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Ulfs* WeltKolumne

Mit List und Tinte

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Drucken könnte so billig sein, wenn Drucker teurer wären. Um ihre Tinte künstlich zu verteuern, scheuen die Hersteller keine Kosten und Mühen.

23. Februar 2017

Na, ist Ihr Büro inzwischen papierlos? Microsoft ist nahe dran. Ich hingegen bin weiter weg von dieser Utopie als je zuvor. Zwar digitali­siere ich jedes Fitzelchen Papier, auf dem Aufhebens­wertes geschrieben steht, und mein Zeitungsabo ist längst auf ePaper umgestellt. Dennoch stehe ich kurz davor, die Schutzge­mein­schaft deutscher Internet­aus­dru­cker e.V. zu gründen. Die Analogisie­rung meiner Lektüre ist meine einzige Chance, weniger als 50 Browserfenster gleichzeitig offen zu halten.

Texte, die lang sind und nicht eilig, funke ich an meine Allzweck­bü­ro­ma­schine und staple die Blätter an einem stillen Örtchen. Leider huldigt ihr Hersteller dem Rockefel­ler­prinzip: Das Gerät bekommt man nachgeschmissen, verdient wird am Verbrauchs­ma­te­rial. Dagegen würde ich nichts sagen, wäre mein Drucker-Lieferant so genügsam wie ein Anbieter von Kapsel-Kaffee. Wenn der ein Pfund Espresso in Alu-Portions­dosen einschweißt, verfünffacht sich der Preis lediglich auf 35 Euro. Die sind ein guter Ausgangs­punkt für unser heutiges Rechenex­empel, denn für nur einen Euro mehr bekomme ich eine Literfla­sche feinste deutsche Pigmentt­inte, so viel, wie in 56 XL-Patronen steckt. Multipli­zieren wir die 64 Cent, die eine Ladung Tinte wert ist, mit unserem Kaffee-Faktor, kommen wir auf 3,20 Euro. Soviel darf also eine Patrone kosten, damit ich nicht weniger glücklich, zufrieden und umweltge­wis­senlos bin als ein Nespresso-Trinker.

Schade, dass wir nicht mit der Nase lesen

Faktor 5? Schön wär‘s. Selbst wenn wir eine Null dranhängen, langt‘s nicht. 32,99 Euro plus Versand nimmt der Ichbindochnicht­blöd-Onlineshop, 1863,80 Euro pro Liter. Schachtel, Kartusche und ein kleiner Chip verteuern die Tinte um 5055 Prozent. Anders gesagt: Das Drumherum macht 98 Prozent des Verkaufs­preises aus. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welchen Luxus sich markentreue Patronen­käufer leisten, vergleichen Sie die Pigmentbrühe am besten mit Chanel No. 5 oder Dior Homme: Im Magnumflacon gibt es Premium-Parfums schon ab 1000 Euro den Liter. Leider lesen wir nicht mit der Nase, sonst könnten Sie Ihren Briefen eine edle Duftnote verleihen, und die Seite wäre nicht teurer als gewohnt. Immerhin ließe sich langweilige Schwarzt­inte durch Zugabe einiger Spritzer Eau de Cologne olfaktorisch aufwerten.

Ich könnte das jetzt tun, denn ich habe mir nachfüll­bare Patronen bestellt. Sie sind die Antwort auf ein Geschäfts­mo­dell, das in seiner Ruchlosig­keit zum Himmel stinkt. Die Druckerpro­du­zenten begnügen sich nämlich nicht damit, für Kartuschen in den Konfektio­nie­rungen voll, halbvoll und fast leer Mondpreise zu verlangen. Sie sehen auch nicht ein, guten Kunden angemessene Mengenra­batte zu gewähren.

Nur Tintenpa­tronen sind vor Hackern sicher

Wer jetzt glaubt, mit seiner privaten Tintentank­stelle sei unsereins seine Sorgen los, unterschätzt den Einfalls­reichtum, mit dem die Hersteller versuchen, uns das Fremdgehen zu verleiden. So speichert der Drucker den Rest-Tintenstand auf dem erwähnten Chip an der Patrone. Der Pegel wird aber nicht etwa gemessen, sondern hochgerechnet. Das merkt man, wenn mal die Düsen verstopft sind. Nach jedem Aufruf des Programms „Düsenrei­ni­gung“ sinkt dann der angezeigte Füllstand, obwohl der Inhalt – wie die Briefwaage verrät – gar nicht weniger wird. Dem Drucker ist aber egal, wieviel Tinte noch in der Patrone ist. Sobald der Chip meldet, die Patrone sei leer, tritt er in den Streik. Da können die Düsen noch so frei sein.

Damit nicht genug. Der Auffangtank für überschüs­sige Tinte, der aus solchen Aktionen schließt, er werde immer voller, kann den Drucker ebenso lahmlegen wie eine leere gelbe Patrone, wenn ich eigentlich nur schwarz drucken will. Eine Reset-Funktion gibt es nicht, und einen Resttinten­tank mit jungfräu­li­chem Chip kriegt man nicht mal schnell im Laden. Das System ist so verteufelt gut abgesichert, dass Hacker lieber mal schnell die Firewall des BND penetrieren, als sich monatelang vergeblich am Freischalten der Resttinte abzuarbeiten. Immerhin verkaufen subversive Online-Händler unlizensierte Ersatzchips, die angeblich den Drucker überlisten. Leider werden sie nach einmaligem Einsatz unbrauchbar. Die Schutzgeld­mafia wäre vermutlich stolz auf so ein Patent.

Klolektüre 4.0

Der trickreiche Chip kurbelt nicht nur den Absatz an Original-Patronen an. Er treibt auch Fremdgänger wie mich zur Verzweif­lung. Die digitale Tintenstands­an­zeige könnte mir gestohlen bleiben, denn meine Nachfüll­kar­tu­schen sind transparent. Deren Chips brauchen angeblich nicht mal einen Reset. Ich tanke also voll, doch der Drucker mault: „fast leer“. Jetzt gab mir jemand den Tipp, zu warten, bis er „leer“ anzeigt, und die Patrone für zehn Sekunden herauszu­nehmen.

Mal sehen, vielleicht klappt‘s. Wenn nicht, ist es ein Wink des Schicksals, dass ich dem papierlosen Büro nicht mehr entrinnen kann. Dabei wollte ich eigentlich vermeiden, für die ungestörte Lektüre am stillen Örtchen ein iPad Pro mit Schwenkarm an die Wand zu hängen. Günstiger, als alles mit Original­tinte auszudru­cken, ist die Investition aber ganz bestimmt.