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TrendVernetzte Mobilität

Das Geschäft mit den Fahr­zeug­daten

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Lisa Kräher

Lisa Kräher

freie Journalistin

Laut einer McKinsey-Studie könnten bis 2030 weltweit rund 750 Milliarden US-Dollar Umsatz mit den Informationen smarter Autos generiert werden. Datenbasierte Dienstleis­tungen bieten dem Fahrer Sicherheit und Komfort. Doch welche Bedenken gibt es? Und wer macht am Ende das Geschäft: IT-Konzern oder Autohersteller?

12. April 2017

Eine Geschäfts­frau, nennen wir sie Frau Müller, ist auf dem Weg zum Meeting in der Münchner Innenstadt – und mal wieder spät dran. Gut, dass ihr smartes Auto den letzten freien Parkplatz selbst findet. Das spart Zeit. Genauso wie die Echtzeit­in­for­ma­tionen zum Stau am Mittleren Ring, dank derer sie diesen zuvor geschickt umfahren konnte. Dass demnächst ein Ölwechsel ansteht, weiß Frau Müllers Kfz-Mechaniker längst. Das Auto hat die Information per E-Mail an die Werkstatt geschickt. So oder ähnlich könnte ein alltägli­ches Szenario vernetzter Mobilität in naher Zukunft aussehen.

Datenaus­tausch als Basis der Mobilität von morgen

Schon heute sind Autos fahrende Computer, die Daten sammeln und versenden. Die Information, wie ein Auto sich bewegt und wohin es fährt, macht autonomes Fahren überhaupt erst möglich. Zudem lassen sich aus den Daten eines Fahrzeugs auch Dienstleis­tungen entwickeln, die dem Fahrer mehr Komfort und Sicherheit bieten – und neue Umsatzfelder für Hersteller, Digitalun­ter­nehmen und Versicherer erschließen.

Die Vorteile, die datengetrie­bene Autos versprechen, sind vielseitig: So könnte, ganz banal, die smarte Elektronik beim Wiederfinden des in der Tiefgarage geparkten Autos helfen. Oder das Auto erkennt, wann der Tank leer sein wird. Der Bordcomputer könnte dann den kürzesten Weg zur nächsten Tankstelle ermitteln. Passiert ein Unfall, könnten die Standort-Daten des Autos den Notarzt schneller zur Unglücks­stelle leiten. Sogar zu einer besseren Luftqualität könnte das Datensam­meln beitragen, indem die vorgeschla­genen Routen zur Rush Hour in den Städten optimiert werden.

Eine Black-Box fürs Auto

Laut der McKinsey-Studie „Monetizing Car Data“ würden mehr als 90 Prozent der Befragten ihre Fahrdaten weitergeben, wenn ihnen damit mehr Sicherheit und Zeit- oder Kostener­sparnis garantiert würde. Über 70 Prozent der Teilnehmer würden für bestimmte Dienste bezahlen. Zahlungs­be­reit­schaft gebe es laut McKinsey-Studie vor allem für die Hilfe bei der Parkplatz­suche. Aber auch für Informationen zum Qualitäts­nach­weis bei einem Weiterver­kauf wären die Befragten bereit, ins Portemon­naie zu greifen.

Glaubt man der Studie, könnten bis 2030 weltweit bis zu 750 Milliarden Dollar mit den Daten vernetzter Autos generiert werden. Wie man mit diesen Daten Geld machen könnte, dafür gibt es unterschied­liche Ansätze. „Hersteller können die Kosten für ein solches Angebot in den Kaufpreis des Fahrzeugs einkalku­lieren; alternativ sind auch Modelle wie ein monatliches Abonnement denkbar – oder neue Optionen wie eine werbefinan­zierte kostenlose Bereitstel­lung“, erklärt McKinsey-Partner Dominik Wee in einer Pressemit­tei­lung zur Studie. Eine Art Black Box fürs Auto, die, ähnlich wie bei Flugzeugen, den genauen Ablauf von Unfällen aufzeichnet, finden drei Viertel der Befragten einer aktuellen Studie des Branchen­ver­bands Bitkom gut.

Smartes Auto, gläserner Fahrer

Mehr als die Hälfte gaben in der Bitkom-Studie jedoch auch Bedenken an, dass persönliche Fahrzeug­daten, wie zum Beispiel Wegstrecken, ohne deren Wissen von Dritten genutzt werden könnten. Der Allgemeine Deutsche Automobil­club (ADAC) kritisiert: je vernetzter das Auto, desto detaillierter das Nutzerprofil des Fahrers.

Hier spielen nicht nur die GPS-Daten, also die Information, wo sich der Fahrer bewegt, eine Rolle. So könnten Daten, wie stark ein Gurt belastet wird, Auskunft über Fahrstil und Bremsver­halten geben. Daten, wie und ob der Fahrersitz verstellt wird, könnten verraten, ob ein oder mehrere Fahrer das Auto benutzen. Aus Daten des Scheinwer­fers lässt sich ermitteln, ob der Fahrer viel nachts unterwegs ist. „Da kann man vermuten, dass es darum geht, spätere Ansprüche aufgrund von Defekten abzuwehren. Aber auch für Versiche­rungen ist das Fahrverhalten interessant“, sagt ADAC-Technikex­perte Arnulf Thiemel in einem Interview. Datenschützer fordern von den Herstellern deshalb Transparenz, was die Verwendung und Weitergabe der Daten angeht.

Kampf um die Datenhoheit

Eine Frage, die sich in diesem Zusammen­hang auch stellt: Wer schlägt aus dem Geschäft mit den Fahrzeug­daten Kapital? Längst hat zwischen Autobauern und IT-Unternehmen ein Kampf um die Datenhoheit begonnen. Denn der Einfluss von Firmen wie Google oder Apple auf die Autoindus­trie steigt durch die Digitali­sie­rung rasant. Immer mehr Kunden wollen auf Smartphone-Schnittstellen in ihren Autos nicht verzichten. Die Automobil­her­steller müssen darauf eingehen.

VW bietet zum Beispiel mit „AppConnect“ eine Schnittstellen-Lösung für Android- und iOS-Geräte an. Damit können Apps auf den Touchscreen des Infotain­ment-Systems im Auto gebracht werden. Bei Smartphones gibt es in der Regel jedes Jahr ein neues Modell. Der Entwicklungs­zy­klus der Elektronik im Auto dauert fünf oder sechs Jahre. „Da kollidieren sicher zwei Welten, und die Gefahr für Autohersteller besteht, dass sie nicht schnell genug sind“, sagt Branchen­kenner Elmar Kades von der Unterneh­mens­be­ra­tung AlixPart­ners gegenüber der Tageszei­tung DIE WELT.

Klar ist: Autohersteller können in Zukunft ihr Geld nicht nur mit dem Bau von Autos verdienen – sondern auch mit dem Angebot von Zusatzpro­dukten in Form datenbasierter Dienstleis­tungen. Ist für den Fahrer transparent, von wem und wofür seine Daten verwendet werden, können die Vernetzung smarter Autos und das Sammeln von Fahrzeug­daten viele Vorteile bringen.