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Ulfs* WeltKolumne

Schne­cken­tempo für Fort­ge­schrit­tene

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Die Schwaben bauen die schnellsten Autos, aber sehen sie lieber langsam fahren. Unser Kolumnist glaubt zu wissen, warum.

23. November 2017

Am Bodensee ist es schön. Im Schwarzwald ist es schön. Und Freiburg ist eine entzückende Stadt. Auch die Fahrt dorthin kann sogar einen von schönen Landschaften und Städten verwöhnten Wahl-Oberbayern wie mich glücklich machen – sofern das Wetter mitspielt und er nicht pünktlich zu einem Termin muss. Dann ist der Weg ein wunderbares Ziel. Dummerweise ist Baden-Württemberg auch ein wirtschaft­lich florierendes Land, in das so manche Geschäfts­reise führt. Viele interessante Firmen haben es nicht nötig, in den ICE-Städten Stuttgart, Mannheim oder Ulm zu sitzen, sondern residieren dort, wo das Ländle um Einiges schöner ist. Tief in der Provinz oder dahinter. Und dann ist sehr schnell Schluss mit lustig. Denn uf dr schwäbsche Eisebohne gibsch it nur gar viele Haltschda­ziohne. Die roten DB-Regional­bähnle sind in dieser Modellbahn­land­schaft auch konsequent auf Entschleu­ni­gung getaktet.

Ich sag‘s Ihnen, länger als unsereins heute können nicht einmal die Herren Hääääberle und Pflaiiiderer zu Dampflok-Zeiten gebraucht haben: Wer von Landsberg a. L. nach Freiburg i. Br. möchte, darf für weniger als 300 Kilometer bis zu sieben Stunden einplanen. Und bis zu sechs Umstiege. Oder er macht im ICE einen Riesenbogen um den wilden Süden, nimmt also zum Beispiel einen 200-Kilometer-Umweg über Mannheim in Kauf. Dann steigt er nur viermal um und ist, falls ihm kein Anschlusszug davonfährt, nach fünfeinviertel Stunden am Ziel.

Reumütig in die Bummelbahn

Was sagen Sie? Ich soll nicht rumjammern, sondern halt das Auto nehmen? Habe ich getan. Die Aussicht auf eine Reisegeschwin­dig­keit jenseits von 60 Stundenki­lo­me­tern ließ mich alle Gedanken an den tödlichen Feinstaub verdrängen, den ich aufwirbeln würde. Mein Fehler: Ich entschied mich nicht wie ein Profi für eine weitesträu­mige Umfahrung der hübschen Region – wahlweise über Augsburg-Ulm-Stuttgart-Karlsruhe-Offenburg oder Bregenz-Winterthur-Zürich-Basel – sondern wie ein Dilettant für die Direttis­sima.

Ich ahnte ja nicht, dass unsere westlichen Nachbarn motorisierte Eindring­linge inzwischen derart gekonnt ausbremsen, dass diese fortan reumütig in die Bummelbahn steigen. Ihre Abschreckungs­stra­tegie fängt damit an, dass die Autobahn am Ostzipfel des Bodensees endet. Ab da lotst einen das Navi über Bundessträßle, die keine Stadt, kein Dorf, keinen Weiler auslassen, und immer wieder im Zickzack­kurs auf schier absonder­liche Abwege.

Schwarze Zahlen – im roten Kreis

Dass ihr Straßennetz eh schon der ultimative Härtetest für Routenplaner ist, reicht den Cleverles aber nicht. Während wir Bayern für königlud­wig­hafte Irrsinns­be­träge Umgehungs­straßen in die Landschaft schneisen, um uns unsere Freude am Fahren und unseren Vorsprung durch Technik nicht durch Stau und Abgase vermiesen zu lassen, schreiben die oberspar­samen Oberschwaben lieber schwarze Zahlen, schön dick in Rot eingekrin­gelt. Die hängen sie an Pfosten, die entlang der Fahrbahn fast dichter Spalier stehen als Obstbäume auf Bodensee­plan­tagen. Kaum hat man die Ortseingangs­tafel passiert, prangt da auch schon eine 30. Ab Ortsende ist Tempo 50 gestattet, außer Hörweite menschli­cher Ansiedlungen auch mal für ein klitzekurzes Stückchen Tempo 70.

Ja, Sie haben völlig Recht: In der Straßenver­kehrs­ord­nung von anno Schnuff steht etwas von 100 km/h außerorts und 50 km/h innerorts – letzteres zumindest auf Vorfahrts- und Durchgangs­straßen. Es sei denn, es bestünde punktuell eine erhebliche Unfallge­fahr. Dass eine Gemeinde ihren Bundesstra­ßen­ab­schnitt komplett zur Tempo-30-Zone verkehrs­be­ru­higt, um lästige Fahrzeug­ka­ra­wanen in die Nachbarge­meinden zu drängen, ist zwar gelebtes Sanktflo­ri­an­s­prinzip, in der StVO aber bisher nicht vorgesehen. Nun waren die Schwaben schon immer erfinderisch. So schreiben sie einfach „Radarkon­trolle“ hin und montieren gut sichtbar Blitzkästen. Damit machen sie so vielen Fahrern Angst, dass die Autoschlange fast von selbst zum Kriechtier mutiert. Weil das aber vielleicht nicht reicht, mischen sich die Einheimi­schen in ihren schwäbischen Luxuslimou­sinen auch noch selbst zuhauf unter die Durchrei­senden und arretieren den Tempobegrenzer bei 29.

E-Ente mit Tempo-30-Taste

So wirksam die Methode auch sein mag: Ein wenig verschwen­de­risch ist es schon, ein Automobil Made in Stuttgart auf Verschleiß zu fahren, nur um anderen die Durchreise zu verleiden. Der Motor wird dabei doch gar nicht warm. Ich hätte da einen Verbesse­rungs­vor­schlag. In den USA gibt es ein freches kleines Startup, das sich Local Motors nennt und in vielen kleinen Fabriken nah am Kunden Wunschautos 3D-drucken will. So etwas können Schwaben bestimmt noch besser. Das ideale Lokalauto für den Alltag in Baden-Württemberg bräuchte keinen 220-PS-Turbodiesel mit 230 km/h Spitze. Der Nachbau einer Ente oder eines Käfers mit 12-kW-Elektromotor würde genügen, dazu drei Tasten am Armaturen­brett, um das Höchsttempo digital auf 30, 50 oder 70 zu fixieren.

Auf seinen Daimler oder Porsche bräuchte deshalb niemand zu verzichten. Der wartet als Zweitwagen gut geschützt in einem hübschen neuen Parkhaus an der am wenigsten weit entfernten Autobahn­auf­fahrt, bis man wirklich mal nach Stuttgart, Frankfurt oder München muss. Dann hält das gute Stück doch auch viel länger.