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TrendDie Zukunft der Logistik

Wenn der Roboter das Paket bringt

Lesezeit ca.: 4 Minuten

Susanne Schophoff

freie Journalistin

Der E-Commerce boomt. Nie zuvor wurden so viele Pakete an private Empfänger versandt wie heute. Das fordert die Logistik der letzten Liefermeile. Abhilfe schaffen technische Innovationen.

16. März 2017

Haben Sie heute auch schon per Klick eingekauft? Der Onlinehandel boomt. Der Umsatz betrug im Jahr 2015 in Deutschland 53 Milliarden Euro, im Jahr 2017 soll er auf 73 Milliarden steigen. Bundesweit stellten die Paketdienste im Jahr 2015 rund 2,9 Milliarden Pakete zu. Eine Milliarde mehr als zehn Jahre zuvor. Das wirkt sich mitunter schädlich aus: Die Abgase der Zuliefer­laster verschmutzen die Luft, das Parken in zweiter Reihe verstopft die Straßen. Es muss sich etwas ändern. Die Logistik ist gefordert.

Abhilfe schaffen technische Innovationen, sagen Forscher des Fraunhofer Instituts für Material­fluss und Logistik (IML). Sie haben die Herausfor­de­rungen der Logistik­branche in der ZF-Zukunfts­studie 2016 analysiert. Im Fokus steht die letzte Liefermeile, der Weg vom regionalen Depot des Paketdienstes zum Kunden. Sie macht rund 50 Prozent der gesamten Zustellkosten aus (Quelle: Unterneh­mens­be­ra­tung A. T. Kearney). Die Studie untersucht technolo­gi­sche Trends, die in den kommenden 15 Jahren relevant sein werden. Wir stellen drei Konzepte vor:

1. Der Zustellro­boter

  • Nutzlast: 10 Kilogramm
  • Höchstge­schwin­dig­keit: 6 Kilometer pro Stunde
  • Einsatzra­dius: 7 Kilometer

In Zukunft bringt der Roboter das Paket. Er liefert nur dann, wenn es dem Kunden zeitlich passt. Er kommt leise und ohne CO2-Ausstoß. Er wird freundlich begrüßt und als persönli­cher Kurier vom Kunden ins Herz geschlossen. Ginge es nach den Erfindern der Starship-Roboter, sieht so die Zukunft der Logistik aus.

Die Roboter werden in der estnischen Hauptstadt Tallinn programmiert und zusammen­ge­schraubt und sollen in den Innenstädten dieser Welt autonom Pakete austragen. „Wir entwickeln robotische Lieferlö­sungen für die letzte Meile“, sagen die Gründer des Startups Starship-Technolo­gies, der Däne Janus Friis und der Este Ahti Heinla, die schon Skype groß gemacht haben. Prototypen ihrer Kurier-Roboter sind bislang in mehr als 50 Städten in 16 Ländern gerollt. So fanden Tests im Londoner Stadtteil Greenwich statt, bei der Schweize­ri­schen Post, in Washington und Kalifornien und mit Hermes in Hamburg.

„Begrüße deinen persönli­chen Kurier“, wirbt der Hersteller. Dabei wirkt der Bote so gar nicht menschlich. Er sieht eher aus wie ein „Eimer auf Rädern“, sagt ein Testkunde. Äußerlich unscheinbar, innerlich überzeugend: Der Roboter kombiniert GPS und Bilderken­nungs­soft­ware für die Ortung, Kameras und Einparksen­soren für das Vermeiden von Zusammen­stößen, Mobilfunk für die Kommunika­tion.

Höchstens 30 Minuten soll das Zustellen vom Paketshop zum Kunden dauern. Auf den letzten Metern muss der Kunde seinem Kurier allerdings entgegen­kommen – das Wägelchen kann weder Treppen steigen noch Gartentore öffnen. Die ZF-Zukunfts­studie stellt ihm dennoch eine gute Prognose: Im Jahr 2030 sollen in Deutschland bis zu 400 Millionen Pakete per Roboter geliefert werden.

