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Ulfs* WeltKolumne

Daten­nutz und Daten­schmutz

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Selten wurde so viel und so unnütz über Datenschutz geredet wie heute. Unser Kolumnist kann es nicht mehr hören.

23. Mai 2018

Haben Sie auch schon mal Ihre Mobilfun­k­nummer zu einem anderen Netzbetreiber mitgenommen? Ich habe mir diese Prozedur neulich wieder einmal angetan, weil ich beim vorigen Netzwechsel funkloch­tech­nisch ein „Geht-noch-so-gerade“ gegen ein „Geht-ja-gar-nicht“ eingetauscht hatte. Wenn man jeden Monat für ein Zwei-Gigabyte-Paket bezahlt, aber auf seinen Bahnreisen abwechselnd „kein Netz“ oder „E“ (für die Uralt-Schmalband-Technik Edge) sieht und deshalb nur ein paar lausige Megabytes aufs Tablet ziehen kann, sehnt man sich irgendwann nach dem Netz, das die Mitreisenden munter surfen lässt. Nun ist das Schöne an der oft bekrittelten Reguliererei in Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen, dass man seine Telefonnummer nicht nur dem bisherigen Anbieter für 29,95 Euro abkaufen kann, sondern fürs Mitbringen gleich wieder 25 Euro Begrüßungs­geld vom neuen Anbieter gutgeschrieben bekommt.

Datenschutz bis zum i-Tüpfelchen

Das klingt, als gebe es Oasen in der digitali­sierten Servicewüste. Aber denkste: Damit sich kein Ganove eine fremde Identität samt passender SIM-Karte unter den Nagel reißt, schützen die Telefonfirmen unsere Daten besonders pingelig – leider auch und gerade vor uns selbst. So müssen die Kundendaten bis aufs i-Tüpfelchen in der Schreibweise angegeben werden, in der sie im Computer des alten Anbieters stehen. Dass der Postbote Ihnen die Karte aus Sicherheits­gründen ohnehin nur aushändigen darf, wenn Sie ihm Ihren Personal­aus­weis zeigen, spielt keine Rolle. Wenn Sie nicht exakt wissen, wie Sie in der Datenbank stehen, haben Sie ein Problem. Nehmen wir an, Sie heißen Franziska-Chantal Müller-Lüdenscheidt und der bisherige Mobilfunker hatte den Vornamens-Binde-Strich vergessen. Oder: Das Formular beim Neuen hat so wenige Kästchen, dass Sie aus Platzmangel die Chantal weglassen. Oder: Sie haben das „und“ im Namen Ihrer Firma durch ein Kaufmanns-„&“ ersetzt. In all diesen Fällen wird Ihr Portierungs­ge­such kommentarlos abgelehnt.

Nächste Hürde: Hotline

Verzweifelt rufen Sie die Hotline an. Sie ahnen noch nicht, dass der Callcenter-Mitarbeiter Ihnen gar nicht sagen kann, was Sie falsch gemacht haben sollen. Bevor er Ihnen verraten darf, dass er aus Datenschutz­gründen vom anderen Anbieter nicht erfährt, was korrekt wäre, muss er erst checken, ob Sie auch wirklich Sie sind. Dass Sie von der Nummer aus anrufen, um die es geht, hat für ihn nichts zu bedeuten. Deshalb er: „Sagen Sie mir bitte Ihre Kundennummer, Ihr Geburtsdatum und Ihre Adresse.“ Darauf Sie: „Warum?“ Er: „Datenschutz. Ich darf Ihnen sonst keine Auskunft geben.“ Sie tun ihm den Gefallen – und fragen sich im selben Moment, warum der neue Aushilfs-Bürobote so auffällig unauffällig in Horchweite stehen geblieben ist. Wieso macht der sich gerade hier und jetzt Notizen? Reicht es nicht, dass in den Cloud-vernetzten Adressbü­chern Ihrer 783 Facebook-Freunde und 1251 Xing- und LinkedIn-Kontakte steht, wann Sie Geburtstag haben, und auf dastelefon­buch.de, wo Sie wohnen? Gut, dass wenigsten diese handverle­senen Leute ausnahmslos grundanständig und vertrauens­würdig sind – so wie all die Kellnerinnen und Kassierer, die schon Ihre Kreditkarte in der Hand hatten und daher die „Sicherheits“-Kennziffer auf der Rückseite gesehen haben, die man benötigt, um sich auf Ihre Rechnung etwas vom Onlineshop an eine abweichende Lieferadresse kommen zu lassen.

Facebook-Opa

Ja, ich gebe zu, dass ich etwas paranoid in diesen Dingen bin, auch weil mir all die apokalyp­ti­schen Warnungen vor der neuen Datenschutz-Grundver­ord­nung in den letzten Monaten das Gefühl gegeben haben, als selbstän­diger Datennutzer ständig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen oder zumindest ins Beuteschema der Abmahnan­wälte zu geraten. Immerhin hat mich mein Verfolgungs­wahn schon vor Jahren davon abgehalten, bei Facebook mein wahres Geburtsdatum einzutragen. Blöderweise habe ich mich nicht jünger, sondern kräftig älter gemacht, weil ich dachte, Männer im präsenilen Stadium seien für Online-Werbefuzzis nicht mehr interessant. Inzwischen werde ich täglich quer durchs Netz von Reklame für Treppenlifte und Hörgeräte verfolgt. Aber dieser Datenschmutz ist ein kleiner Preis für meinen ganz persönli­chen Datenschutz.