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No Interfaces: Die bildschirmfreie Welt

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Lisa Kräher

Lisa Kräher

freie Journalistin

Interaktionsdesigner Golden Kirshna hat mit seinem Buch „The Best Interface Is No Interface“ für Diskussion in der Tech-Branche gesorgt. Er fordert: Der Bildschirm muss weg. Im Interview verrät er, was er damit meint und was Smartphones und Pferdekutschen gemeinsam haben.

09. August 2017

Golden Krishna, in Ihrem Buch stellen Sie die These auf, die Welt sei ohne Bildschirme eine bessere. Warum?

Studien belegen, dass Erwachsene durchschnittlich neun Stunden am Tag auf Bildschirme starren. Das ist beängstigend. Der Erfolg von Smartphone-Apps wird meist daran gemessen, wie lange man den Dienst nutzt. Die Programme leben von Abhängigkeit. Das hat viele Nachteile. Sie lenken uns von Freunden und Familie ab. Und vom Verkehr, wo die Zahl der Todesopfer in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen ist - nachdem die Kurve lange Zeit nach unten gegangen war. Dass wir weniger in die Gesichter anderer Menschen schauen, macht uns weniger einfühlsam. Das nährt die Abschottungsgedankenin der westlichen Welt. Wir sollten alle von einer bildschirmfreien Welt träumen.

Noch sind wir davon aber weit entfernt. Welche Trends sehen Sie in den nächsten Jahren?

Als in den frühen Neunzigern das erste Elektroauto, das EV1 von General Motors, auf den Markt kam, war das Versprechen, keinerlei Abgase zu produzieren, natürlich das Beste für die Umwelt. Doch die Kunden hatten Angst vor Veränderung und die Infrastruktur war noch nicht so weit. Stattdessen hatte Toyota Erfolg mit einem Hybrid-Auto, einer Mischung aus dem, was man schon hatte, und dem, wo man hinwollte. So könnte das auch in der Tech-Welt sein: Ich habe immer von bildschirmfreien Lösungen gepredigt. Sicher gibt es einige Startups, die diese Idee mit Erfolg aufgenommen haben. Aber ich glaube, dass es immer mehr Hybrid-Produktegeben wird. Die Hersteller gewöhnen sich daran, Geräte mit Spracheingabe zu entwerfen. Sie denken lieber darüber nach, wie sie maschinelles Lernen einbeziehen können, anstatt weitere Buttons oder Formularfelder zu integrieren.

Sie sagen: Die beste Schnittstelle ist gar keine Schnittstelle. Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gelangt?

1992, als Agenturen wie IDEO oder Frog sich auf Industrie-Design fokussierten, übertrug Allan Cooper (Anm. der Red.: gilt als Erfinder der Programmiersprache Visual Basics) das Prinzip des Design Thinking als erster in die Software-Welt. Er machte es populär, Personas (Anm. d. Red. Prototypen für Nutzergruppen) zu erstellen, bevor das Produkt entwickelt wurde. Er gründete seine eigene Agentur, bei der ich meinen ersten Job bekam. Ich sprach mit Kunden auf der ganzen Welt und beobachtete, wie sie Technologie nutzen. Je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir klar: Bildschirme sind eine Belastung, das Problem. Süchtig machende Ablenkung.

Golden Krishna, Autor von „The Best Interface Is No Interface”Golden Krishna ist Interaktionsdesigner und Autor. Momentan arbeitet er bei Google an der Design-Strategie für Android.

Wie wird ein Smartphone oder ein PC dann in Zukunft aussehen? Oder brauchen wir die nicht mehr?

Wir werden weiterhin Apps benutzen, wir werden weiterhin Bildschirme haben. Aber nicht in dem Ausmaß. In Zukunft werden wir Smartphones so sehen wie Pferdekutschen: langsam, ineffizient und rückschrittlich. Klar werden wir Videos schauen, einen Text lesen. Aber der Großteil unserer Aufgaben wird es nicht sein zu tippen oder zu wischen. Das Smartphone wird nicht glamourös sein, es wird langweilig sein.

Können Sie ein Beispiel geben, wie Sie sich Interaktion vorstellen – wenn nicht graphisch?

Die für mich momentan naheliegende Art der bildschirmfreien Interaktion ist die “Hostentaschen-App”. Wie der Name schon sagt, Apps, bei denen das Smartphone in der Tasche bleibt. Das ist ein radikal neuer Denkansatz. Lockitron, ein Startup, das ein IOT-Türschloss entwickelt, ist ein gutes Beispiel. Die erste Version der App lief bildschirmbasiert. Du kamst zur Tür, musstest dein iPhone aus der Tasche holen, Bildschirm entsperren, Home-Button drücken, um die letzte offene App zu schließen, durch die Icons wischen, die Lockitron-App finden, auf Verbindung warten, einen großen Türöffner-Button drücken, um endlich die Tür zu öffnen. Puh! In ihrer zweiten Version haben sie das Problem anders gelöst: Sie haben gefragt: Können wir das mit den Bildschirmen weglassen? Nun funktioniert es mit einer Bluetooth-Verbindung, sobald man sich in der Nähe des Schlosses befindet. Anders gesagt: Man kann jetzt einfach zur Tür gehen und sie öffnen, ohne das Smartphone aus der Tasche zu holen.

In Ihrem Buch scherzen Sie über all die Apps, die keiner braucht. Im Silicon Valley und auf Tech-Konferenzen treffen Sie ständig deren Entwickler. Reden die noch mit Ihnen?

Haha, naja, absolut gibt es da Zweifel und Zögern, wenn ich die Kernstrategie von vielen Unternehmen hinterfrage. Aber ich hoffe, ich kann neue Ideen verbreiten und die wirklich kreativen und innovativen Leute inspirieren, über neue Wege nachzudenken, Probleme zu lösen.

Ausgabe 2017/02

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