Image: Nanny am HandgelenkFERCHAUFERCHAUGearstd
Ulfs* WeltKolumne

Nanny am Hand­ge­lenk

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Selbstop­ti­mierer waren unserem Kolumnisten immer suspekt. Jetzt überwacht auch ihn eine mehr oder weniger smarte Armbanduhr.

28. September 2018

Mein Fitnesstrainer ist sehr gewissen­haft. In jeder Stunde, die unsere Gruppe auf dem Spinning-Bike absolviert, geht er vom einen zur nächsten und prüft, ob wir auch alle unsere Pulsuhren angelegt haben und ob diese einen Wert in der richtigen Zone anzeigen. Jahrelang strampelte ich mich deshalb brav mit umgeschnalltem Brustgurt ab, dessen Sender leider mit der Zeit immer eigenwil­liger wurde. Eines Tages beschloss das Mistding, sich immer nach 28 Minuten abzuschalten, egal wie neu die Batterie war. Wahrschein­lich brauchte der Schweiß so lange, um die Dichtung zu passieren und den Transmitter kurzzuschließen.

Just zu der Zeit bot ein bekannter Discounter zu einem Spottpreis Pulsuhren an, die ohne Gurt und Sender auskommen. Das war‘s: optische Herzfrequenz­mes­sung durch die Haut zu einem Siebzehn­kom­ma­fünftel des Preises einer Smartwatch mit Apfel drauf. Ich war so begeistert, dass ich meiner Frau gleich auch so ein Teil kaufte.

Heiteres Herzfrequenz­raten

Die Freude währte nicht lange. Schon in der ersten Stunde auf dem Zimmerfahrrad meldete das Display beim gemütlichen Einradeln ein Herzklap­penst­ak­kato, als hätte ich mich an den oberen Rand der anaeroben Zone gekämpft. Als ich mich dann tatsächlich verausgabte, trudelte der Wert hinab auf den Ruhepuls eines Scheintoten. Ich machte den Vergleichs­test: Links die blaue Billigpulsuhr, rechts die graue und zusätzlich das alte schwarze Markenpro­dukt mit dem Gurt für den Referenz­wert. Und siehe da: Nie zeigten alle drei das Gleiche an. Mal lag die blaue oben und die graue unten, mal umgekehrt, und die schwarze immer stoisch dazwischen. Der Discounter nahm den Technikschrott natürlich mit Bedauern zurück. Aber was jetzt? Doch den blöden Gurt ersetzen? Tja, dann passierte, was eben passiert, wenn man unentschlossen auf Ebay herumsurft: Ich entdeckte sehr, sehr günstig eine gurtlose Pulsuhr, nein, falsch, einen Fitnesstra­cker vom renommierten Hersteller meiner alten Sportuhr. Eigentlich bin ich gegen Vorratsda­ten­spei­che­rung. Man kann doch nicht in Kolumnen über Selbstop­ti­mierer spotten, die mit solchen Dingern sogar ins Bett gehen und ihre geheimsten medizini­schen Messwerte über ungesicherte Verbindungen in eine kaliforni­sche Cloud funken, und dann selbst mit so etwas rumlaufen.

Schritte zählen beim Rückenschwimmen

Wie Sie wahrschein­lich schon vermutet haben, wohnt in meiner Brust auch die Seele eines neugierigen Technikfreaks, der alles ausprobieren möchte. Und der hat dann auf „Kaufen“ geklickt, bevor der innere Schweine­hund, der von digitaler Kalorien­buch­füh­rung gar nichts hält, auch nur knurren konnte. Und das war gut so, denn jetzt kann ich endlich qualifiziert und tiefnäsig über Blödmänner wie mich lästern, die für derartige elektroni­sche Spielsachen Geld ausgeben, ohne vorher die richtigen Fragen zu stellen. Inzwischen fallen mir ständig neue ein. Wie zählt ein Sensor am Arm Schritte, laufe ich etwa im Handstand? Wie viele Schritte sind zehn Meter Rückenschwimmen oder zehn Meter Radeln bei Gegenwind? Wie kommen morgens beim Gang ins Badezimmer 48 Schritte auf den Zähler, wenn es bis zur Toilette nur 13 Schritte sind? Warum wird überhaupt alles in Schritte umgerechnet? Oder: Wozu muss ich etwa meiner elektroni­schen Nanny die Sportart verraten, in der ich trainieren will, sogar unterschieden zwischen normalem Schwimmen und Bahnschwimmen oder Radfahren und Indoor Cycling? Verbrenne ich bei gleichem Puls mal mehr, mal weniger Kalorien, je nachdem, wobei ich mich anstrenge? Dann hätte mich die alte Uhr jahrelang belogen und irgendwelche statisti­schen Mittelwerte angezeigt – und ich hätte vielleicht den falschen Sport getrieben.

Bester Schlaf bei Ruhepuls Null

Falsch? Nun ja: Falsch aus Sicht eines Selbstop­ti­mie­rers, der nicht das macht, wobei er sich wohlfühlt, sondern das, was ihm die schönsten Messwerte bringt. Die wichtigste Frage, auf die mich der Fitnesstra­cker gebracht hat, ist tatsächlich nicht die, ob uns die Dinger ausspionieren – ich habe mich unter falschem Namen mit einer eigens dafür angelegten Mailadresse registriert und auch beim Geburtstag geschummelt. Auch nicht, warum der Hersteller eine sehr schöne und auch bei Sportmuf­feln beliebte Art der Bewegung weggelassen hat, die in Fitnesskreisen als Horizontal­sport bekannt ist. Wichtiger und irritierender ist, was diese Gerätchen mit uns anstellen. Dass wir uns wirklich freuen, wenn sie bereits um 17 Uhr vibrieren und ein Feuerwerk anzeigen, weil wir angeblich unser Tagesziel erreicht haben. Dass wir frustriert sind, wenn wir beim Schlafen­gehen erst 72 Prozent unseres Bewegungs­pen­sums geschafft haben und die Nanny am Handgelenk mahnt, wir müssten jetzt noch 48 Minuten laufen. Dass wir blind alles glauben, was dieses kleine Stück Technik behauptet, nur weil es den Puls genauer misst als ein 19,99-Euro-Gadget vom Discounter.

Zumindest als Schlafbe­rater hat sich mein Tracker jetzt selbst diskredi­tiert. Vorige Nacht, behauptet er, hätte ich keine fünf Stunden geschlafen. Hallo? In meinem Alter muss man nachts schon mal raus, wenn man am Abend noch was getrunken hat. Dummerweise kapierte die Software nicht, warum die Sensoren danach stundenlang keinen Schritt mehr zählten, sondern nur einen konstanten Ruhepuls. Ich ratzte selig wie ein Bär im Winter. Zum Ausgleich bekam der Schlaf meiner Frau, die das gleiche Modell besitzt, die Bestnote 5.0 für neun Stunden ohne Unterbre­chung. Kein Wunder, denn in dieser Zeit hatte ihre Pulsuhrnanny 0 Herzschläge pro Minute getrackt: Sie lag noch, frisch synchroni­siert, neben dem Computer.