Image: Persönlicher Drahtlos-EselFERCHAUFERCHAUFahrrad aus dem 3D-Drucker | fandijki
Ulfs* WeltKolumne

Persön­li­cher Drahtlos-Esel

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Das maßgeschnei­derte Rad der Zukunft kommt aus dem 3D-Drucker. Wer hat’s erfund’n? Na klar: Die Schweiz’r!

28. August 2017

Die Verwissen­schaft­li­chung von Handwerk und Industrie kennt keine Grenzen mehr. Um ein vernünftiges Fahrrad zu bauen, brauchte man bislang fähige Mechaniker und Designer, aber keine Professoren. Inzwischen unterhält die Technische Universität München ein Bike Competence Center, kurz BCC. Es gehört zur Professur für Sportgeräte und -materialien am Lehrstuhl für Ergonomie der Fakultät für Maschinen­wesen. Das Forschungs­spek­trum umfasst „physiolo­gi­sche und biomecha­ni­sche Designas­pekte“, innovative Verbundwerk­stoffe und deren zerstörungs­freie Prüfung.

Nur Banausen sind mit ihrem Rad zufrieden

Einen Alumnus dieser feinen akademischen Institution sah ich neulich bei „Einstein“, dem „Galileo“-Pendant des Schweizer Fernsehens: Franz Höchtl ist Münchner, Mountain­bike-Enthusiast und leitender Gastarbeiter im Berner Oberland. Dort tüftelt er mit seinen Kollegen am Velo 2.0, dem Fahrrad von morgen. 200 Jahre nach dem Holper-Laufrad des Freiherrn von Drais will Höchtl das maßgeschnei­derte Fahrrad bauen, dessen Rahmen perfekt zur Körpergeo­me­trie des Käufers passt. So weit, so recht: Dass ich glaube, mein fachhandels­üb­li­cher Aludraht­esel – bei einer Probefahrt nach Justage von Sattel und Lenker für gut befunden – sei wie für mich gemacht, ist selbstver­ständ­lich pure Einbildung. Mit 95 Prozent des Optimums begnügen sich nur Banausen.

Klebewohl, Polyamid!

Nun hätten wir nicht das Jahr 2017, wenn die Berner Bergradl­schmiede von der Thömus AG für ihr Nonplusultra-Modell nicht auf irgendeine Form von 3D-Druck setzen würden. Was heißt überhaupt Radlschmiede? Wie altmodisch! Gewöhnen wir uns am besten gleich an die Bezeichnung Velodruckerei. Ja, aber funktioniert das denn, ein robustes Zweirad aus der Düse? Noch nicht so wirklich, musste Höchtl dem Reporter gestehen. Eigentlich würde er gerne einen Carbonrahmen bauen. Blöderweise kann man Carbon nicht drucken, noch nicht, vielleicht in zehn Jahren. Also experimen­tiert man mit Polyamid-, sprich: Plastikpulver. Das wird auch nicht wirklich gedruckt, sondern per Laserstrahl in millimeter­dünn aufgestreuten Schichten aufgeschmolzen. Die einzelnen Rahmenteile müssen dann auch noch miteinander verklebt werden. So etwas Großes wie ein Herrenfahr­rad­rahmen passt einfach nicht am Stück in die Maschine. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass der Konstruk­teur mit der Stabilität des Materials hadert?

Affe auf dem Schleifstein

Wenigstens ist der Polymer-Supervelo-Prototyp prohibitiv teuer in der Herstellung. Er taugt daher für einen Käufer, der das Exklusive sucht, inklusive perfektem Diebstahls­schutz ganz ohne Schloss: Wer das Rad klaut, fällt dem Kenner auf den ersten Blick als unrechtmä­ßiger Besitzer auf, weil er so ergonomie­widrig auf dem Gestell hockt wie der Affe auf dem Schleifstein. Wenn eines Tages mal Jeder auf so einem Teil durch die Gegend strampelt, braucht man die Polizei nur noch ein bisschen in Anatomie zu schulen und schon schnellt die Aufklärungs­quote bei diesem Delikt von 0 auf 100 Prozent.

Rinks und lechts velwechsert

Noch sind das Träumereien. Bis die Velodrucker endlich Carbon verarbeiten können, bin ich Rentner. Genügsam, pragmatisch und ungeduldig, wie ich bin, wünsche ich mir statt dessen ganz rasch andere nette Hightech-Extras des Velo 2.0 für mein muskelkraft­ge­trie­benes Feld-, Wald- und Wiesenfahrrad: die eingebaute elektrische Luftpumpe in der Hinterrad­nabe, die mir während der Fahrt den Reifendruck ans Terrain anpasst, wenn ich vom Feldweg auf den Asphalt holpere, oder auch die elektronisch gesteuerte Gangschalt­au­to­matik. Ich gehöre ja zu denen, die nie wissen, ob sie besser mit Links oder mit Rechts schalten sollen.

Maßgeschwei­ßtes fürs Ego

So, und jetzt schließen strenggläu­bige 3D-Druck-Evangelisten bitte rasch dieses Browserfenster, es sei denn, sie haben starke Nerven! Psst, liebe andere, hier kommt ein offenes Geheimnis: Metallhand­werker sind bereits heute in der Lage, die Profilrohre eines Fahrradrah­mens auf jede beliebige Länge zuzuschneiden und in jedem sinnvollen Winkel miteinander zu verschweißen. Falls der Bedarf an 100-prozentig individuell geformten (und dabei robusten) Personal Bikes wirklich so groß ist, dass damit eine goldene Nase zu verdienen ist, bitte ich hiermit freundlichst um Überweisung von fünf Prozent der Verkaufs­er­löse als Tantieme für die öffentliche Überlassung der grandios simplen Geschäfts­idee. Herzlichen Dank im Voraus!