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Technik

Innovationen in der IT

Die ethische Maschine

Neue Technologien begleiten unser tägliches Leben und bestimmen es immer mehr. Maschinen werden aber oftmals nicht gebaut, um den Menschen zu unterstützen, sondern um Kosten zu sparen oder die Effizienz zu steigern, sagt die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann. Sie fordert eine IT, die sich an menschlichen Werten orientiert.

07. April 2017

Wem nutzen technologische Innovationen? Sind sie mit unserem ethischen Grundgerüst vereinbar? Helfen Sie, Werte wie Freundschaft oder Freiheit zu pflegen, mehr Wissen zu erlangen oder gesünder zu leben?

Die Informatikprofessorin Sarah Spiekermann stellt diese Fragen. Sie kritisiert die IT-Branche, weil sie Innovationen entwickle, die dem Menschen nicht dienen, sondern ihn hindern, sich zu entfalten. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Brand eins nannte sie Beispiele wie „Telefone, die mich dauernd unterbrechen, Autos, die mich ständig anpiepsen, oder Apps, die meine sensibelsten Daten weiterleiteten“. Die Professorin leitet das Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist überzeugt, dass sich etwas ändern muss. Sie hat eine Vision für die IT der Zukunft entwickelt. Es ist ein Modell, das auf dem Leitgedanken basiert: „Der Mensch steht über der Technik. Die Maschinen sind unsere Sklaven und nicht umgekehrt.“ Spiekermann nennt ihr Konzept „Die ethische Maschine“. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu:

Was sind ethische Maschinen?

Das sind Maschinen, die den Menschen unterstützen, sich frei zu entfalten oder menschliche Werte wie Vertrauen, Freiheit oder Freundschaft pflegen. Kurzum: Maschinen, die unser Leben besser machen. „Es geht dabei nicht um Roboter, die ethisch handeln. Eine Maschine kann nicht moralisch sein, weil ihr das Bewusstsein und die Fähigkeit zur Verantwortung fehlen“, sagte Spiekermann im Interview mit Brand eins. Die Programmierer und Ingenieure müssten ihre Ideen und Produkte besser reflektieren und „schon im Entwicklungsprozess Gut und Böse voneinander unterscheiden“.

Warum brauchen wir ethische Maschinen?

Im Jahr 2045 wird es so weit sein: Mensch und Computer verschmelzen, das Gehirn zieht in einen Rechner um und das Bewusstsein wird in Software verwandelt. Die Maschinen übertreffen den Menschen an Intelligenz. Wir sehen uns der GNR-Revolution gegenüber, dem Zeitalter der Genetik, Nanotechnologie und Robotik. Diese Vision der Zukunft beschreibt Ray Kurzweil in seinem Buch „The Singularity is Near“. Kurzweil ist Product Engineering Director bei Google. Im Silicon Valley sind die Anhänger seiner Ideen eine ernst zu nehmende Bewegung. Diesem Zukunftsmodell möchte Sarah Spiekermann mit ihrem Projekt „Die ethische Maschine“ etwas entgegensetzen: eine Vision, dem kein „menschenverachtendes Menschenbild“ zugrunde liegt.

Wie entwickelten sich IT-Innovationen bislang?

Die Wirtschaftsinformatikerin unterscheidet zwei Phasen:

Phase 1 – die Funktionalität

Sie beginnt in den 1980er-Jahren und endet etwa zur Jahrtausendwende. Die IT-Branche schuf Produkte und Ideen, die dem Kunden echten Nutzen brachten. Beispiele sind Microsoft Word, die ersten E-Mail-Programme, Mobiltelefone und die sozialen Netzwerke. Innovationen entstanden unter der Prämisse „form follows function“.

Phase 2 – die Ästhetik

Diese Phase lehnt sich an den Aufstieg Apples zum weltweit einflussreichsten IT-Konzern an. Steve Jobs krempelte die Technikwelt um, indem er mit „form follows function“ aufräumte und einen immateriellen Wert in die IT brachte: Schönheit. Die Konkurrenz zog nach. Heute haben alle Geräte eine gewisse Ästhetik, schön und einfach müssen sie sein. Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist das gegenwärtig nicht mehr.

Welche Innovationen aus der IT-Welt sind künftig gefragt?

„Die nächste Generation Technik verkauft sich nur noch über Werte“, sagte Spiekermann in einem Vortrag auf der Digitalkonferenz re:publica in Berlin. Sie stellt die Innovationen der Zukunft unter den Leitbegriff: „wertebasiertes Design“. In jedem Schritt des Entwicklungsprozesses, von der Konzeption bis zur Markteinführung, müssten alle ihre Arbeit an der Frage ausrichten: Wie kann die Maschine dem Menschen dienen? „Wir wachsen als Informatiker in die Ingenieursdisziplin hinein. Maschinen, die wir bauen, müssen wir von Anfang an gut durchdenken und uns überlegen, was richtig und was falsch sein könnte.“

Gibt es bereits ethische Maschinen oder wirtschaftliches Interesse an diesem Konzept?

Das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), ein weltweiter Berufsverband aus 430.000 Ingenieuren mit Sitz in New York City, will mithilfe des Konzepts eine Leitlinie für die ethische Technikentwicklung verfassen. Damit soll garantiert werden, dass das menschliche Wohlbefinden in autonomen und auf künstlicher Intelligenz basierenden Systemen Priorität hat. Einen ersten Bericht dazu veröffentlichte das Institut im Dezember 2016.

Es gebe zudem bereits IT-Firmen, die sich auf Werte besinnen, sagte Spiekermann gegenüber Brand eins. Als Beispiel nannte sie GSMK aus Berlin. Die Firma baut abhörsichere Mobiltelefone. Sie dienen dem Menschen, indem sie seine Privatsphäre schützen. Zudem sponn die Wirtschaftsinformatikerin auf der re:publica eigene Ideen: ein smarter Teddy, der Streit zwischen Kindern schlichtet, virtuelle Agenten, die per Augmented-Reality-Brillen unsere individuellen Alltagsberater werden oder Maschinen, die berücksichtigen, wie Musik unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Autor

Susanne Schophoff, freie Journalistin

Bernd Seidel & Friends