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Ulfs* WeltKolumne

Pauschal­tarif incl. Funk­loch

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Sind am Ende nicht die Mobilfunk­firmen schuld an den lückenhaften Netzen, sondern wir Verbraucher selber?

29. August 2018

Autofahren ist stressig. Im städtischen Dauerstau sowieso, aber auch auf der Autobahn. Die rechte Spur ist dicht mit Sattelzügen, die mittlere mit überholenden Lastern und mit Personen­wagen, deren Fahrer sich nicht mehr trauen, das Rechtsfahr­gebot zu befolgen, weil sie dann zwischen zwei Trucks festgeklemmt wären und niemand sie mehr rauslässt. Vorwärts geht es allenfalls auf der linken Spur, aber da machen die Übereiligen Druck, die in ihrer Premium-Sportlimou­sine den Radar-Abstandregler deaktiviert haben.  

Wieviel entspannter fährt es sich da doch in der Bahn! Im ICE kann man liegenge­blie­bene Arbeiten am Notebook erledigen; Steckdose, LTE und WLAN machen den Zug zum mobilen Büro...

Moment mal! Das Versprechen heißt „WLAN an Bord“, nicht „Internet an Bord“. Wo entlang der Schienen keine Funkmasten stehen, findet der Repeater im Waggon kein Signal zum Verstärken. Wer mit der Bahn von München nach Stuttgart, Berlin oder Hannover fährt und kein kategori­scher Mobilfunk­ver­wei­gerer ist, der weiß, was ein digitaler Flickentep­pich ist. „WiFi on ICE“, das Inklusiv­an­gebot der DB, ist immer wieder offline und liefert deshalb nur das im Bordcomputer hinterlegte Minimalan­gebot, während die Statuszeile des Handys hektisch zwischen „E“, „GPRS“ und „kein Netz“ hin- und herwechselt, jeweils für Sekunden unterbro­chen von „3G“ und „LTE“ mit einem einzigen Balken im Signalstärke-Symbol.

Immobilfunk für Stubenho­cker

Aber was kann die Bahn schon dafür? Ihr gehört ja kein Mobilfunk­netz. Investieren müssten schon die Netzbetreiber. Müssten, nicht müssen. Als Finanzmi­nister Hans Eichel einst die Frequenz­pa­kete fürs 3G-Netz versteigern ließ, brauchten sich die Bieter nur zu verpflichten, dass bis zu bestimmten Stichtagen soundsoviel Prozent der Wohnbevöl­ke­rung Empfang haben. 95 Prozent Netzabde­ckung klingt zwar wie „fast flächende­ckend“, heißt aber nur, dass 95 Prozent von uns MOBILfunk ZUHAUSE nutzen können. Ja, sind wir denn ein Volk von Stubenho­ckern, die sich den ganzen Tag in geschlos­senen Räumen aufhalten? Und warum, bitteschön, heißt es dann nicht „Immobilfunk“?

Aber jetzt tut sich was. Als der forsche neue Infrastruk­tur­mi­nister Andi Scheuer neulich die Führungs­spitzen der Branche auf einem „Mobilfunk­gip­fel“ getroffen hatte, twitterte er stolz: „Ich habe von den Beteiligten die Zusage bekommen, dass im Laufe des Jahres 2021 in JEDEM Bundesland 99 Prozent der Haushalte mit Mobilfunk versorgt werden.“

Whow! Das hilft, das reißt es raus. Bisher mussten sie laut LTE-Lizenzauf­lage ja nur 98 Prozent bis 2019 hinkriegen. Wenn ich also in Zukunft wieder mal mit dem Auto abseits größerer Ansiedlungen herumgurke und der Bordcomputer sich wegen „Kein Netz“ weigert, mir die nächste geöffnete Tanke anzuzeigen, fahre ich einfach weiter bis zum nächsten bewohnten Haus, gehe online und sehe sofort, dass ich genau die umgekehrte Richtung hätte einschlagen sollen. Das ist digitaler Fortschritt.

All-inclusive ohne Koch und Kellner

Aber was soll ich auf Bahnreisen tun? Der DB-Vorstand lässt sich von meiner Königlichen Hoheit Kunde I. ja nicht befehlen, seine Trassen nur an Häusern entlang zu bauen. Im mobilen Büro kann ich nur wie ein Rohrspatz auf meinen Netzbetreiber schimpfen. Ich habe inzwischen alle drei durch, mein Gemecker trifft nie den Falschen. Irgendwo hat jeder seine weißen Flecken auf der Landkarte, und manche Gegenden meiden alle drei, als hätten sie sich gegen uns Reisende verschworen.

Nach einem Moment der Besinnung überkommt mich jedoch das dringende Bedürfnis, mich in den Bauch zu beißen. Als die All-Net-Flat in Mode kam, hatte ich begeistert zugegriffen, ohne zu kapieren, dass Flatrates Tarife für Leute sind, die auch einen All-inclusive-Urlaub buchen. Solange man sich auf dem Areal des Club-Resorts den Magen vollschlägt oder zu Hause telefoniert, ist man bestens rundum versorgt. Aber so wie der Hotelier nicht im Traum darauf käme, mich bei meinen Ausflügen durchs Urlaubsland aufpreis­frei von einem Tross aus Köchen, Kellnern und Barkeepern begleiten zu lassen, wäre der Funk-Anbieter doch bescheuert, ließe er mir auf Schritt und Tritt die gleiche Online-Versorgung angedeihen wie daheim. Er hätte davon nichts als Kosten.

Kaufleute investieren aber nur, wenn es sich auszahlt. Deshalb rufe ich hiermit auf zur Gründung der Anti-Flatrate-Bürgerinitia­tive. Ich fordere Tarife, bei denen ich keine Megabytes und Telefonmi­nuten bezahlen muss, die ich gar nicht in Anspruch nehmen kann. Wer mehr Geld von uns will, soll gefälligst sein Netz da ausbauen, wo wir unterwegs sind, Sie und ich und all die anderen mobilen Menschen. Zu Hause habe ich Kabelanschluss, da kann mir die Smartpho­ne­flat gestohlen bleiben.

Lieber nicht in den Bauch beißen

Aber halt, was lese ich da gerade? Bis 2021 wollen Scheuers Mit-Gipfelstürmer „jenseits der geltenden Versorgungs­auf­lagen mindestens 100 neue 4G-Standorte an bislang unversorgten Verkehrshot­spots errichten“. Das mit dem In-den-Bauch-Beißen überlege ich mir wohl noch mal. Wenn Staat und Netzbetreiber solche Hotspots einfach übersehen, sind vielleicht nur die Versorgungs­auf­lagen bescheuert.