Auswahl an Weinflaschen eclipse
Ulfs* Welt

Kolumne

Schlechter Geschmack

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Die Digitalisierung macht die Weinflasche zur Projektionsfläche für flache Witze. Immerhin nicht so flach wie zu Opas Zeiten.

27. Juni 2017

Wein ist kein Getränk, Wein ist ein Kulturgut. Er inspiriert die Kreativen, wobei die Lateiner unter uns wissen, dass das mit der Inspiration wörtlich zu nehmen ist: Der Wortstamm verweist auf den Spiritus, den Weingeist, der uns – sobald er intus ist – auf Ideen bringt, die uns in nüchternem Zustand niemals in den Sinn kämen. Tatsächlich genügen schon bescheidene 12 Volumenprozent Alkohol für eine invinoveritable Schnapsidee.

Neue Banausen braucht das Land

Aber Schluss mit der Bildungshuberei! Es gilt einen kulturhistorischen Fortschritt zu feiern. Der Breitbandausbau erreicht immer mehr Winzer, Kenner sprechen schon von FttW (Fiber to the Weinkeller). Die Digitalisierung der Provinz verwandelt einen Forzdroggenen Raddegiggl zwar nicht in einen Prädikatswein. Doch sie ist ein Segen für all die Juniorchefs traditionsreicher Weingüter, die sich seit Jahren anstrengen, die letzten Erinnerungen an Werner Höfers „Internationalen Frühschoppen“ zu verwischen – eine sonntagmittägliche Altherren-Talkshow aus der Adenauerzeit. Deren Teilnehmer bekamen einen Pfälzer Spätlese-Riesling vorgesetzt, dessen Qualität völlig egal war, weil dichter Zigarettenqualm die Wahrnehmung feiner Aromen verhinderte. Solche Banausen will der moderne Weinbauer gar nicht mehr als Kunden. Er sucht sich lieber neue, natürlich online. Kaum gärt der Most im Tank, hockt er sich an den PC, recherchiert die neuesten globalen Trends im viralen Alkohol-Marketing und studiert die Regeln der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie.

Hauptsache es schmeckt

So mancher Winzer erweist sich dabei als wahrer Business Punk. Niemand, der auf sich hält, versteckt sich heute noch hinter einer Großlage wie „Saint-Émilion Grand Cru“, „Brunello di Montalcino“ oder „Oppenheimer Krötenbrunnen“. Wo der Rote oder Weiße herkommt und welchem Jahrgang er entstammt, interessiert – tschuldigung! – keine Sau mehr. Hauptsache, die Plörre schmeckt. Auffallen ist daher alles. Die Schnapsbrenner machen es vor: Wer einen Jostabeerenlikör braut, plagiiert nicht „Eckes Edelkirsch“, sondern deutscht Amerikas beliebtestes Four-letter-Word ein. Opa regt sich dann mehr darüber auf, dass „Ficken“ als Marke erlaubt ist, als darüber, dass sein minderjähriger Enkel Schnaps säuft.

Ein Fiesling kriegt nur Riesling

Die derzeit kreativsten Sprücheklopfer unter den Önologen sind Alexander und Martin Bauer aus Landau-Nußdorf. „Sex, Drugs & Rock‘n Roll“ sind zwar nicht so ihr Ding, denn diesen fettgedruckten Slogan durchkreuzen sie in Grün und schreiben „just RIESLING for me, thanks“ drunter. Auch den modischen „Pinot Grigio/Pinot Gris“ haben sie gestrichen: „Bullshit! Drink a real GRAUBURGUNDER!“ Der Metro liefern die Gebrüder Bauer eine nicht minder deftige deutsche Version: „SCHEISS AUF KÜSSCHEN. GUTEN FREUNDEN GIBT MAN EINEN GRAUBURGUNDER!“ Eine Rebsorte gönnen die anglophilen VERSALIEN-Freunde nicht jedem: „IF YOU ARE RACIST, A TERRORIST OR JUST AN ASSHOLE Don‘t drink my SAUVIGNON BLANC“. Ein Fiesling kriegt nur Riesling – oder schlichten „Noir“, mit dem sich, wer nicht glücklich ist, „wenigstens betrinken“ soll.

Bernd essen, dazu Schorsch trinken

Nun sollen die Nußdorfer No-name-Kreszenzen wirklich exzellent sein, doch in eine gepflegte Weinkarte passen die Sprüche nicht. Selbst die Kurznamen sind eine Herausforderung für jeden Sommelier. Wer möchte dem verliebten Paar zum romantischen Candlelight Dinner schon 2016er „Bullshit trocken“ anbieten oder gar „No Sex“ (ebenfalls trocken)? Bleibt bestenfalls die Scheurebe: „Scheu, aber geil.“ Dann ordert man doch lieber „Schorsch, den Wein“ vom Weingut Dr. Steiner. Zugegeben, ich muss da an „Bernd, das Brot“ denken, aber wann bekommt man schon mal einen Mischmaisch – nein, einen Cocktail! – aus Muskateller, Silvaner, Sauvignon, Pinot Auxerrois und Chardonnay geboten?

Weine für Fahrraddiebe und Surfer

Immerhin machen die Pfälzer ihren Kunden nichts vor – im Gegensatz zu Dirk Niepoort. Der portugiesische Weinmagnat mit niederländischen Wurzeln ist der Erfinder des Zielgruppenrotweins mit Comics auf dem Etikett. In Deutschland heißt der Tropfen „Fabelhaft“, in Norwegen „Fabelaktig“, in den Niederlanden „Gestolen Fiets“, in Estland „Öö Ja Päev“ und in Schweden „Rocky“. Es gab schon Sondereditionen für Synchronschwimmer und Surfer, die den Korken hoffentlich erst nach dem Training gelupft haben. In einer deutschen Domstadt ist der fabelhafte Portugieser sogar in der Ausgabe „Et kölsche Jrundjesetz“ erhältlich. Niepoort hat wohl § 6 nicht beachtet, der da lautet: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!“

Lese gut oder brauche Brille?

Seine Herkunft verschweigt auch das „Lesegut“, das der spanische Marqués de Griñón in blanco und nero exklusiv auf den deutschsprachigen Markt liefert, weil das kalauerige Wortspiel auf dem Etikett woanders nicht funktioniert: Die Flasche ist mit einer Sehtest-Tafel wie bei Augenarzt beklebt – Wein-Lese mal wörtlich genommen.

Heitere Prügelstrafe

Die für den Online-Versand an ignorante Hedonisten optimierten Weinmarken sind allerdings immer noch Gold gegenüber dem, was sich deutsche Moselwinzer früher erlaubten. Der Nacktarsch in Kröv ist bekanntlich eine kahle Felsformation. Aber die Humorbolzen der dortigen Weinbau-Genossenschaft mussten unbedingt einen Knaben aufs Etikett drucken, dem der Küfer lustvoll das entblößte Gesäß versohlt, weil er sich am Alkohol vergriffen hat. Dass es Opas Traditionsgesöff immer noch gibt, ist echter... (siehe Bauers Grauburgunder)!