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Ulfs* WeltKolumne

Assis­tenten der Geschäfts­ver­rich­tung

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Selbst da, wo der Kaiser allein hingeht, helfen ihm jetzt dienstbare Geister. Virtuelle natürlich.

21. März 2018

Im vorigen Jahrtausend war ich oft und lange in den USA unterwegs. Das Land der unbegrenzten Unmöglich­keiten war ein Eldorado für Fans des technischen Fortschritts. Nur zwei Dinge wollten die Amerikaner partout nicht lernen: moderne Autos und moderne Haushalts­technik zu entwickeln und zu designen. Hatte eine Tür eine Klinke und keinen Drehknauf, hatte sie der Hausbesitzer aus Europa eingeschmug­gelt. Im ganzen Land gab es eine einzige Sorte Einheits­licht­schalter, die bestimmt noch Thomas Alva Edison persönlich gestaltet hat.

Die massiven Nostalgie-Küchenma­schinen, die wir uns kaufen, weil uns der Retro-Look an süße alte Hollywood-Schinken mit der jungen Doris Day erinnert, sahen in den Staaten nie anders aus. Ein Remake der Duschszene aus „Psycho“ hätte man noch vor wenigen Jahren spontan in jedem beliebigen Badezimmer zwischen Seattle und Miami Beach drehen können. Selbst im Restroom, den man schamhaft so nannte, weil man sich dort der unvermeid­li­chen Reste seiner Stoffwech­sel­vor­gänge entledigt, blieb der Hotelgast von dem Designer­wahn­sinn verschont, der uns hierzulande rätseln lässt, wo man die Hände im Waschbecken positionieren muss, damit das Wasser läuft.

Von der Hand in den Mund

Vorbei, Leute! Mein altes Vorurteil ist obsolet. Die sanitäre Revolution ist in vollem Gange. Verantwort­lich ist niemand geringerer als David Kohler, Chef des gleichna­migen Familien­un­ter­neh­mens aus Wisconsin, dessen Produkte in Amerikas Bädern und Küchen so allgegen­wärtig sind wie bei uns Grohe, Ideal Standard, Hansa, Villeroy & Boch und Geberit zusammen. Vor drei Jahren beglückte der Urenkel des Gründers die Menschheit mit einem Brausekopf mit eingebautem MP3-Player. Jetzt verlegt er die Bedienung seiner Armaturen quasi von der Hand in den Mund.

Am Spülbecken, am Waschtisch, in der Brauseka­bine und sogar auf dem stillen Örtchen braucht der Kohler-Kunde nichts mehr anzufassen. Die Spülung wird ebenso digital und berührungslos betätigt wie der Wasserhahn oder die software­ge­steu­erte Dusche mit ihrem After-Workout-Programm für sportliche Selbstop­ti­mierer. Kohlers gleicher­maßen dienst- wie unsichtbare Geister füllen sowohl die Badewanne mit der Wunschmenge Wasser in vorgewählter Temperatur als auch das Trinkglas: „Gib mir bitte viereinhalb Unzen Wasser mit 78 Grad Fahrenheit!“ Eindrucks­voll ist auch das kantige Designer-Badsitzmöbel Numi, das – wie auf Youtube zu sehen – sein feuchtes Innenleben wie von Zauberhand preisgibt. „Alarte ascendare operculum latrinae!“ Hm, funktioniert nicht. Ach nein, wir sind ja nicht bei Harry Potter. „Alexa, open toilet lid!“ Ebenfalls Fehlanzeige.

Zwölfspra­chige Sitzgele­gen­heit

Hieß es nicht, Numi verstehe zwölf Sprachen? Ja, aber das gilt nur für die Funk-Fernbedie­nung, die zum Beispiel den in den Thron integrierten Musikplayer aktiviert. Oder die mehrfarbige Hintergrund­be­leuch­tung. Oder die obligato­ri­sche Sitzheizung. Zur Nutzung der Grundfunk­tion genügt jedoch eine stumme Geste: Hält man gebieterisch die Hand über das 7500 Dollar teure Prachtstück, schwingt auch schon der Deckel in die Vertikale, als würde er von einem Magneten angezogen. Was sich darunter verbirgt, sind – wie Vertreter der Automobil­in­dus­trie sagen würden – fortgeschrit­tene Assistenz­sys­teme: Popodusche, Popofön, Reinluft­filter, Selbstrei­ni­gung, selbsttä­tige Desodora­tion. Das papierlose Klo fürs papierlose Chefbüro ist da, der Weg zum autonomen WC nicht mehr weit.

Ohne Cloud auf dem Trockenen

Jetzt fragen Sie bloß nicht, wer all die berührungs­lose Sanitärtechnik wirklich braucht, außer vielleicht Chirurgen, die sich im OP die Hände waschen, oder Menschen mit Bewegungs­ein­schrän­kungen. „Wir entwickeln keine Technik, um neumodischen Krimskrams zu haben“, sagt David Kohler. Na bitte, der Mann muss es doch wissen. Und die Achilles­ferse seiner Apparaturen kennt er selbst: Wenn der Strom ausfällt, was in den USA mit ihren Tornados und Hurricans und Freileitungen auf morschen Holzmasten nicht ganz so selten passiert, ist die Connection zur Cloud weg, die den ganzen KI-Sums steuert, und schon sitzt man auf dem Trockenen. Deshalb hat Numi eine Notfallfunk­tion namens „Emergency Flush“: Bei einem Blackout kann man damit noch bis zu 100 Geschäfte hinunter­spülen.

Ohnehin muss ja niemand alle drei bis vier Bathrooms seiner Villa so ausstatten. Solange an einem Waschbecken noch ein Uropa-Kohler-Gedächtnis-Wasserhahn tropft, ist nicht aller Tage Abend. Also weiterma­chen, lieber David, es gibt ja noch tolle Dinge, die Sie bisher nicht erfunden haben. Numi ist für stattliche Menschen gebaut, aber was ist mit den Schmächtigen und den Kindern? Wenn bei Ford, GM und Chrysler die beheizbaren Autositze höhenver­stellbar sind, werden Sie das wohl auch beim beheizten Lokus-Sitz hinkriegen. Dann geht auch ein Kaiser im Napoleon-Format nicht mehr nur allein aufs Örtchen, sondern fühlt sich dortselbst auch wie ein solcher.