Image: Digitales ElefantenrennenFERCHAUFERCHAU© S_Bachstroem
Ulfs* WeltKolumne

Digi­tales Elefan­ten­rennen

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wir werden sie noch sehr vermissen, unsere Trucker.

27. Juli 2017

Selten galt eine Technik schon lange vor ihrer Marktreife als derart unausweich­lich wie das autonome Fahren. Welche Zeitung man auch liest, welchen Sender man auch hört: Kaum jemand glaubt noch, dass das Lenkrad den Fortschritt überlebt. Selbst die größten Robotik-Skeptiker haben sich damit abgefunden, dass der Mensch am Steuer vollständig aus dem Straßenbild verschwinden wird. Manche Propheten sagen sogar eine Zunahme des Autoverkehrs voraus – der durchschnitt­liche Pkw werde künftig mit 0,9 Insassen unterwegs sein, statt mit einskommanix heute. Wir schicken unser Auto dann nämlich allein zum Bierholen, wenn wir nach der vierten Pulle merken, dass keine mehr im Kühlschrank ist, oder lassen es die Kinder von der Schule abholen. Cool.

Führerhaus als Sonderaus­stat­tung

Deshalb tagen Ethik-Kommissionen, die dem Unvermeid­baren gesellschaft­liche Normen vorausschi­cken, als gäbe es nicht längst Asimovs Roboterge­setze. Chip-Riese Intel verheißt der mobilen Gesellschaft eine regelrechte „Passagier-Ökonomie“, also eine auf dem Chauffiert­werden basierende Wirtschafts­ord­nung. Dazu passend sang neulich die OECD, also die Organisa­tion für Wirtschaft­liche Zusammen­ar­beit und Entwicklung der Völker dieser Erde, das Hohelied auf den Robobrummi: „Autonome Lkw sparen Kosten, senken Emissionen und verbessern die Sicherheit.“ Allein die Arbeitslo­sig­keit unter Truckern macht den Vordenkern ein bisschen Sorgen, hier müsse der Übergang in die „Schöne Neue Welt“ geregelt werden.

Verdammt schnell soll das alles gehen: Bis 2030 könne die Nachfrage nach Berufskraft­fah­rern in Europa und den USA um 70 Prozent sinken, so das Berlin Centre der OECD. Wenn man bedenkt, wie lange so ein Lastzug hält, müsste demnach spätestens 2021 das Führerhaus als Sonderzu­behör auf der Ausstattungs­liste bei MAN, Mercedes und Iveco stehen. Der Brummi der Zukunft besteht nur noch aus Ladefläche mit einem Antrieb darunter.

Mitleid mit dem Cayenne-Fahrer

So, und jetzt stellen wir uns zu diesen selbstrol­lenden Frachtcon­tai­nern mal Sie und mich vor und all die anderen Außendienstler, Selbstän­digen und Touristen. Sagen wir auf der A3 mit ihren herrlichen Mittelge­birgen. Siebenge­birge, Westerwald, Spessart. Außerdem erinnern wir uns an die Gesetze der Physik, wie wir sie heute auf jeder Fahrt anschaulich vorgeführt bekommen: Ein leerer Laster kommt leichter den Hang rauf als ein voller. Deshalb gibt es ja drei Fahrspuren. Die linke ist für uns, die beiden rechten sind die Elefanten­renn­bahn, wobei wir auf der Mittelspur durchaus für ein paar hundert Meter geduldet werden, weil die Trucker ja Mitleid mit dem Cayenne-Fahrer haben, der uns seine eklatante Terminnot in den Rückspiegel blinkt und lichthupt.

„Wir können die Autobahn leider nicht verlassen“

Heute läuft das so: Halbleerer Truck 1 mit Tempo 81 überholt zweidrit­tel­vollen Truck 2, der mit 77 Sachen zockelt, und schert rasch wieder auf die rechteste Spur ein, wenn sein Heck 18 Zentimeter vor dem Bug von Truck 2 endet. Künftig läuft das so: Truck 1 fährt in der Mitte weiter, bis der Bordcomputer meldet, dass der gesetzliche Mindestab­stand für Truck 2 nicht mehr unterschritten wird. Die Elefanten rennen also gefühlte drei Minuten länger auf zwei Bahnen. Das hat für uns den Nachteil, dass der blinkende Porschefahrer, dessen Nummernschild inzwischen im toten Winkel unseres Innenspie­gels liegt, endgültig wahnsinnig wird, und den Vorteil, dass wir an der Ausfahrt endlich genug Platz finden, um uns zwischen den beiden Lastwagen hindurch­zu­schlän­geln (sofern uns der noch handgesteu­erte Cayenne nicht in dem Moment rechts überholt). Das gilt aber nur solange, bis wir uns selbst autonom fahren lassen. Denn dann wird unser denkendes Wägelchen mit freundli­cher Stimme mitteilen, dass es an der Ausfahrt leider nicht vorschrifts­gemäß und sicher die Autobahn verlassen kann. A propos: Mich treibt schon länger die Frage um, ob den Konstruk­teuren selbstfah­render Pkw klar ist, dass sie unbedingt einen Pinkelpau­sen­not­knopf einbauen müssen. Mich schaudert bei dem Gedanken, dass ich beim Erspähen des ersehnten blauen WC-Schilds am Straßenrand erst mal das Navi umprogram­mieren muss.

Robotruck im Windschatten

Zum Glück sind die Technokraten, die an der Mobilität der Zukunft herumschrauben, im Privatleben selbst Autofahrer. Deshalb mögen auch sie keine Elefanten­rennen. Sie möchten die nervige Überholerei dadurch überflüssig machen, dass sich die autonomen Lastzüge per Funksignal zu Konvois zusammen­schließen, für die kein Sicherheits­ab­stand gilt. Wenn fast jeder Robotruck im Windschatten eines Vordermanns fährt, müssen die Spediteure weniger Diesel kaufen. Dummerweise bestimmt dann der Langsamste das Tempo (was das Problem der Spediteure ist), und unsereiner kommt dann immer noch nicht von der A3 runter, weil ein 400 Meter langer Lindwurm aus 16 unbemannten Frachtqua­dern die Ausfahrt abschottet.

Truck Stop in Endlosro­ta­tion

Deshalb, liebe OECD, rutscht mir bitte den Buckel runter! Ich solidari­siere mich mit den Truckern, die Ihr schon aufgegeben habt – und die mich eigentlich auf jeder Fahrt nerven. Aber verglichen mit der Zukunfts­musik, die mir in den Ohren klingt, ertrage ich doch lieber Truck Stop in Endlosro­ta­tion.