Frauen sind in der IT noch immer die Ausnahme Pinkypills
Technik

Frauen in der IT

Die Entwicklerinnen

Ob in Hörsälen oder Chefetagen der Softwareunternehmen: Frauen sind in der Computerbranche noch immer die Ausnahme. Laut Bitkom-Studie liegt ihr Anteil in IT-Berufen bei 15 Prozent. Doch es geht auch anders. Fünf Frauen und ihre Geschichten.

02. März 2017

Fünf Frauen, die in der IT-Branche zuhause sind

Dr. Simone Gramsch – Mathematikerin und Entwicklerin am Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM), Kaiserslautern

„Das ist nichts für Mädchen.“ Sätze wie diese verhindern Karrieren, ist Simone Gramsch überzeugt. Ihre Eltern sagten das zum Glück nie. Weder, als sie beim Judo mit den Jungs raufte, noch, als sie in Mathematik promovierte. Heute programmiert Gramsch am Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik in Kaiserslautern eine Software zur Prozessoptimierung der Herstellung von Vliesstoffen, die zum Beispiel in Windeln vorkommen. Der Clou: Das von ihr mitentwickelte Programm FIDYST (Fiber Dynamics Simulation Tool) simuliert die Dynamik der Polymer-Fäden, aus denen der Vliesstoff besteht, und erspart Experimente an echten Anlagen. „Als ich 2006 ans Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik kam, freuten sich die Kollegen, dass endlich eine Frau im Team ist“, erzählt Gramsch. Doch auch wenn die Quote im Kollegium heute etwas höher ist, sieht sie bei Doktoranden und in Hörsälen wenig Veränderung. Dabei sei ihr Job für Frauen optimal, um Familie und Beruf zu vereinen, findet die zweifache Mama. Denn programmieren kann man auch von Zuhause. Gramsch sagt: „Wer Mädchen für dieses Berufsfeld begeistern will, sollte früh anfangen, am besten in der Grundschule."

Glenna Buford – Spieleentwicklerin bei Wooga und Leiterin der Organisation „Women Who Code Berlin“

Die US-Amerikanerin Glenna Buford studierte Mathematik und Informatik und ist heute beim Berliner Spieleentwickler Wooga verantwortlich für die technische Weiterentwicklung des Spiels „Jelly Splash“ für iOS-Geräte. Sie ist Vorsitzende der Berlin-Gruppe von „Women Who Code“, einer weltweiten Organisation, die sich für die Vernetzung und Förderung von Frauen in IT-Berufen einsetzt. „Es dauert lange, die Einstellungen in den Köpfen der Menschen zu ändern. Aber je mehr Vorbilder junge Mädchen haben, desto mehr werden sich für Technik-Berufe entscheiden“, sagt Buford. Auch wenn in den vergangenen Jahren viel passiert sei, um mehr auf das Thema aufmerksam zu machen, sieht sie die Verantwortung weiterhin bei den Unternehmen: „Die Industrie muss offener werden, nicht nur in Hinblick auf Geschlechtervielfalt. Es ist wichtig, dass Unternehmen Programme unterstützen, die jungen Mädchen zeigen, dass auch sie Spiele-Entwicklerinnen oder Programmiererinnen werden können, wenn sie es wollen.“

Dr. Carola Lilienthal – Software-Architektin und Mitglied der Geschäftsführung bei Workplace Solutions (WPS), Hamburg

