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TrendFacebook lernt Gedankenlesen

Brain-Computer-Interfaces

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Anja Reiter

Anja Reiter

Freie Journalistin

Facebook entwickelt eine Technologie, mit der wir Texte in Zukunft „denken“ statt tippen sollen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

07. August 2017

Auf einer Party eine Kurz-Nachricht verschicken, ohne dabei auf das Smartphone starren zu müssen? Im Meeting eine E-Mail beantworten, ohne dass der Chef es bemerkt? Das soll in Zukunft möglich sein, zumindest wenn es nach Facebook geht. Das Unternehmen arbeitet an einer Technologie, mit der wir künftig mit unserem Gehirn tippen können. Der Empfänger soll die Nachricht später auf seiner Haut fühlen können. Diese Pläne gab Regina Dugan, Leiterin der Zukunftsabteilung von Facebook „Building 8“, bekannt.

Um aus der Vision Realität zu machen, hat Facebook ein Team aus 60 Mitarbeitern aufgestellt, darunter Experten für maschinelles Lernen und neuronale Prothesen. Das Ziel? Ein System zu entwickeln, das dazu in der Lage ist, 100 Worte pro Minute zu tippen, allein über die Kraft unserer Gedanken – fünf Mal schneller als man mit dem Finger auf dem Smartphone tippen könnte. Ist das überhaupt möglich?

Brain-Computer-Interfaces: Vorteile für Menschen mit Behinderung

Hinter der Idee steckt das Schlagwort Brain-Computer-Interfaces (BCI). „Der Grundgedanke von sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen basiert darauf, Gehirnströme zu analysieren und diese in Steuerungssignale umzuwandeln“, erklärt Gernot Müller-Putz, der an der Technischen Universität Graz das Institut für Neurotechnologie und das BCI-Labor leitet. Hier beschäftigen sich Forscher bereits seit 25 Jahren mit der Thematik.

Gerade für Menschen mit Behinderung haben BCI-Innovationen in der Vergangenheit bereits viele Vorteile gebracht. Die Technologie „BrainPort“ ermöglicht es Blinden, mit der Zunge zu „sehen“. Das Gerät übersetzt Videoaufnahmen in leichte Stromsignale für die Zunge, mit deren Hilfe sie Objekte, Orte und Hinweisschilder erkennen können. Mit Hilfe von „BrainGate“ können Roboterarme über die Kraft der Gedanken gesteuert werden. Auch das Labor von Müller-Putz forscht an BCI-Anwendungen, die Menschen mit gelähmten Armen beweglicher machen. Im Rahmen des Projekts „MoreGrasp“ sollen Gelähmte einfache Griffe wieder ausführen können, selbst wenn sie ihre Hand seit Jahren nicht mehr bewegen konnten.

Facebook will BCI-Anwendungen massentauglich machen

Viele dieser Anwendungen sind noch recht fehleranfällig und erfordern viel Übung bei der Bedienung. Im Rauschen der Gedanken des Patienten die relevanten Informationen zu finden, ist eine Herausforderung für BCI-Forscher- und Entwickler. Wegen des großen technischen Aufwands sind einschlägige Anwendungen auch sehr teuer – und deshalb nur für Menschen mit Behinderung interessant, nicht aber für die breite Masse.

Facebook will BCI-Anwendungen nun alltagstauglich machen. Das Unternehmen plant nicht-invasive Sensoren zu entwickeln, die unsere Gehirnaktivitäten mittels Laser hunderte Male pro Sekunde messen, um in Echtzeit Gehirnsignale zu dekodieren. Die Technologie soll auf diese Weise Wörter in unserem Gehirn ausfindig machen, noch bevor wir sie überhaupt ausgesprochen haben. „Es geht nicht darum, zufällige Gedanken zu dekodieren“, sagt Regina Dugan in ihrem Vortrag. Facebook würde nur jene Wörter dekodieren, die wir ohnehin gesagt hätten – also jene Gedanken, die wir bereits ins Sprachzentrum unseres Gehirns gesendet haben. Experte Müller-Putz bezweifelt, dass diese Unterscheidung im Rauschen der Gedanken so einfach getroffen werden könne.

Facebook bekommt Zugang zu unseren Gedanken

Facebook verspricht weiter, dass das Schreiben mit dem Gehirn schneller als das Tippen mit den Fingern erfolgen soll. Um die angepeilte Geschwindigkeit zu erreichen, setzt das Unternehmen auf die Erkennung von ganzen Wörtern – statt Zeichen für Zeichen mit dem Gehirn zu buchstabieren. Weil aber Wörter wie „Löwe“ und „Tiger“ ähnlichen Kategorien entstammen und daher auch ähnliche Gehirnaktivitäten auslösen, ist die Umsetzung sehr umstritten – vor allem, da jeder Mensch andere Erfahrungen mitbringt. Hier komme laut Facebook maschinelles Lernen ins Spiel: Menschen werden in Zukunft ihre Gehirn-lesenden Maschinen individuell trainieren.

Müller-Putz bleibt skeptisch: „Wir gehen derzeit davon aus, dass Worterkennung bis zum Jahr 2035 möglich sein wird“, sagt der Grazer Forscher. Ob realistisch, oder nicht: Für Forscher Müller-Putz ist es vor allem beunruhigend, dass ein Unternehmen wie Facebook, das sein Geld mit persönlichen Daten verdient, auch noch Zugang zu unseren Gedanken bekommen soll. Doch er ist sich sicher: „BCI-Anwendungen werden in Zukunft mit Sicherheit massentauglich. Doch bis dahin ist noch viel Forschung nötig.“

Ausgabe 2017/02

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