Reifen mit Anker im Boden ChristianLohman
Ulfs* Welt

Kolumne

Sehnsucht nach dem Wagenheber

Unser Kolumnist hat leider ein neues Auto. Sein persönliches Unwort des Jahres heißt: „Reifendrucksensor“.

23. März 2017

Blumen sprießen, Vögel zwitschern, vom Eise befreit sind Straß‘ und Gassen. Bis vor zwei Jahren hieß das für mich: Auto vor die Garage fahren, Hydraulik-Wagenheber drunterschieben, die Nuss auf den Drehmoment-Schlüssel klicken und nix wie runter mit den Winterschlappen! Wenn mal wieder Auswuchten fällig war, konnte ich jede Autowerkstatt anrufen und bekam ganz schnell einen Termin, und es war kein teurer Spaß.

Leider habe ich seit vorigem Jahr ein neues Auto. Zu den Errungenschaften, die mir der Hersteller erstmals angedeihen ließ, gehören leider nicht nur Heizfäden im Lenkrad und der Windschutzscheibe, das automatische Fahrlicht und der Regensensor – alles Dinge, die ich in diesem Winter zu schätzen lernte. Neuerdings haben sogar meine Räder Sensoren. Serienmäßig! Die Messfühlerchen sollen den Reifendruck überwachen. Klingt ja gut und praktisch. Wenn mich der Wagen rechtzeitig warnt, bevor den Pneus die Puste ausgeht, brauche ich weniger Sprit und habe weniger Verschleiß. Aber ganz ehrlich: Würden wir, Sie und ich, uns so ein Extra leisten, wenn es nicht im Preis enthalten wäre? Wohl kaum. Deshalb hat der Gesetzgeber verfügt, dass wir nicht gefragt werden, was wir wollen, und den Autokonzernen erlaubt, uns mit dieser Technik zwangszubeglücken, indem er ihnen den Einbau sogar vorschrieb.

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Mit zehntausend Kilometern praktischer Erfahrung kann ich heute sagen: Ich bin schwer unterwältigt von dieser Innovation. Es fing schon an, als es im vorigen Frühling Zeit wurde für die Sommerreifen. Mit dem Räderwechsel im Do-it-yourself-Verfahren war‘s nämlich Essig. Wir leben zwar im Zeitalter selbstlernender Systeme, aber mit der künstlichen Intelligenz der RDKS (Reifendruckkontrollsyteme) ist es leider nicht weit her. Nach jeder Montage müssen sie aufs Neue „trainiert“ werden. Sobald das Rad ab ist, vergessen sie alles, was ihnen der Kfz-Mechatroniker mühsam beigebracht hatte. Wer als Laie einfach Räder tauscht, den befehligt der Bordcomputer umgehend in die Werkstatt. Und wer möchte sich schon den Spruch anhören, solche Kunden liebe man, die sich den Lohn fürs Montieren sparen wollen, dann aber für den anspruchsvollen Teil angedackelt kommen?

Also fügt man sich in sein Schicksal und fragt untertänigst nach einem Termin. Bin ich vor Jahresfrist noch einer der ersten Kunden, die vom Sommerräder-Frühbucher-Sonderpreis profitieren, so erweist sich der Rücktausch als echtes Problem. Mitte Oktober sind alle, aber auch wirklich alle üblichen Verdächtigen im Vertröstungs- oder Abwimmelmodus. Die Kfz-Innung hat anscheinend den Orthopäden die Sprechstundenhilfen abgeworben. Keine Vertragswerkstatt, kein A.T.U., kein Vergölst und was es im Landkreis noch so gibt, hat Zeit. Ja, in drei, vier Wochen gebe es eine Lücke. Um sich die Kunden vom Hals zu halten, drohen einige unverblümt mit einer Rechnung im Gegenwert einer Kleinwagen-Tankfüllung Superbenzin.

Nothing learned by doing

Getrieben von akuter Schneefall- und Bußgeldphobie, versuche ich mein Glück bei einer kleinen inhabergeführten Werkstatt in der Nähe, die eigentlich aufs Restaurieren von Youngtimern spezialisiert ist. Ich muss nur eine Woche warten, der Preis ist verkraftbar. Als ich den Wagen abhole, zeigt der Bordrechner brav den Druck aller vier Reifen an – und dass jemand mit meinem Auto eine kleine Spritztour von zehn Kilometern gemacht hat. Machen musste. Zum Sensortraining gehört nämlich Learning-by-driving. Die Hebebühne genügt nicht mehr für den Job.

Keine zehn Kilometer bin ich selbst gefahren, da spielt beim Anlassen der Bordcomputer verrückt. Die Sensoren verweigern jede Kommunikation, die Fehlermeldung okkupiert das ganze Display. Also zurück zum Meister. Der ruft beim Hersteller des sündhaft teuren Geräts an, dass er sich eigens hat anschaffen müssen, um überhaupt noch am Saisongeschäft Räderwechsel teilhaben zu dürfen. Der Hersteller schickt am nächsten Tag einen Techniker vorbei. Der werkelt zwei Stunden gemeinsam mit dem hauseigenen Mechatroniker herum, bis mein Wagen Ruhe gibt. Jedes Fabrikat erfordert eine andere Software-Variante. Zum Glück muss ich die Arbeitszeit nicht bezahlen; für den armen Werkstattbesitzer war‘s allemal ein Verlustgeschäft.

Vielen Dank auch, Herr Dobrindt!

Und wofür das alles? Einen Druckabfall in der Kabine... äh, im linken Vorder- oder rechten Hinterreifen hat mein Auto im ersten Jahr nicht gemeldet, wohl aber – aus heiterem Himmel mitten während der Fahrt – meine Drucksensoren würden gerade trainiert. So etwas könne passieren, wenn große Temperaturunterschiede auftreten, tröstet mich mein Autohändler. Na Klasse! Innovation in der Autobranche heißt also: Ich kann nicht mehr Räder wechseln, wann ich mag, bin aber dran, wenn ich‘s nicht dann tue, wenn ich müsste.

Autor

Ulf J. Froitzheim, freier Journalist

z. B. für brand eins, designreport und Technology Review