Flugzeug mit Kondensstreifen
Ulfs* WeltKolumne

Trolle auf Wolke 007

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Unser Kolumnist hat sich in eine Facebook-Gruppe von Piloten eingeschlichen, die ungeniert unheimliche Dinge tun.

24. Mai 2017

Warum heißen Meteorologen „Meteorologen“? Sie befassen sich doch gar nicht mit Sternschnuppen, Meteoriten oder sonstigem Weltraumgedöns, das in unsere Atmosphäre plumpst.

Ganz einfach: Ihr Fachgebiet sind jene Objekte, die in der Sprache der Wissenschaft „Hydrometeore“ heißen. „Meteor“ ist ein altgriechischer Sammelbegriff für Phänomene, die wir zwischen Erde und Himmel beobachten können – und weil diese fast immer mit irgendeinem Aggregatzustand von H2O verbunden sind, fand die Zunft den Erklär-Zusatz „Hydro“ entbehrlich. Eigentlich könnten sich die Kachelmänner, Kleinerts und Thierschs schlicht „Wolkenkundler“ nennen. Allerdings hat die Idee, dass eine Warm- oder Kaltfront Meteore herantreibt, die dann als Regen, Schnee, Graupel oder Hagel auf uns niederschlagen, ihren ganz eigenen Charme.

Albus Dumbledore hätte seine Freude

Fachsimpeln Hydrometeorologen mit Ihresgleichen, halten sie sich nicht mit banalen Kumulus-, Zirrus- oder Stratuswolken auf. Es klingt wie bei der Abiturprüfung auf Schloss Hogwarts: „Intortus, Vertebratus, Undulatus, Radiatus, Lacunosus, Duplicatus, Translucidus, Perlucidus, Opacus.“ Mein persönlicher Liebling heißt – noch vor den ebenfalls sehenswerten Sorten Fluctus, Floccus und Uncinus – Lenticularis. Man muss diese Wolke im Abendlicht gesehen haben, um zu begreifen, dass sie nicht von dieser Welt ist. Zweifellos haben die Außerirdischen gelernt, ihre geräuschlos fliegenden Untertassen mit Sichtschutzschilden aus Wasserdampf zu tarnen.

Noch ignoriert die World Meteorological Organization (WMO) die Existenz von Alien-Wolken. Dafür hat die Genfer UNO-Wetterbehörde immerhin die Kategorie „Homogenitus“ in ihren neuen Cloud Atlas aufgenommen: vom Homo sapiens erzeugte Gebilde, die sich mal wie ein Atompilz über Kraftwerkskühltürmen in den Himmel recken, mal diesen mit einem Streifen- oder Karomuster überziehen.

Wer viel auf Facebook unterwegs ist, hat mitbekommen, dass Letzteres keine Kondensstreifen sind, ja dass es Kondensstreifen nie gegeben hat. Es schließt sich sogar fast aus, Facebook zu nutzen und sich zugleich seinen Kinderglauben an die Existenz von harmlosen Kondensstreifen zu bewahren oder von ansteckenden Krankheiten, vor denen man sich durch Impfungen schützen könnte. Auch wer der antiquierten, weil schon von Pythagoras und Eratosthenes vertretenen Meinung nachhängt, die Erde sei eine Kugel, bekommt ganz schön Gegenwind: Falls die Erde keine Scheibe sein sollte, dann ist sie eine Hohlkugel. Steht im Internet, ist also so wahr wie ein Trump-Tweet. Nur: Wie kommen dann die UFOs rein? Und wie das Licht von Sonne, Mond und Sternen?

Giftspritzer auf der flachen Erde

Jetzt steht jedenfalls Aussage gegen Aussage. Während die WMO die Homogeniti tapfer als normalen Wasserdampf erklärt, herrscht in den sozialen Medien bereits weitgehend Konsens, dass es sich nicht um Contrails (Condensation Trails), sondern um giftige Chemtrails (Chemical Trails) handelt. Meinungsverschiedenheiten gibt es unter den Facebook-Fachleuten lediglich noch darüber, ob die geheime Weltregierung, die natürlich auch die WMO kontrolliert, uns mit dem versprühten Barium-Aluminium-Cocktail umbringen oder nur gefügig machen will. Selbst auf den allwissenden Google-Servern haben die alternativen Fakten schon eine enorme Verbreitung. Gibt man „Kondensstreifen Flugzeug“ ein, schlägt die Suchmaschine von sich aus „Gift“ vor.

Wer trollt hier wen?

Natürlich war das alles absehbar, seit Andy Grove, damals Chef des Chip-Giganten Intel, vor gut 20 Jahren den Bestseller „Only the Paranoid Survive“ schrieb. Nur mit einem gescheiten Verfolgungswahn kann man in dieser verrückten Welt mit ihren virtuellen Realitäten überleben. Aber was soll man machen, wenn man sich ausgerechnet von Verfolgungswahnsinnigen verfolgt wähnt? Ich hatte Glück und stieß bei Facebook auf eine konspirative Selbsthilfegruppe namens „Chemtrail-Piloten“, die mich sofort aufnahm. Die wenigsten von uns haben einen Pilotenschein, aber wir sitzen mit großem Vergnügen an den Steuerknüppeln imaginärer Jets, die statt Passagieren riesige Tanks befördern, und versprühen unser imaginäres Gift im Cyberspace. Sinn des Spiels ist es, Chemtrail-Gläubige in die Falle zu locken und sich an ihren Reaktionen auf unsere extra dick aufgetragenen Selbstbezichtigungen zu ergötzen. Ja, ich gebe zu: Wir treiben mit Entsetzen Scherz und amüsieren uns über Spinner. Und nein, nett ist das nicht. Leider fällt kaum jemand herein auf unser Posing als Agenten mit der Lizenz zur Erzeugung tödlicher Wolken. Unsere Opfer sind von ihrer fixen Idee meist derart überzeugt, dass sie ihrerseits uns als Dummköpfe beschimpfen, die sich über eine weltweite Verschwörung lustig machen, die den Bestand der Menschheit bedroht. Wenn sie merken, dass wir gegen ihre Hirngespinste resistent sind, trollen sie sich.

Ist das vielleicht auch Teil eines Spiels? Das wird es sein: Die ganze Chemtroll-Hysterie ist nur gespielt, um vernunftbegabte Menschen von sinnvolleren Tätigkeiten abzuhalten. Die vermeintlichen Idioten lachen sich heimlich ins Fäustchen, weil wir Idioten sie für Idioten halten, die das mit den giftigen Wolken ernst nehmen. Aber habe ich nicht schon immer gesagt, dass Cloud und Computing nicht zusammenpassen?