Image: Kontrollierte EigendynamikFERCHAUFERCHAUWie verändert uns Künstliche Intelligenz? | Jirsak
TrendIst KI böse?

Kontrol­lierte Eigen­dy­namik

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Uli Ries

Uli Ries

freier Journalist

Um die Deutung der Künstlichen Intelligenz (KI) ist ein öffentli­cher Streit entbrannt. Er spiegelt die Verunsiche­rung bei technischen Sprüngen und die Angst vor Kontroll­ver­lust. Werden uns die Maschinen künftig noch unterstützen, oder werden sie die Menschheit unterjochen?

08. Februar 2018

Kaum ein Thema polarisiert derzeit so stark wie das künftige Verhältnis von Menschen und Maschinen. Für viele Protagonisten der Hightech-Szene gilt Ende 2017: Die Künstliche Intelligenz (KI) ist nicht alles. Sie ist das Einzige. „KI ist die neue Elektrizi­tät“, urteilt Andrew Ng, der ehemalige KI-Verantwort­liche bei Google und Baidu. Für andere wiederum kann KI ein existenzi­elles Risiko sein, etwa für den schwedischen Philosophen Nick Bostrom, der zum Thema „Superintel­li­genz“ forscht. Zudem warnte der Innovator Elon Musk unlängst vor dem Ausbruch des 3. Weltkriegs durch Künstliche Intelligenz, und der Physiker Stephen Hawking wies auf die Gefahr hin, dass eine neue Lebensform entstehen kann, die den Menschen übertrifft.

KI – Freund oder Feind?

Die zentrale Frage ist: Geht es um den Wegfall von Millionen Arbeitsplätzen, oder steht mehr auf dem Spiel? Klar ist, dass sich im Umfeld der menschli­chen Gemeinschaft etwas verändern wird. Unklar ist nur, was, wie und wann. In der Öffentlich­keit herrsche Verunsiche­rung, weil KI-Systeme und Roboter Tätigkeiten übernehmen, die bisher Menschen vorbehalten waren, sagt der in der Schweiz lebende Maschine­nethiker Prof. Dr. Oliver Bendel: „Die Algorithmen werden immer präziser und schneller und überflügeln uns in verschie­denen Aspekten – dass sie sogar dazulernen und sich selbstständig weiterent­wi­ckeln können, schürt ebenfalls Ängste.“ Für den Normalsterb­li­chen seien die Systeme zudem schlicht nicht durchschaubar, und selbst für Eingeweihte werde es schwierig, ein fundiertes Urteil zu fällen.

Wird künftig die Gender-Diskussion um Algorithmen erweitert, bekommen Maschinen Menschen­rechte (hybride Gesellschaft) oder Menschen die Maschinen­richt­linie (Transhuma­nismus), und wie reagieren wir, wenn das autonome Auto heute nicht in die Arbeit, sondern ins Museum nach Zuffenhausen fahren will? Vor über 200 Jahren wurde in England der Aufstand der Ludditen niederge­schlagen – Textilar­beiter, die als „Maschinen­stür­mer“ gegen die Automati­sie­rung durch Webstühle und die Verschlech­te­rung ihrer Lebensbe­din­gungen zu Felde zogen. Dabei ging es ihnen nicht um Kritik an der Technik an sich, sondern um die damit verbundene Veränderung der Wertschöp­fungs­ketten.

Kontrollierte Offensive ist gefragt

„Ich würde nicht einfach von KI sprechen, sondern genau zwischen den Anwendungs­be­rei­chen und den Spielarten unterschei­den“, empfiehlt Bendel. Konkretes Beispiel: Ein KI-System, das Krebs erkennt und eine Therapie vorschlägt, sei großartig. Eine KI, die uns in der Öffentlich­keit überwacht und analysiert, sei hingegen gefährlich für unser Wohlbefinden, unsere Offenheit und unsere Freiheit. „Überwachungs- und Sicherheits­ro­boter wie der K5 oder Systeme mit Gesichts­er­ken­nung wie am Berliner Südkreuz haben auf unseren Plätzen nichts zu suchen“, fordert der Maschine­nethiker.

Bendel plädiert für eine forcierte Weiterent­wick­lung von KI-Systemen sowie von Industrie- und Servicero­bo­tern. „Sie können uns anstrengende Tätigkeiten abnehmen und manche Tätigkeiten besser verrichten als wir. In einigen Gebieten verzichten viele von uns auch gerne auf Maschinen. Und wir sind froh, wenn Menschen, die etwas von der Sache verstehen, im Ernstfall eingreifen können.“

Nicht einfach bei rasanten Umwälzungen – einige Beobachter sprechen bereits von der fünften industri­ellen Revolution. Insofern haben die öffentli­chen Klagen und Loblieder den gleichen guten Zweck: Sie warnen den Menschen vor anstehenden Veränderungen, damit er sich darauf einstellen kann. „Das Entschei­dende ist, dass wir die Zügel in der Hand behalten“, sagte der Wissenschafts­phi­lo­soph Klaus Mainzer auf dem 3. Zukunfts­kon­gress „Technik zum Menschen bringen“ des Bundesmi­nis­te­riums für Bildung und Forschung (BMBF).

Ausgabe 2018/01

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