Image: Freude am gefahren werdenFERCHAUFERCHAUAutonomes Fahren: neue Möglichkeiten für die Medienbranche | chombosan
TechnikDigitale Mobilität

Freude am gefahren werden

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Monique Opetz

Monique Opetz

Freie Journalistin

Robo-Taxi und mobile Wohnzimmer: Wenn Autos zukünftig voll autonom fahren, gewinnt der Fahrer Zeit. Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch für die Medienbranche?

28. Februar 2018

Einsteigen, dem digitalen Assistenten per Sprachsteue­rung das Ziel nennen und zurücklehnen. An die Fahrtdauer angepasst, werden Filme, Serien oder 360-Grad-Dokumenta­tionen auf die Scheiben projiziert - Dolby Surround und Augmented Reality inklusive. Sie bevorzugen Echtzeit­in­for­ma­tionen? Auch das ist kein Problem: Je nachdem wo sie sich gerade befinden, gibt ihnen das Fahrzeug Auskunft über ihre Umgebung. Sie lieben den Nervenkitzel? Liefern Sie sich virtuelle Rennen mit den Insassen des Autos nebenan.

Solche oder ähnliche Szenarien für vollauto­ma­ti­siertes Fahren könnten bald schon Realität sein. Wie Daimler und andere Autohersteller prophezeien, sollen erste autonome Flotten bereits 2020/21 durch deutsche Städte fahren.

Welche Bedingungen dafür nötig sind, loteten kürzlich Vertreter der Automobil- und Medienbranche auf der Konferenz „Media meets Automotive“ des MedienNetz­werk Bayern aus. „Das Auto ist heute schon eine ideale Plattform für den Konsum von Medienin­halten. Parallel zu den Entwicklungs­stufen des autonomen Fahrens wird sich die Mediennut­zung durch den Fahrer noch deutlich steigern. Hier gibt es große wirtschaft­liche Potenziale“, verkündet Bertram Brossardt, Hauptgeschäfts­führer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Neue Medienfor­mate sind gefragt

Wie die Medienin­halte aufbereitet sein müssen, um im Automobil zu funktionieren, erforscht Steffen Braun, Leiter des Geschäfts­feldes Mobility & Urban Systems Engineering, Fraunhofer IAO. Da heutige Medienfor­mate für das Wohnzimmer konzipiert seien, plädiert er für neue, flexiblere Formate. Ein Pendler, der zwanzig Minuten zur Arbeit fährt, interessiert sich möglicher­weise für einen kurzen Nachrich­ten­über­blick. Für längere Fahrten könnten individu­elle Filmange­bote genutzt werden. Marktpoten­zial sieht Braun durch die Fraunhofer-Studie „Value of Time“ bestätigt. Demnach sind 75 Prozent der Nutzer bereit, für Mehrwert­dienste im hoch- bzw. vollauto­ma­ti­sierten Fahrzeug zu zahlen – insbeson­dere in den Bereichen Kommunika­tion, Produkti­vität und Grundbedürf­nisse.

5G als entschei­dender Faktor

Um neue Medienfor­mate in das autonome Fahrzeug zu bringen, ist eine Infrastruktur mit höheren Datenraten und geringeren Reaktions­zeiten nötig. Der LTE-Nachfolger 5G soll das Netz mit 10 Gbit/s tausendmal schneller und effizienter machen. 2020 soll der neue Standard eingeführt werden und Vorausset­zungen für Echtzeit­kom­mu­ni­ka­tion, wie etwa Car-to-Car, entschei­dend verbessern. Eine Herausfor­de­rung dabei: Wie können sicherheits­re­le­vante Informationen das Auto oder den Fahrer erreichen, wenn die Bandbreite durch Medienkonsum ausgelastet ist? Eine Möglichkeit wäre die Priorisie­rung von Daten: Verschie­dene Anwendungen sollten in den Netzen unterschied­lich behandelt werden. „Wenn 5000 Autos netflixen, muss gewährleistet sein, dass die Information zur notwendigen Rettungs­gasse ankommt“, betont Dr. Johannes Springer, Leiter des 5G Automotive Program der Deutschen Telekom AG.

Das Auto als Werbemedium

Datengene­rie­rung könnte zudem eine entschei­dende Rolle im Marketing spielen, um relevante und individua­li­sierte Werbung anzubieten. „Das Auto wird immer mehr zur Kommunika­ti­ons­platt­form und daher auch zum Medium mit Potenzial für neue Werbeumfel­der“, erklärt Manfred Klaus von Plan.Net. „Location Awareness“ schaffe neue Möglichkeiten, etwa um Gutscheine von Shops anzubieten, die auf dem Weg liegen und gerne besucht werden. Inwiefern die neuen Möglichkeiten jedoch angenommen werden, ist ebenso offen, wie die Gestaltung der gesetzli­chen Vorausset­zungen. So könnten diese werblichen Hoffnungen bereits durch die aktuell diskutierte ePrivacy-Verordnung zunichte­ge­macht werden.

User Interfaces neu denken

Verbinden wir nun zukünftig alle unsere Smartphones mit dem Fahrzeug, um die genannten Potenziale auszuschöpfen? Martin Tottlepp, Leiter Entwicklung User Experience/ User Interface Konzepte bei Audi, ist davon nicht überzeugt. Neue Nutzungs­sze­na­rien würden neue Schnittstellen erfordern. „Wir müssen einen Weg finden, um Medienin­halte und ihre Darstellung in Zukunft nutzbar zu machen – auch unter Berücksich­ti­gung gesetzli­cher Regelungen“, meint er. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sei die Sprachsteue­rung SDS (Speech Dialogue System). „Wir bei Audi denken den Ansatz ‚Speech first‘. Die Sprachsteue­rung im Wagen wird eine entschei­dende Rolle im Fahrzeug einnehmen“, so Tottlepp.

Die Sprachas­sis­tenz bei Audi existiert bereits, die Stufe drei des autonomen Fahrens steht in den Startlöchern. Und seit Mai 2017 ist es gesetzlich verankert: Hoch- oder vollauto­ma­ti­sierte Fahrsysteme dürfen die Kontrolle von Fahrzeugen übernehmen – sofern ein Fahrer jederzeit wieder einspringen kann. Nun gilt es für die Automobil- und Medienbranche die Potenziale gemeinsam zu nutzen. Ob und wann das (voll)autonome Auto tatsächlich zum Medium transfor­miert, bleibt jedoch offen.