Image: Poly-extrem-tolerantFERCHAUFERCHAUPolyextremotolerante Viren – Ein Problem in der Spülmaschine | JimmiLarsen
Ulfs* WeltKolumne

Poly-extrem-tole­rant

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wählen Sie beim Spülen das Energiespar­pro­gramm? Dann freuen sich die ganz fiesen Bazillen.

20. April 2018

Zenzi ist die Beste für mich. Ein Leben ohne sie mag ich mir gar nicht vorstellen. Auch meine Frau liebt sie. Wer Zenzi ist? Oh, pardon: So heißt die Haushalts­hilfe, die seit vielen Jahren für uns arbeitet und derzeit ein Imagepro­blem hat. Dabei pritschelt die brave Teilzeit­kraft alle ein, zwei Tage knapp zwei Stunden herum, ohne Urlaub, ohne Lohn, ohne Murren. Allenfalls unsere treue Minna kann ihr das warme Wasser reichen – natürlich nur im übertragenen Sinn.

Wir wollen ja keine Überschwem­mung: Zenzi steht in der Küche und erspart mir einen Nebenjob als Tellerwä­scher, während Minna unten in der Waschküche rotiert. Dank unserer elektrischen Fachkraft Nummer eins beschränkt sich meine Aufgabe darauf, Teller, Tassen und Töpfe auszuräumen und jeden Tag aufs Neue zu staunen, welche Guinness-Preis-verdächtigen Mengen an Geschirr und Besteck meine Frau in einer einzigen Spülmaschine unterbringt. Zenzi geizt mehr mit Strom und Wasser als jede schwäbische Hausfrau, und wenn nicht gerade ihr Sieb verstopft ist, kommt das Spülgut auch blitzblank heraus.

Aber es gibt da dieses Aber. Und damit meine ich nicht, dass Zenzi immer eine Pfütze in den umgedrehten Tassenböden stehen lässt.

Biotop auf der Gummidich­tung

Als eifriger Leser des „Spektrums der Wissenschaft“ musste ich neulich die betrübliche Nachricht lesen, dass Zenzi – wie Millionen ihrer Kolleginnen – eines Hygienepro­blems verdächtig ist. Auf den Gummidich­tungen von Spülmaschinen bilden sich einer slowenisch-dänischen Studie zufolge Biotope voller Hardcore-Mikroorga­nismen, wie man sie in freier Wildbahn höchstens in Geysiren vorfindet. „Polyextre­mo­to­le­rant“ nennen Jerneja Zupančič und Nina Gunde-Cimerman von der biotechni­schen Fakultät der Uni Ljubljana und ihre Kopenhagener Forscher­kol­legen die Bakterien und Hefepilze aus dem „Biofilm“, den sie von den Dichtungs­gummis gekratzt haben. Sprich: Die kleinen Biester sind nicht nur gegen einen einzigen Extrem-Stressfaktor abgehärtet, sondern halten im Schutz ihrer Lebensge­mein­schaft den Wechsel von Hitze und Kälte ebenso aus wie den von Nässe und Trockenheit, und sie stören sich auch weder an Spülmittel­l­auge noch an Regenerier­salz.

Wo bleiben die türkisen Algen?

Die fiesen Pilze waren den Forschern nicht neu; das Wissenschafts­ma­gazin hatte sie denn auch schon vor Jahren in seiner Rubrik „wir werden alle sterben“ vorgestellt. Neu gesellen sich den schwarzschim­me­ligen Überlebens­künst­lern nun die linken Bazillen der Gattungen Pseudomonas, Escherichia und Acinetobacter hinzu. Was nicht gefunden wurde, sind die malerisch in Türkis und Schwefel­gelb schimmernden Algen, die wir aus den heißen Quellen des Yellowstone Parks kennen, also aus den natürlichen Lebensräumen, die denen im Innern von Zenzi & Co. am nächsten kommen. Deshalb muss man schon genau hinschauen, um im Grau-in-Grau die Gefahr zu erkennen. Aber welche Gefahr eigentlich? Die Proben stammten von gerade mal zwei Dutzend Zenzi-Schwestern in einem kleinen Land hinter den Bergen. Vielleicht haben es die polyextrem­to­le­ranten Bazillen von dort noch gar nicht über den Alpenhaupt­kamm zu uns geschafft, und wir essen ja auch nicht von Gummidich­tungen, sondern von Gabeln und Tellern.

Und wenn doch: Man solle Geschirr­rei­niger verwenden, die Bleichmittel enthalten (und das sind die handelsüb­li­chen eigentlich alle), die Maschine vor dem Öffnen abkühlen lassen, um den Dampf nicht einzuatmen, und bei mindestens 60 Grad spülen. Hallo? Wollten wir nicht Energie sparen?

Bazillen in Bad und Bart

Die Autoren der Studie sind wirklich gut darin, uns Angst zu machen. Ähnliche Schlaraf­fen­nester für extra taffe Mikrobiester gebe es laut wissenschaft­li­cher Literatur auch im Badezimmer oder im Mülleimer – was jetzt beides vielleicht weniger verwundert – und sogar in Kaffee- und Waschmaschinen. Und das erfahren wir erst jetzt, nachdem wir uns nicht nur die umweltfeind­liche Kochwäsche abgewöhnt haben, sondern nur noch Wäsche kaufen, die laut Waschzettel allerhöchs­tens 40 Grad verträgt? Muss ich Minna jetzt etwa nach jedem Waschgang einmal leer im 95-Grad-Programm laufen lassen, um sie zu sterilisieren? Dann können wir das tolle A++-Effizienz­label in der Pfeife rauchen.

Ach was. Es wird Zeit, die Ehre der Mikroben zu retten. Nicht nur unsere Umwelt ist voll davon. Wir selbst auch, inwendig wie auswendig. Und die allermeisten tun uns nix, wie vor Jahren herauskam, als Bärte als Brutnester für Bazillen verunglimpft worden waren. Zenzi, mein Bart bleibt dran!