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Ulfs* WeltKolumne

Schiesst euch doch zum Mond!

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Die Zeit des All-Tourismus ist gekommen. Jetzt müssen nur noch die Richtigen richtig abheben.

20. Februar 2018

Wer kennt es nicht: dieses wunderschöne Foto unseres blauen Planeten, der gerade über dem Mond aufgeht. „Earth Rise“ heißt es, Erdaufgang, und es hat dieses Jahr Goldjubi­läum. Als der NASA-Astronaut Bill Anders das Bild mit einer Hasselblad-Mittelfor­mat­ka­mera auf Kodacolor-Rollfilm festhielt, hatte die Crew von Apollo 8 gerade zum dritten Mal den Trabanten umrundet. Die Perspektive ist etwas ungewohnt, der Südpol liegt links. Aber was soll‘s? „Earth Rise“ war ein Geschenk an die Menschheit, und hätte es damals schon Digitalka­meras und Livestreams gegeben, wäre es sogar ein Weihnachts­ge­schenk geworden: Es entstand an Heiligabend 1968. So aber musste erst noch der Film entwickelt werden – nachdem die US Navy die Astronauten samt Raumkapsel aus dem Meer gefischt hatte.

Falls alles nach Plan verläuft, können die beiden ersten Lunar-Touristen noch vor dem 50. Jahrestag mit eigenen Augen nachsehen, was von dieser Schönheit übrig geblieben ist. Vielleicht möchten sie auch ein Erdaufgangs-Selfie auf Facebook posten. Im Zeitplan von SpaceX, der von Tesla-Chef Elon Musk gegründeten Raumfahrt­firma, ist die erste private Mondmission jedenfalls für 2018 eingetragen. Der amerikani­sche Fernreise­ver­an­stalter steht in der Pflicht: Er hat den beiden Frühbuchern schon vor längerer Zeit eine Anzahlung abgeknöpft – vermutlich die höchste, die je ein Mensch für eine Flugreise hinblättern musste.

Mal nachsehen, ob die Erde eine Kugel ist

Wer die Bonzen, Oligarchen oder Geldadligen sind, die sich von Musks Leuten hinter den Mond schießen lassen wollen, ist noch geheim. Es dürften aber ganz normale Milliardäre sein, die ihren Reichtum ihrer Cleverness, ihrem Fleiß und ihrem unterneh­me­ri­schen Geschick verdanken. Kurzum: Leute, die nicht sehr überrascht sein werden von dem, was sie zu sehen bekommen. Deshalb hoffe ich, dass diese Persönlich­keiten noch rechtzeitig vor dem Start Muffensausen kriegen. Sie sollten ihre Tickets an Leute verschenken, die eine solche Bildungs­reise bitter nötig hätten.

Zum Beispiel an Robbie Davidson. Der Kanadier ist Kreationist, nimmt also die Schöpfungs­ge­schichte wörtlich. Im vorigen November hat er im Bible Belt an der US-Ostküste die Flat Earth International Conference veranstaltet. Dieses Treffen lockte rund um den Erdball Menschen an, die den Erdball für eine Erfindung des Satans halten. Der Antichrist soll mit seinen Fake News von der Kugelgestalt des Planeten schon die alten Griechen und später den wackeren Nikolaus Kopernikus hinters Licht geführt haben. Inzwischen helfe ihm dabei die NASA. Die Raumfahrt­agentur habe in ihren Grafikcom­pu­tern alle Bilder der Erde gefälscht, die seit „Earth Rise“ um die Welt gingen.

Das ganze Leben ist ein Videospiel, und wir sind nur die Astronauten

Dass es diese Superrechner noch gar nicht gab, als Anders das Foto schoss, will Davidson nicht wahrhaben, ebenso wie die Tatsache, dass die Genesis den lieben Gott nicht als himmlischen Pizzabäcker beschreibt, der seinen Teigklumpen so lange rotieren lässt, bis er zur dünnen Scheibe wird. Ein Blick von oben könnte unserem kanadischen „Flattie“ durchaus die Augen dafür öffnen, dass er den All-(!)Mächtigen bisher sträflich unterschätzt hat. Ich fürchte allerdings, er würde den Freiflug nicht annehmen. Erstens heißt die Mondkapsel „Dragon“ – wer denkt da nicht an teuflische Machenschaften? Zweitens weiß er vermutlich, dass Elon Musk vor zwei Jahren auf dem recode-Kongress selbst gesagt hat, wir lebten höchstwahr­schein­lich alle in einer Computer­si­mu­la­tion, wie man sie aus „The Matrix“ kennt.

Wer hat die schönste Mondbasis?

Bleiben wir aber mal bei der Hypothese, unsere Welt sei real: Etliche VIPs hätten es sich doch verdient, dass wir sie zum Erdtrabanten expedieren, nicht wahr? Und zwar nicht per Rundflug wie in Frank Sinatras nettem „Fly me to the moon“ („...and let me play among the stars)“, sondern mit Einwegti­cket und Landerecht wie in Roger Ciceros desillusio­nierter Coverver­sion „Schieß mich doch zum Mond“. Wenn ich mir das nur leisten könnte! Mir würden einige einfallen, die ich so gerne mit einer Reise zum Erdtrabanten ohne Rückfahr­schein beglücken würde. Und während die Rakete samt Insassen elegant gen Himmel schwebt, lehne ich mich zurück und summe zufrieden die Melodie des David-Bowie-Songs „Space Oddity“.

Völlig losgelöst von den Sitzen

Das Problem mit dem grassierenden Flacherdismus lösen wir unterdessen mit Hilfe eines Mannes, der als Anbieter von Flugreisen einen untadeligen Ruf hat: Richard Branson, Gründer der Virgin-Gruppe. Seine Leute wollen ebenfalls Menschen durchs All sausen lassen, zwar immer nur kurz, dafür aber schon bald, so oft wie möglich und bis zu sechs Fluggäste auf einmal. Schwerelos wie Major Tom schweben die Passagiere ein paar Minuten in der Kabine, völlig losgelöst von ihren Sitzen. Dabei sie sind hoch genug unterwegs, um beim Blick aus dem Fenster zu erkennen, dass die Erde keine Pizza ist. Lächerliche 250.000 Dollar kostet der Spaß – ein Taschengeld für die Rapper und Sportstars, die sich in den USA als Flatties geoutet haben und bestimmt neugierig sind, wie der eisige Rand der Erdscheibe aussieht. Also: Countdown läuft!