2. Die Lieferdrohne

  • Nutzlast: 2,5 Kilogramm (in Ausnahmen bis zu 100 Kilogramm)
  • Geschwin­dig­keit: 30 bis 100 Kilometer pro Stunde
  • Einsatzra­dius: 15 Kilometer 

Wer online bestellt, hält das Produkt spätestens 30 Minuten später in der Hand. Geliefert wird auf dem Luftweg. Eine Drohne schwebt über dem Balkon oder Garten und lädt das Paket ab. Diese Vision trägt den Namen „Amazon Prime Air“. Laut eigenen Angaben testet der Onlinehändler Amazon bereits mehrere Dutzend Prototypen. Am Ende soll es die perfekte Drohne für jede Liefersi­tua­tion geben.

Experten stehen diesem Szenario jedoch skeptisch gegenüber. Mit einer massenhaften Zustellung von Paketen durch Lieferdrohnen im urbanen Raum rechnen sie nicht. Die ZF-Zukunfts­studie 2016 nennt Hürden: Erstens würden für die Flugroboter die strengen Richtlinien der Luftfahrt gelten. Jeder Transport­flug bräuchte eine Genehmigung. In vielen sensiblen Zonen wie beispiels­weise dem Berliner Regierungs­viertel dürften Drohnen überhaupt nicht verkehren. Zweitens seien die autonomen Flieger potenziell gefährlich. Sie könnten Ladungen verlieren oder mit Vögeln kollidieren und abstürzen.

Vielleicht aber haben die Lieferdrohnen vor allem in entlegenen Regionen abseits der Metropolen eine Zukunft. Dort sind die Richtlinien für die Luftfahrt oftmals weniger streng. In Ruanda wird derzeit der erste Drohnenflug­hafen der Welt gebaut. Die Miniflug­zeuge sollen Medikamente in abgelegene oder schwer zugängliche Gebiete bringen. Das Konzept mit Modellcha­rakter haben Forscher der ETH Zürich mitentwi­ckelt.

Eine andere Idee für Drohnen (im Niedrigflug­be­reich und mit geringem Einsatzra­dius) geht mit einer weiteren technischen Innovation einher:

3. Der autonome Liefervan

  • Antrieb: E-Motor mit 75 Kilowatt (entspricht 102 PS)
  • Reichweite: 270 Kilometer von der Basis entfernt

In der Stadt von Morgen fahren autonome Liefervans sauber und leise durch die Straßen und bringen den Kunden die Dinge des täglichen Bedarfs. Unterstützt werden die Vans von Drohnen. Sie starten und landen von einer Plattform auf dem Dach und bringen die Ware bis zur Haustür oder auf den Balkon des Empfängers. Zwei Automobil­her­steller haben bislang dazu Konzepte präsentiert: Daimler stellte 2016 den „Mercedes Vision Van“ vor, Ford im Februar 2017 „Autolivery“.

Die ZF-Zukunfts­studie rechnet dem autonomen Fahren auf der letzten Liefermeile gute Chancen aus. „Es stellt sich nicht die Frage, ob das autonome Fahren Realität wird, sondern nur wann es gesellschaft­lich akzeptiert und politisch hinreichend reglemen­tiert ist“, wird in der Studie Karl Pfaff zitiert, Director Sales Development, General Logistics Systems Germany GmbH & Co. OHG. Ford beispiel­weise gibt an, sein Konzept bis zum Jahr 2021 verwirkli­chen zu wollen.

Aber nicht nur Drohnen könnten die autonomen Liefervans beim Zustellen der Ware unterstützen, sondern auch, ganz klassisch: der Mensch. Während der Van die Straße entlang schleicht, übergibt der Paketbote die Ware, schildert die ZF-Zukunfts­studie ein mögliches Szenario. Das dürfte jene Kunden überzeugen, die ihre Pakete auch weiterhin gerne wirklich persönlich entgegen nehmen.