Image: Vorreiter für Industrie 4.0 setzen auf die CloudFERCHAUFERCHAUImmer mehr Unternehmensanwendungen wandern in die Cloud | © Rick_Jo/istockphoto
TechnikProduct-Lifecycle-Management

Vorreiter für Indus­trie 4.0 setzen auf die Cloud

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Michael Wendenburg

Michael Wendenburg

Freier Journalist

Nicht nur im privaten Bereich haben wir uns daran gewöhnt, Daten in die Cloud zu schicken. Auch immer mehr Unterneh­mens­an­wen­dungen wandern dorthin. Im Product-Lifecycle-Management (PLM), einer Kernanwen­dung für das Engineering, wurde diese Option lange skeptisch betrachtet. Doch Anwender und Anbieter denken um, auch weil die Cloud die Umsetzung von Industrie 4.0-Initiativen erleichtert.

04. April 2018

Die Marktfor­schungs­firma CIMdata stellte kürzlich eine Cloud PLM-Studie vor, die eine wachsende Bereitschaft der Unternehmen in den USA und Europa zeigt, Zeit und Geld in Cloud PLM zu investieren.  Auch in Deutschland nimmt die Akzeptanz hier zu, wenngleich deutsche Firmen den US-Unternehmen in punkto Nutzung nach Einschät­zung der Marktfor­schungs­firma IDC um 18 bis 24 Monate hinterher­hinken. Die Marktfor­scher kommen zu dem Schluss, dass der Industrie 4.0-Reifegrad der deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr deutlich zugenommen hat und dass die Cloud dabei als Innovati­ons­be­schleu­niger dient.  Industrie 4.0-Vorreiter würden deutlich häufiger Cloud PLM-Dienste nutzen als ihre Mitbewerber. 

Viele der befragten Führungs­kräfte stammen aus Unternehmen, die in anderen Bereichen bereits Cloud-basierte Lösungen einsetzen. Auch fürs Product-Lifecycle-Management versprechen sie sich eine Vereinfa­chung ihrer IT-Administra­tion, eine Verringe­rung des Kapitalein­satzes und geringere Anlaufkosten, da Anschaffung von Hardware, Server-Software, Datenbanken etc. nicht mehr nötig ist. Als großen Vorteil betrachten sie insbeson­dere die Möglichkeit, Hardware- und Software-Ressourcen nach Bedarf zu skalieren. Die bessere Update-Fähigkeit Cloud-basierter Anwendungen ist ein weiteres Argument, allerdings ein zweischnei­diges, weil sie die Customizing-Möglichkeiten einschränkt und in regulierten Industrien wie der Medizintechnik die Validierung der PLM-Implemen­tie­rungen in Frage stellt.

Umdenken der PLM-Hersteller

Mehr noch als die Ergebnisse solcher Studien, die oft mehr Visionen als Wirklich­keit widerspie­geln, spricht das Umdenken der PLM-Hersteller für die wachsende Nachfrage nach Cloud-basierten Angeboten. Während vor fünf Jahren lediglich Autodesk oder der in Deutschland relativ unbekannte Cloud PLM-Pionier Arena Solutions auf Software aus der Wolke setzten, haben inzwischen alle führenden PLM-Hersteller eine klare Strategie. Besonders deutlich ist der Sinneswandel bei PTC, das vor fünf Jahren noch keinen nennenswerten Bedarf erkennen konnte und heute mit eigenen Software-as-a-Service-Angeboten (SaaS) wirbt: „Die Zeit ist reif für die Umstellung von PLM auf die Cloud“ lautet die Botschaft.

Eine ganz andere Frage ist, ob die PLM-Lösungen reif für die Cloud sind? Und für welche Art von Cloud? Das SaaS-Modell erfordert eine andere Software-Architektur als wir sie lokal installierten PLM-Lösungen (On-Premise) kennen. Diese Installa­tionen sind oft so kundenspe­zi­fisch, dass an eine automati­sche Aktualisie­rung der Software über das Web, wie bei Cloud-basierten Anwendungen üblich, nicht zu denken ist. Cloud PLM-Angebote müssen die Möglichkeiten des Customizing notwendi­ger­weise einschränken, um die Upgrade-Fähigkeit zu gewährleisten. Das bereitet vielen Unternehmen beim Gedanken an Cloud PLM Sorgen, denn manche dieser Anpassungen sind wichtig für ihre Produkti­vität und für die Akzeptanz der Lösung seitens der Anwender.

Bedenken der PLM-Anwender

Die fehlenden Möglichkeiten zur kundenspe­zi­fi­schen Anpassung sind eines der drei Hauptbedenken, die die von CIMdata befragten Führungs­kräfte gegen Cloud PLM hegen. Allerdings nicht das wichtigste: An erster Stelle steht die Frage der Integration von Cloud-Systemen mit anderen Unterneh­mens­an­wen­dungen. Insbeson­dere die Integration zwischen PLM und ERP (Enterprise Ressource Planning) stellt heute schon viele Unternehmen vor Probleme. Durch den Cloud-Einsatz wird das tendenziell noch verkompli­ziert, insbeson­dere wenn das ERP-System (noch) nicht in der Cloud oder in der Cloud eines anderen Betreibers läuft.
Auch die Verfügbar­keit Cloud-basierter Anwendungen und die Sicherheit der Daten in der Cloud bereiten vielen Unternehmen Kopfzerbre­chen. Allerdings setzt sich aufgrund der wachsenden Zahl von Hackeran­griffen gerade auf mittelstän­di­sche Unternehmen inzwischen die Erkenntnis durch, dass die eigene IT-Infrastruktur oft viel anfälliger ist als die eines professio­nellen Cloud-Betreibers. Ein Beispiel: Bei der Telekom bzw. T-Systems kümmern sich 1.200 Mitarbeiter allein um die Sicherheit der Open Telekom Cloud (OTC), die PLM-Hersteller wie Dassault Systèmes oder Aras in Deutschland als Infrastruktur für ihre SaaS-Anwendungen nutzen.

Schritt für Schritt in die Wolke

Für Unternehmen, die derzeit noch kein PLM einsetzen oder ihre technisch veralteten PLM-Systeme komplett ersetzen müssen, ist Cloud PLM eine interessante Option. Nachteilig ist allerdings, dass die meisten Autorensys­teme, deren Daten mit PLM verwaltet werden (CAD, ECAD, CAM etc.) noch nicht Cloud-fähig sind, sondern allenfalls in einer virtuali­sierten Desktop-Server-Umgebung betrieben werden können. Deshalb werden die Unternehmen nicht ganz auf lokal installierte Komponenten verzichten können oder wollen.

Unternehmen mit funktions­fä­higen PLM-Installa­tionen müssen sich hingegen sehr genau überlegen, ob sich der Aufwand für die Migration in die Cloud für sie lohnt. Solange der Return on Invest nicht klar ist, werden sie sich nach Einschät­zung von CIMdata nicht bewegen. Und schon gar nicht von heute auf morgen: Allein aus Gründen der Risikomi­ni­mie­rung werden größere Unternehmen ihre bestehenden Installa­tionen allenfalls Schritt für Schritt in die Wolke verlagern. Cloud PLM kann eine sinnvolle Ergänzung für Funktions­be­reiche wie die unterneh­mens­über­grei­fende Zusammen­ar­beit sein, die durch heutige On-Premise-Lösungen nur unzureichend unterstützt werden. Vorausset­zung ist allerdings, dass es gelingt, die Komplexität einer hybriden Cloud-On-Premise-Infrastruktur in den Griff zu bekommen.