1983 kaufte ihr Vater einen Commodore C64 und entfachte das Feuer in ihr. Mit dem Fernseher als Monitor schrieb Carola Lilienthal darauf die ersten Programme, zum Leid ihrer Brüder, die lieber fernsehen wollten. Heute ist Lilienthal Mitglied der Geschäftsführung des Hamburger Softwareunternehmens Workplace Solutions (WPS). „Ich hatte in meiner Kariere immer wieder mit Leuten zu tun, die skeptisch waren, ob ich als Frau überhaupt programmieren oder komplexe Architekturen verstehen kann.“ Gleichzeitig sei sie immer gefördert worden – ob in der Schule oder später von ihrer Doktormutter. „Viele Frauen denken, dass Informatik abstrakt wie Physik oder Mathematik ist. Deshalb probieren sie das Fach nicht aus“, sagt die Software-Architektin. Viele seien vom „Nerd-Image“ abgeschreckt und wüssten nicht, wie kommunikativ und kooperativ der Beruf Informatikerin heute ist. Je diverser ein Team, desto besser das Ergebnis, davon ist Lilienthal überzeugt. „Wir bei WPS haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, den Frauenanteil zu erhöhen. Inzwischen sind wir bei 25 Prozent unter den Informatikern. Ein beachtliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass nur elf Prozent der Erstsemester in Informatik Frauen sind“, sagt Lilienthal.

Diana Ilithya – Freiberufliche Frontend-Entwicklerin und Webdesignerin, Hamburg

„Vergiss’ Klischees und sei leidenschaftlich“, lautet das Motto von Diana Ilithya. Die Hamburger Frontend-Entwicklerin und Webdesignerin ist ein Beispiel dafür, dass der Weg in die IT oft alles andere als geradlinig verläuft. Die gebürtige Mexikanerin arbeitete zuerst im Marketing und als Grafikdesignerin im kalifornischen Santa Cruz, folgte dann der Liebe in die Hansestadt. Die Freiberuflerin programmiert Websites für unterschiedlichste Kunden. Ihre Fähigkeiten in HTML, CSS, JavaScript oder PHP brachte sie sich größtenteils selbst bei. „Das war anfangs ziemlich frustrierend, aber ich habe nicht aufgegeben, zu lernen und auszuprobieren, und wurde immer besser. Ich bin noch nicht die Wahnsinns-Entwicklerin, die ich eines Tages sein will. Aber ich hoffe, dass ich viele andere junge Frauen inspiriere“, erzählt Diana. Ihr Erfolgsrezept: Kooperation statt Konkurrenz. „Unsere Branche wächst kontinuierlich und entwickelt sich sehr schnell. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Deshalb ist es wichtig, sein Wissen zu teilen.“

Susanne Kaiser – Software-Entwicklerin für Kollaborations-Apps bei der Just Software AG, Hamburg

Als CTO der Just Software AG arbeitet Susanne Kaiser an der Entwicklung von Just Social, einer Kollaboration-Lösung, das die Zusammenarbeit von Teams erleichtern soll. Während eines Traineeships kam sie erstmals mit dem Programmieren in Berührung. Ihr Interesse für Software-Entwicklung war geweckt, sie hing die kaufmännische Laufbahn an den Nagel und studierte Informatik. Grund für den Frauenmangel in der IT-Branche ist aus ihrer Sicht das Image: „Einerseits lastet der Branche das Stigma der Einzelkämpfer ohne soziale Interaktion im dunklen Kämmerlein an. Andererseits hält sich der Mythos, dass sehr gute Mathe-Noten und die Begeisterung für Technik seit Kindheitstagen zwingend notwendig sind.“ Das schrecke junge Frauen ab. Kaiser ist in einer Maschinenbauer-Familie groß geworden. Ein überwiegend männliches Umfeld ist ihr nicht fremd. „Ich habe sehr gute Erfahrungen mit meinen Kollegen gemacht. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass diverse Teams - sei es in Hinblick auf Geschlecht, Kultur oder Sprache – innovativer sind.“ Frauen müssen sichtbarer werden, sagt Kaiser. Auch bei Panel-Diskussionen und Tech-Konferenzen, auf deren Podien viel zu häufig nur weiße Männer in Anzügen vertreten sind. Das zu ändern, sei die Aufgabe von Männern und Frauen: „Frauen müssen ihre Komfortzone verlassen, um sichtbarer zu werden und andere Frauen zu unterstützen. Männer sollten nicht nur aus ihrem männlich geprägten Netzwerk fischen, um die technischen Bühnen diverser zu gestalten.“

Autor

Lisa Kräher, freie Journalistin

Bernd Seidel & Friends