Image: Senioren als Motor für das autonome FahrenFERCHAUFERCHAUMethusalem-Effekt: Das Roboterauto als Sozialarbeiter? | Menno van Dijk
Trend„Methusalem-Effekt“

Senioren als Motor für das auto­nome Fahren

Lesezeit ca.: 4 Minuten

Andreas Burkert

Freier Journalist

Selbstfah­rende Autos sind für Senioren ebenso eine Bereiche­rung wie für Menschen mit Mobilitäts­ein­schrän­kung. Und für die Autoindus­trie ist die alternde Gesellschaft ein wichtiger Markt.

08. Mai 2018

Selbstfah­rende Autos sind eine Chance, Senioren auf Trab zu halten. Das gilt vor allem für jene ältere Menschen, die wegen einer Mobilitäts­ein­schrän­kung selbst kein Auto mehr fahren können oder dürfen. Weil allerdings kaum einer im Alter freiwillig auf das Autofahren verzichten möchte, fordern Verkehrs­psy­cho­logen eine Altersgrenze für das Führen eines Fahrzeugs an.

Auch die EU will die Regeln für die Fahrlizenz verschärfen. Dass unter anderem Führerscheine alle 15 Jahre neu beantragt werden müssen, ist dabei nur eine Vorgabe. Regelmäßige Gesundheits- oder Fahrtaug­lich­keits­tests als Auflage für den Führerschein könnten folgen. Angeführt werden riskante Fahrmanöver im Verkehr wie sie nicht nur wegen des fehlenden Schulter­blicks beim Spurwechsel entstehen. Auch die Reaktions­fä­hig­keit, vor allem aber das Nachlassen sensorischer Fähigkeiten sind ein Risiko.

Senioren sind finanzstarke Kunden der Autoindus­trie

Noch stellt die EU es ihren Mitglieds­staaten frei, einen entsprechenden Gesetzent­wurf zu verabschieden. Aus gutem Grund. Die Folgen einer solchen Eignungs­prü­fung wie auch ein generelles Fahrverbot für Senioren wären in zweierlei Hinsicht ein Fiasko. Zum einen ist gerade die Generation 60 Plus auf das Automobil angewiesen. Was für ländliche Gegenden besonders gilt. Zum anderen ginge der deutschen Autoindus­trie eine finanzstarke Käuferschicht verloren. Heute ist nämlich jeder dritte Neuwagen­käufer in Deutschland über 60 Jahre alt. Tendenz steigend. Allein 2017 haben sich Senioren in Deutschland mehr als eine Million neue Autos gekauft.

Von einem „Methusalem-Effekt am deutschen Neuwagen­markt“, spricht deshalb Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Dudenhöffer ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebs­wirt­schafts­lehre und Automobil­wirt­schaft und sieht in der immer älter werdenden Bevölkerung auch eine Chance für die Automobil­branche. Vor allem können die älteren Verkehrs­teil­nehmer selbstfah­renden Autos einen wesentli­chen Schwung verleihen.

Selbstfah­rende Autos für Senioren als rentables Geschäfts­mo­dell

Dass der Trend zum autonomen Fahren dabei in ländlichen Gebieten geprägt wird, überrascht. Doch gerade dort bietet sich ein System aus fahrerlosen Bussen auf festen Routen an. Im bayerischen Kurort Bad Birnbach ist dieses Szenario seit Kurzem schon Wirklich­keit: Dort pendelt der erste autonome Elektrobus mit sechs Sitzplätzen zwischen Marktplatz und Therme. Wird ein Angebot wie dieses mit ebenfalls automati­schen Fahrzeugen für die "letzte Meile" kombiniert, könnten ältere Menschen wieder mehr am sozialen Leben teilhaben. So sehen es die Autoren der aktuellen Roland-Berger-Studie "Reconnec­ting the rural – Autonomous driving as a solution for non-urban mobility". In den zurücklie­genden Monaten haben sie dazu Szenarien für das autonome Fahren entwickelt. Im Fokus: Senioren in ländlichen Gebieten.

Denn dort wirkt sich der demografi­sche Wandel besonders stark aus. Mittlerweile sind auf dem Land über 22 Prozent der Bewohner über 65 Jahre alt. Wer nicht mit dem eigenen Auto unterwegs ist, ist auf öffentliche Verkehrs­mittel angewiesen, um etwa zum Arzt oder zu den Behörden fahren. Doch der öffentliche Verkehr ist den Kommunen in der Regel zu teuer und deshalb oft unzureichend oder gar nicht vorhanden. Autonom fahrende Verkehrs­mittel wären da laut Roland-Berger-Studie eine Chance, das lokale Mobilitäts­an­gebot deutlich günstiger zu gestalten.

Das Roboterauto als Sozialar­beiter

Vor allem die letzte Meile bietet neue profitable Geschäfts­mo­delle. Roboterautos könnten etwa körperlich eingeschränkte Menschen zum Einkaufen, zum Arzt oder zu Freunden fahren, ohne dass sie auf fremde Hilfe angewiesen sind. Die selbstfah­renden Autos würden sozusagen wesentliche Aufgaben eines Sozialdienstes übernehmen und darüber hinaus auch der Startup-Szene Chancen für gänzlich neue Services rund um die Pflege und Betreuung eröffnen.

Die gesellschafts­po­li­ti­sche Bedeutung des autonomen Fahrens bringt der Pittsburger Professors William Whittaker auf den Punkt. Für ihn ist es eine Frage der Menschen­würde, wenn Behinderte und Senioren dank autonom fahrender Fahrzeuge mobil bleiben.

Eine Ansicht, die auch die Automobil­her­steller teilen. So erklärt etwa Michael Hafner, Leiter Automati­siertes Fahren und Aktive Sicherheit bei Daimler, in einem Interview mit der Versiche­rungs­wirt­schaft heute, dass das autonome auch „Senioren die Möglichkeit bietet, mobil zu werden oder länger zu bleiben“. Noch aber gehören selbstfah­rende Automobile auf die Versuchs­strecke. Laut Roland Berger und der Aachener Forschungs­ge­sell­schaft fka werden vor 2025 kaum autonom fahrende Fahrzeuge für den Stadtver­kehr verfügbar sein. Bis dahin bieten Fahreras­sis­tenz­sys­teme Sicherheit im Straßenver­kehr – egal ob es sich nur um eine automati­sche Einparkhilfe handelt oder aber um eine automati­sche Notbrems­funk­tion. Solche Funktionen reduzieren dabei nicht nur das Unfallri­siko, auch der Fahrkomfort erhöht sich bedeutend.