Prügelknabe vom DienstEin Roboter-Kollege für den Stressabbau im Büro? | BahadirTanriover
Ulfs* WeltKolumne

Prügelknabe vom Dienst

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Gute Nachrichten für Schlechtgelaunte: Sie können sich jetzt an einem Blechkollegen abreagieren, der nichts übel nimmt.

14. Dezember 2017

Atlas – der Name klingt nach Stärke. Immerhin trägt der Pate das Himmelsgewölbe auf den Schultern. Eines ist klar: So nennt man niemanden, der sich herumschubsen lassen würde. Es muss also perfide Ironie im Spiel gewesen sein, als der Roboterproduzent Boston Dynamics, der dem japanischen Konzern Softbank gehört, seinen metallenen Humanoiden nach dem altgriechischen Titanen taufte. Eigentlich ist der Bostoner Atlas ein recht fittes und sympathisches kleines Kerlchen. Er misst von der Sohle bis zum Scheitel zwar nur etwa 1,50 Meter, wirkt aber wie ein ganzer Kerl – im Gegensatz zu Pepper, seinem kindlich-niedlichen Stiefbrüderchen, das Softbank in Frankreich adoptiert hat. Atlas kullert nicht R2D2-mäßig auf einem geschönten Klumpfuß umher, sondern ist wie Star-Wars-Charakter C-3PO ein echter Zweibeiner, nur viel agiler. Dank seiner Hydraulik mit 28 Gelenken beherrscht er den Salto rückwärts aus dem Stand. Er stapft im Winter unverdrossen in den Wäldern Neuenglands durch den Schnee, ohne hinzufallen, denn er steckt voller Sensoren und erkennt mit seinen Stereo-HD-Augen besser als ein Mensch, wo er hintritt.

Aber Atlas ist eine Lusche, ein Loser, oder – um es mit Marty McFlys fiesem Gegenspieler Biff Tannen zu sagen – ein Chicken, ein Typ, der sich wirklich alles gefallen lässt. Das sieht man in dem bösartigen Video, das Boston Dynamics selbst ins Netz gestellt hat. Da wird der akrobatische Androide nicht nur für die demütigende Aufgabe missbraucht, zehn Pfund schwere Pakete in ein Regal zu legen. Nein, ein sadistischer Mitarbeiter der Firma haut ihm einen solchen Pappkarton mit dem Hockeystick aus den Patschehänden, wartet, bis Atlas nach der Kiste greift, schlägt diese wieder weg. Und als wäre das nicht der Gemeinheit genug, stößt er dem armen Roboter auch noch so heftig in den Rücken, dass der vornüber auf die nicht vorhandene Schnauze fliegt. Und was macht Atlas? Der spannt kurz die Hydraulik-Muskeln an, rappelt sich hoch und tut, als sei nichts gewesen.

Replikanten-Hyäne vom Aldebaran

Als ich den Clip gesehen hatte, habe ich mir zuerst die Fragen gestellt, die ich mir immer stelle, wenn ich einen Prototypen von Boston Dynamics sehe: Was soll das? Wer braucht so was? Wer kauft so was? Früher waren es immer Vierbeiner; einer sah aus wie eine von Replikanten aus dem Sternbild Aldebaran bei uns ausgesetzte stählerne Hyäne. Ein Modell war angeblich fürs Militär entwickelt worden, machte aber einen solchen Krach, dass der Feind es selbst neben einem startenden Kampfjet hätte kommen hören. Die rennenden Knattermonster waren aber alle so furchteinflößend, dass Vorbesitzer Google einen Schreck bekam und die Aktien der Bot-Firma rasch an Softbank-Chef Masayoshi Son weiterverscherbelte.

Gelegenheit für Mobbing-Beauftragte

Ja, und jetzt bauen die den Homo erectus nach und behandeln ihn ohne Respekt?

Dann wurde mir klar, was der Plan ist: Atlas ist der Prügelknabe der Zukunft. Roboterbashing ist an sich nichts Neues, verbal gibt es das ja schon lange. Aber echt in 3D und Farbe? Wow! Einen Pepper zu schlagen geht leider nicht. Erstens haut man keine Kinder, schon gar nicht welche mit so süßen Knopfaugen. Zweitens würde er kaputtgehen, und dann sind 20.000 Euro im Eimer.

Allerdings muss man sich manchmal einfach abreagieren, muss die sinnlose Wut ablassen, die sich im Inneren aufgestaut hat. Da kann man dann natürlich der Häkelpuppe, die den Chef darstellt, eine zur Nadel gebogene Büroklammer durch die Brust rammen. Man kann auch seinen Frust am nächstbesten Kollegen auslassen und ihn anbrüllen. Aber das Beste wäre, man hätte ein aufladbares Stehaufmännchen zur Hand, das jede Grobheit verträgt und sich nicht wehrt. Wenn ich Mobbing-Beauftragter wäre, würde ich sofort einen Atlas bestellen und eine Rundmail an die Belegschaft senden mit der Info, man könne jetzt meine Klienten in Ruhe lassen, die Personalabteilung habe extra für diesen Zweck einen neuen Kollegen eingestellt.

Dritte Zähne für den Wadlbeißer

Vielleicht begegnen wir Atlas künftig ja auch auf der Straße. Autonome Lasteselchen, die neben den Briefträgern und Briefträgerinnen herrollen und ihnen das Briefeschleppen abnehmen, gibt es bereits. Die Post müsste ihre Boten nur in Begleitung solcher Blechkameraden losschicken, dann bräuchten sie endlich nicht mehr selbst bei den Hundebesitzern zu klingeln. Sollen sich die Kläffer doch die Zähne ausbeißen!