Image: MACHINE – Das Netz als GegenüberFERCHAUFERCHAUMax Weisthoff überzeugt beim ART OF ENGINEERING mit seiner Performance MACHINE
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MACHINE – Das Netz als Gegen­über

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Philipp Erbe

Philipp Erbe

Editorial & Content Manager

Die drei Preisträger des interdis­zi­pli­nären FERCHAU-Kunstwett­be­werbs ART OF ENGINEERING stehen fest, der Sieger wird am 23. April auf der Hannover Messe bekannt gegeben. Mit seiner Performance MACHINE überzeugte Max Weisthoff die Jury und zählt zu den drei prämierten Künstlern.

18. April 2018

Netze als Struktur­prinzip begegnen uns heutzutage an vielen Orten: Spinnen nutzen komplexe Fangnetze um Beute zu machen, der Mensch verbindet im Weben und Knüpfen seit jeher Werkzeug und Nutzmate­rial. „Das Netz“ ist heute ein weltumspan­nendes, digitales System heterogener Informationen und Akteure und in seiner Gänze kaum noch zu erfassen. „Netze als räumliche Ordnungs­formen sind hochgradig ambivalent“, so Weisthoff. „Was sie fassen, schränken sie ein, erleichtern oder ermöglichen aber auch erst bestimmte Bewegungs­formen innerhalb ihrer Systematik. Ohne den zu umspannenden Sachverhalt bleiben sie selbst weitgehend amorph und damit letztlich ungreifbar.“

Genau diese Ambivalenz steht im Zentrum von Max Weisthoffs Performance MACHINE im Koloss-Saal der Akademie der Bildenden Künste in München. Der Künstler, ausgerüstet mit einem Strom-Generator auf dem Rücken und einer Ein-Faden-Nähmaschine in der Hand, bewegt sich frei im Raum und produziert aus Leernaht fortlaufend ein aktionis­ti­sches Gewebe. „Ich beziehe dabei den Umraum unmittelbar mit ein“, so Weisthoff. „Objekte wie Heizkörper, Fenster- und Türgriffe und ein Hallenkran sind erste Anknüpfungs­punkte und definieren eine raumbezo­gene Grundstruktur des Vorgangs. Im Verlauf der Aktion nähe ich die Naht immer wieder willkürlich an sich selbst fest. Die Struktur wird komplexer und raumgrei­fender, während ich gleichzeitig den möglichen Bewegungs­raum immer weiter begrenze.“

Erst das zeitweise Versetzen, Heben und Absenken des Hallenkrans, der das Netz spannt, verzerrt und letztlich in Teilen zerreißt, schafft neue Handlungs­räume und zeigt das Textil als permanente Umstruktu­rie­rung. „Die räumliche und prozessuale Zwiespäl­tig­keit aus Volumen und Linie, Verdichtung und Abstand, Aufbau und Zerstörung macht für mich den Reiz an MACHINE aus“, so Weisthoff. „Nach und nach bildet sich ein Gespinst, dessen greifbarste Form vielleicht den Charakter einer diffusen Ballung hat.“

„Unordnung“ als Bauprinzip

Das Undurchschau­bare der Fäden überfordert den Betrachter, gibt den Blick auf den eigentli­chen Vorgang aber auch erst frei: „Das Netz an sich ist eine prozessge­bun­dene Raumerschei­nung, deren Gestalt und Struktur sich im Auftreten von Spannung und Entspannung als fortlaufende Bewegung selbst organisiert. Es ist damit als intelligentes Material zu sehen. Im Zusammen­spiel mit Raum und Körper bildet und zerstört es kontinuier­lich eigene Strukturen. Der Wunsch des Betrachters nach Form medialisiert den Vorgang, ist für dessen konkrete Ausprägung aber unwesent­lich.“

Jurymitglied Britta Schmitz, ehemalige Oberkustodin und Kuratorin am Museum Hamburger Bahnhof:

Der Künstler trägt bei seiner Performance herkömmliche Technik auf seinem Rücken. Mit Hilfe einer Ein-Faden-Nähmaschine erschafft er im Raum ein chaotisches Netzwerk, das an neuronale Netze erinnert. Im Entstehungs­pro­zess zerstört sich die Struktur dieses Netzes immer wieder und nimmt so – wie auch die moderne Cloud-Technologie – permanent neue Formen an.