Besjunior
Ulfs* Welt

Kolumne

Lieber arm dran

Ein dienstbarer Geist im Haus wäre was Feines. Leider sind brauchbare Androiden noch nichts für Normalverdiener.

25. April 2017

Zu den Privilegien meines Berufs gehört es, Menschen zu begegnen, die faszinierende Hightech entwickeln und gestalten. Neulich traf ich die Schöpfer von Paul. Einen Menschen mit Pauls Körpergröße würde man als „laufenden Meter“ veräppeln, denn er reicht einem Erwachsenen kaum bis zur Schulter. Aber Paul läuft nicht. Statt langer Beine hat er Rollen und Elektromotoren unter dem Po. Paul wiegt deutlich über zwei Zentner und ist doch, von seinem Fahrgestell abgesehen, eine schlanke und elegante Erscheinung. Schaut er einem schräg von unten ins Gesicht mit seinem schwarz-weißen Dickkopf, der die Form einer halbierten Melone hat, wirkt er recht sympathisch und vor allem sehr viel moderner als George Lucas‘ C3PO, der aussah, als sei er der Blechbüchsenarmee der Augsburger Puppenkiste entsprungen. Im Gespräch schlaumeiert Paul weniger als sein Artgenosse aus Hollywood. Er ist absolut gutmütig und beklagt sich nicht, dass sein Arbeitgeber – der Saturn-Markt in Ingolstadt – ihm keine Arme kaufen will, mit der dummen Ausrede, die brauche er nicht, um Kunden zu sagen, wo sie ihre Kaffeemaschine, ihren Computerbildschirm oder einen zuständigen Fachberater aus Fleisch und Blut finden. Deshalb muss unser humanoider Freund die Interessenten zum Regal geleiten, statt ihnen einfach einen Fingerzeig zu geben.

Haftpflicht-Police für Humanoiden

In Wirklichkeit ist bei Saturn wieder mal Geiz geil. Den Chefs des Handelskonzerns waren die Gliedmaßen schlichtweg zu teuer: Ein einziger Arm kostet so viel wie ein Premium-Kompaktauto. Hinzu kämen die Kosten für die Genehmigung seines Einsatzes zwischen arglosen Menschen sowie die Androiden-Haftpflichtversicherung, falls so eine Police überhaupt schon zu haben ist. Man muss ja leider vorsorgen für den Fall, dass ein bösartiger Hacker Paul umprogrammiert. Nicht auszudenken, dass der „autonome Verkaufsassistent“ plötzlich die Kundinnen ohrfeigt, anstatt ihnen zur Begrüßung galant eine Rose zu überreichen, wie dies sein zweiarmiger Zwillingsbruder Care-O-Bot 4 in einem Image-Video seiner Designer vom Stuttgarter Studio Phoenix tut. Diese feinmotorische Geschicklichkeit traut man ihm auf den ersten Blick gar nicht zu, denn seine Pfötchen sehen aus, als trüge er Fäustlinge. Vielleicht haben die Werbefilmer auch geschummelt und ihm heimlich die Blume in die Pranke gedrückt. Aber das würde ich ihnen verzeihen. Immerhin haben wir den ersten Serviceroboter vor uns, den niemand als Spielerei abtun kann. Ich meine: Kennen Sie jemanden, der für Spielzeug, in dem man nicht auf den Nürburgring fahren kann, einen sechsstelligen Euro-Betrag ausgibt? Soviel kostet der weiße Geselle in Vollausstattung. Noch. Dafür bekommt man einen Butler, der einem zum Beispiel formvollendet eine Flasche Brunello ans Sofa bringen oder eine Blumenvase aus dem Regal holen kann.

Kochen können sie, aber nicht aufräumen

Ich hoffe jetzt, dass alle Superreichen möglichst rasch erkennen, dass ein Leben ohne digitalen Hausgenossen trist und öde wäre. Wenn diese Early Adopters fleißig Robutler kaufen, lohnt sich bald eine billige Massenproduktion und ich kann im Saturn nicht nur mit Paul reden, sondern einen seiner Brüder, Neffen oder Großneffen gleich mit nach Hause nehmen. Ein Care-O-Bot 6, nennen wir ihn Jamie oder Oliver, sollte dann natürlich auch Finger haben – wie der Kochroboter, den die britische Firma Shadow Robotics für 2018 angekündigt hat. Dieser besteht eigentlich nur aus zwei Armen, die über dem Herd am Oberschrank hängen und Rezepte aus dem Internet nachkochen, aber leider weder etwas aus dem Kühlschrank nehmen noch ihre Hinterlassenschaften in die Spülmaschine räumen können.

Wie kommt Jamie in den ersten Stock?

Ein kleines Problem bleibt freilich. Eigentlich sollte unser mechanischer Jamie ein echter James sein und auch das Bad putzen, die Wäsche aufhängen und den Keller aufräumen können. Doch Care-O-Bots können keine Treppen steigen. Ergo brauchen wir noch einen zweiten Helfer, der unseren dienstbaren Geist rauf und runter schleppt. Dieser Grobmotoriker wird wohl aus Amerika kommen: Der Google-Konzern hat sich vor ein paar Jahren, als er wieder mal nicht wusste, wohin mit seinem Geld, aus Versehen die Roboterschmiede Boston Dynamics zugelegt. Deren neuer Laufroboter Handle ist so sportlich, dass er bei Bedarf über Stock, Stein und Tische springt. Wie alle Modelle dieses Herstellers wirkt er so ungestüm, als wolle er dem Präsidenten imponieren. Jamie und ich werden sicher einige Arbeit damit haben, dem „Handle“ Manieren beizubringen. Aber wir schaffen das.

Autor

Ulf J. Froitzheim, freier Journalist

z. B. für brand eins, designreport und Technology Review