Asgardia SpaceDie erste menschliche Weltraumkolonie schwebt im Erdorbit | Sergey Khakimullin
Ulfs* WeltKolumne

Himmlisches Königreich

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Das kleinste Land der Erde wiegt 2,8 Kilo und schwebt im Orbit. Aber daraus soll mehr werden.

25. Januar 2018

Vor Aliens braucht man nicht unbedingt Angst zu haben. Machtlüsterne und gewalttätige Gestalten wie die Goa‘uld-Systemlords sind zwar eine Bedrohung für die Menschheit. Im Universum der 90er-Jahre-TV-Serie Stargate gibt es aber auch noch die Asgard. Eine Spezies, die zufällig genauso aussieht wie der Außerirdische, der angeblich im Juli 1947 mit seiner fliegenden Untertasse bei Roswell in Neumexiko eine Bruchlandung hinlegte. Der Oberkommandierende dieser Alien-Sippschaft heißt Thor und hilft dem Stargate-Team aus größter Not. Er hat nichts von einem zornigen Donnergott an sich, wirkt sogar ziemlich zerbrechlich. Dafür ist der laufende Meter, der in seiner graublauen Haut nackt herumläuft, superschlau und verfügt über die fortschrittlichste Raumschiff-Technologie der Galaxie.

Es muss eine Hommage an diese TV-Kultserie sein, dass der russisch-aserbaidschanische Unternehmer Igor Ashurbeyli das erste real existierende Weltraum-Königreich der Menschheitsgeschichte, das er kürzlich ausgerufen hat, ausgerechnet Asgardia nennt. Sonst wäre eigentlich das Suffix -ia überflüssig, denn in der nordischen Mythologie ist Asgard kein Land, kein Volk und auch keine Schar von Göttern, sondern die Heimstatt der Asen, sprich: der Himmelsgarten, den Thor mit seinen Kolleginnen und Kollegen bewohnt. Wahrscheinlich wollte Ashurbeyli auch nur den Eindruck vermeiden, er stelle sich als Möchtegern-Ase über anerkannte Halbgötter des Fortschritts wie Tesla-Chef Elon Musk, der mit seiner Zweitfirma Space-X, Touristenhotels auf dem Mars bauen will. Peinlich genug, dass er vor dem kalifornischen Überflieger einen Standort im All hatte.

Staat machen und verglühen

Es ist keine große Kolonie, über die der kleine König aus dem Kaukasus seit November verfügt, aber sie erfüllt angeblich die Minimalanforderung, die das Völkerrecht an einen souveränen Staat stellt – ein eigenes Territorium. Auf der Erde war keines frei. Das letzte Festland-Areal von der Größe eines gallischen Dorfs, das nicht unter der Fuchtel normaler Nationalstaaten steht, hatte ihm der Tscheche Vít Jedlička weggeschnappt, ein libertärer Anarchist auf der Suche nach seiner eigenen Steueroase. Dessen „Svobodná Republika Liberland“ (Freie Republik von Liberland) ist ein sumpfiges Niemandsland an der Donau – so unbewohnbar, dass weder Serben noch Kroaten es haben wollten. Da es auch die Asgardianer nicht eilig haben, an einem Ort zusammenzuziehen, begnügen sie sich vorerst mit einem Territorium, auf dem der Fuß eines Erwachsenen keinen Platz hätte, schon gar nicht der Stiefel eines Raumanzugs. Eine ISS-Versorgungsrakete nahm die Hauptstadt des Königreichs als Beifracht mit. Es handelt sich um einen „Cubesat“, ein aus zwei Würfeln mit zehn Zentimetern Kantenlänge montiertes Satellitchen. Darin stecken ein Computer, Speicherkarten mit dem digitalen Einwohnermeldeamt von Asgardien sowie Antennen, über die sich König Igors Neu-Untertanen anmelden können. Allerdings wird der 2,8 Kilo schwere Computer, der im erdnahen Orbit kreist, wohl schon in einem Jahr verschlissen sein und 2022 in der Atmosphäre verglühen.

Kein Knast im All

Bis dahin soll er seinen Zweck erfüllt haben. Das Staatsoberhaupt und Hunderttausende seiner Untertanen zieht es in die Vereinten Nationen. Ashurbeyli und seine Gefolgsleute aus aller Welt glauben, dass ihre konstitutionelle Monarchie aufgenommen wird. Sie haben eine Laissez-faire-Verfassung ausgearbeitet. Das asgardische Grundgesetz grenzt niemanden wegen seiner Herkunft oder sonstiger Merkmale aus. Vor allem kennt es keine politischen Parteien und legt fest, dass die Strafjustiz ohne Gefängnisse auskommen muss. Na gut, wo wollte man diese auch bauen? Musks Mars eignet sich da besser.

Weltmarke? Weltraummarke!

Noch hegen Fachjuristen Zweifel daran, dass die von den Asgardianern vorgetragene Auslegung des Weltraumrechts tragfähiger ist als ihr fliegendes Grundstück. Haben seine Rechtsberater Erfolg, kann Ashubeyli seinen Lebenstraum angehen und eine private Raumstation oder Mondbasis bauen – samt einer Vorrichtung, die die Erde vor Gefahren aus dem All schützt. Man weiß ja nie, ob uns nicht die Goa‘uld angreifen.

Auch über die Finanzierung haben sich seine Leute bereits Gedanken gemacht. Die Marke „Asgardia Space“ ist international geschützt. Der kommerzielle Zweig des Asgard-Imperiums, die Aerospace International Research Center GmbH in Wien, wird bestimmt Milliarden an Lizenzgebühren einnehmen, wenn erst Versicherungen und Finanzdienstleistungen, Bekleidung, Spielwaren, Sportartikel, Kamine, Heizungskessel, Klempnerbedarf, Munition, Möbel und Verpackungsmaterial unter diesem Namen vermarktet werden. Ja, ich sag‘s Ihnen: Wenn der Russe kommt, können Virgin, Red Bull und Space X einpacken!