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TechnikInnovationen in der IT

Die ethi­sche Maschine

Lesezeit ca.: 4 Minuten

Susanne Schophoff

freie Journalistin

Neue Technolo­gien begleiten unser tägliches Leben und bestimmen es immer mehr. Maschinen werden aber oftmals nicht gebaut, um den Menschen zu unterstützen, sondern um Kosten zu sparen oder die Effizienz zu steigern, sagt die Wirtschafts­in­for­ma­ti­kerin Sarah Spiekermann. Sie fordert eine IT, die sich an menschli­chen Werten orientiert.

07. April 2017

Wem nutzen technolo­gi­sche Innovationen? Sind sie mit unserem ethischen Grundgerüst vereinbar? Helfen Sie, Werte wie Freundschaft oder Freiheit zu pflegen, mehr Wissen zu erlangen oder gesünder zu leben?

Die Informatik­pro­fes­sorin Sarah Spiekermann stellt diese Fragen. Sie kritisiert die IT-Branche, weil sie Innovationen entwickle, die dem Menschen nicht dienen, sondern ihn hindern, sich zu entfalten. In einem Interview mit dem Wirtschafts­ma­gazin Brand eins nannte sie Beispiele wie „Telefone, die mich dauernd unterbre­chen, Autos, die mich ständig anpiepsen, oder Apps, die meine sensibelsten Daten weiterlei­te­ten“. Die Professorin leitet das Institut für BWL und Wirtschafts­in­for­matik an der Wirtschafts­uni­ver­sität Wien und ist überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Sie hat eine Vision für die IT der Zukunft entwickelt. Es ist ein Modell, das auf dem Leitgedanken basiert: „Der Mensch steht über der Technik. Die Maschinen sind unsere Sklaven und nicht umgekehrt.“ Spiekermann nennt ihr Konzept „Die ethische Maschine“. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu:

Was sind ethische Maschinen?

Das sind Maschinen, die den Menschen unterstützen, sich frei zu entfalten oder menschliche Werte wie Vertrauen, Freiheit oder Freundschaft pflegen. Kurzum: Maschinen, die unser Leben besser machen. „Es geht dabei nicht um Roboter, die ethisch handeln. Eine Maschine kann nicht moralisch sein, weil ihr das Bewusstsein und die Fähigkeit zur Verantwor­tung fehlen“, sagte Spiekermann im Interview mit Brand eins. Die Programmierer und Ingenieure müssten ihre Ideen und Produkte besser reflektieren und „schon im Entwicklungs­pro­zess Gut und Böse voneinander unterschei­den“.

Warum brauchen wir ethische Maschinen?

Im Jahr 2045 wird es so weit sein: Mensch und Computer verschmelzen, das Gehirn zieht in einen Rechner um und das Bewusstsein wird in Software verwandelt. Die Maschinen übertreffen den Menschen an Intelligenz. Wir sehen uns der GNR-Revolution gegenüber, dem Zeitalter der Genetik, Nanotech­no­logie und Robotik. Diese Vision der Zukunft beschreibt Ray Kurzweil in seinem Buch „The Singularity is Near“. Kurzweil ist Product Engineering Director bei Google. Im Silicon Valley sind die Anhänger seiner Ideen eine ernst zu nehmende Bewegung. Diesem Zukunfts­mo­dell möchte Sarah Spiekermann mit ihrem Projekt „Die ethische Maschine“ etwas entgegen­setzen: eine Vision, dem kein „menschen­ver­ach­tendes Menschen­bild“ zugrunde liegt.

Wie entwickelten sich IT-Innovationen bislang?

Die Wirtschafts­in­for­ma­ti­kerin unterscheidet zwei Phasen:

Phase 1 – die Funktiona­lität

Sie beginnt in den 1980er-Jahren und endet etwa zur Jahrtausend­wende. Die IT-Branche schuf Produkte und Ideen, die dem Kunden echten Nutzen brachten. Beispiele sind Microsoft Word, die ersten E-Mail-Programme, Mobiltele­fone und die sozialen Netzwerke. Innovationen entstanden unter der Prämisse „form follows function“.

Phase 2 – die Ästhetik

Diese Phase lehnt sich an den Aufstieg Apples zum weltweit einfluss­reichsten IT-Konzern an. Steve Jobs krempelte die Technikwelt um, indem er mit „form follows function“ aufräumte und einen immateri­ellen Wert in die IT brachte: Schönheit. Die Konkurrenz zog nach. Heute haben alle Geräte eine gewisse Ästhetik, schön und einfach müssen sie sein. Ein entschei­dender Wettbewerbs­vor­teil ist das gegenwärtig nicht mehr.

Welche Innovationen aus der IT-Welt sind künftig gefragt?

„Die nächste Generation Technik verkauft sich nur noch über Werte“, sagte Spiekermann in einem Vortrag auf der Digitalkon­fe­renz re:publica in Berlin. Sie stellt die Innovationen der Zukunft unter den Leitbegriff: „wertebasiertes Design“. In jedem Schritt des Entwicklungs­pro­zesses, von der Konzeption bis zur Marktein­füh­rung, müssten alle ihre Arbeit an der Frage ausrichten: Wie kann die Maschine dem Menschen dienen? „Wir wachsen als Informatiker in die Ingenieurs­dis­zi­plin hinein. Maschinen, die wir bauen, müssen wir von Anfang an gut durchdenken und uns überlegen, was richtig und was falsch sein könnte.“

Gibt es bereits ethische Maschinen oder wirtschaft­li­ches Interesse an diesem Konzept?

Das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), ein weltweiter Berufsver­band aus 430.000 Ingenieuren mit Sitz in New York City, will mithilfe des Konzepts eine Leitlinie für die ethische Technikent­wick­lung verfassen. Damit soll garantiert werden, dass das menschliche Wohlbefinden in autonomen und auf künstlicher Intelligenz basierenden Systemen Priorität hat. Einen ersten Bericht dazu veröffent­lichte das Institut im Dezember 2016.

Es gebe zudem bereits IT-Firmen, die sich auf Werte besinnen, sagte Spiekermann gegenüber Brand eins. Als Beispiel nannte sie GSMK aus Berlin. Die Firma baut abhörsichere Mobiltele­fone. Sie dienen dem Menschen, indem sie seine Privatsphäre schützen. Zudem sponn die Wirtschafts­in­for­ma­ti­kerin auf der re:publica eigene Ideen: ein smarter Teddy, der Streit zwischen Kindern schlichtet, virtuelle Agenten, die per Augmented-Reality-Brillen unsere individu­ellen Alltagsbe­rater werden oder Maschinen, die berücksich­tigen, wie Musik unsere Wahrnehmung beeinflusst.