kazaa, Skype) Lilium, um von den Flugtests Anfang 2017 bis zur Produktionsreife ein Jahr später zu kommen.

Zennström ist nicht der einzige High-Tech-Investor, der auf fliegende Autos setzt. Google-Mitgründer Larry Page finanziert gleich zwei Unternehmen, die heimlich, still und leise zwei unterschiedliche Lösungskonzepte verfolgen: Zee.Aero (VTOL mit vielen Rotoren) und Kitty Hawk (angeblich eine große Quadcopter-Drohne). Berichten zufolge soll Sebastian Thrun für Kitty Hawk gearbeitet haben, der mit einem Team aus Stanford 2005 die DARPA Grand Challenge für autonome Autos gewinnen konnte. Im Anschluss baute der Robotikexperte als Google Fellow die geheime Forschungsabteilung „Google X“ auf, in der unter anderem die Datenbrille Google Glass und die selbstfahrenden Autos entwickelt wurden.

Und auch Marc Andreessen, Silicon-Valley-Investor und Mitgründer des Browser-Unternehmens Netscape, hat sich unlängst im US-Technikportal „The Verge“ zum Thema geäußert. Das schwierigste Problem in den kommenden fünf bis zehn Jahren sei es, fundamentale Durchbrüche in der Batterietechnologie zu erzielen: „Wenn wir 10- bis 100-mal mehr Energie über eine 10- bis 100- mal längere Zeit zur Verfügung haben, können wir sogar Iron-Man-Anzüge bauen – dann ist alles möglich.“

Doch der Reihe nach: 2021 will Uber in den Markt für autonom fliegende Taxis einsteigen. Zwar sind noch viele Fragen offen, etwa das Verhalten in kritischen Wetterbedingungen, die Ressourceneffizienz sowie die Sicherheit im Luftraum mit einem umfassenden Traffic-Management-System. Aber gibt es wirklich ernsthafte Zweifel daran, dass wir eines Tages tatsächlich abheben werden? Schon Henry Ford sagte 1940: „Nehmen sie mich beim Wort: Eine Kombination aus Flugzeug und Auto wird kommen. Sie lächeln vielleicht, aber es wird geschehen.“