Image: Digitalisierung ist ein Abschied – und ein WillkommenFERCHAUFERCHAUIn Folge der zunehmenden Vernetzung und Automatisierung werden sich unsere Arbeits- und Lebensweisen in Zukunft stark ändern. | gremlin
MenschenDie Welt nach Cloud Computing

Digi­ta­li­sie­rung ist ein Abschied – und ein Will­kommen

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ingo Neuling

Ingo Neuling

freier Journalist

Die Digitali­sie­rung wirkt sich immer stärker auf unseren Alltag aus. Die zwischen­mensch­liche Vernetzung nimmt ebenso zu, wie die automati­sierte Kommunika­tion zwischen Maschinen. Ob dies Fluch oder Segen ist, hängt auch davon ab, inwiefern der einzelne bereit ist, neu zu denken und sich damit auf die unaufhalt­bare Entwicklung einzustellen.

01. Oktober 2018

Prof. Dr. Gunter Dueck ist Mathematiker, Schriftsteller, ehemaliger Innovator bei IBM und heute gefragter Keynote Speaker. Im Interview verdeutlicht er, welche Folgen die Digitali­sie­rung und das Cloud Computing auf unseren Alltag haben – und worauf sich Unternehmen, Arbeitswelten und Bildungs­sys­teme vorbereiten müssen.

Herr Dr. Dueck, was genau beschreibt der Begriff Cloud Computing?

Cloudy Question! Die Services in „der Cloud“ nehmen ja ständig zu. Bei Dropbox bekommen Sie eine Speicher­platte irgendwo auf einem Server auf der Welt (in der Cloud). Alle Software wandert langsam dorthin, also können Sie Word, PowerPoint oder SAP auf Computern irgendwo bedienen. Die ganze Infrastruktur wird zunehmend im Netz angeboten. Nun vernetzen sich auch die Maschinen über das Netz und tauschen Informationen aus. Der Postbote klickt an, dass mein Paket übergeben wurde, ich bekomme eine Mail mit Rechnung. Ein Flug wird gecancelt, ich bekomme das Angebot per SMS, ersatzweise eine Bahnfahr­karte zu nutzen – die kommt elektronisch und wird vom Bahnapparat erkannt und verstanden. Wir bedienen nur noch Endgeräte, das Wesentliche wird in der Cloud abgearbeitet.

In welchem Maße hat Cloud Computing bereits heute unsere Arbeitswelt verändert?

Immer mehr Leute haben kleine Apparate zum Bearbeiten in der Hand. Sie scannen, prüfen, protokol­lieren Übergabe­punkte, nehmen Zahlungen entgegen. Computer haben oft keine CD-Laufwerke mehr. Kommt alles aus dem Netz! Das Fax verschwindet, Dokumente werden elektronisch. Es ist aber nur ein Anfang.

Und wohin geht die Reise?

Denken Sie sich in die täglichen Interaktionen hinein, etwa beim Arzt: Heute schreibt ein Arzt etwas auf, dann tippt die Arzthelferin es noch einmal in den Computer ein, druckt das Rezept aus und gibt es uns. Dann gehen wir zur Apotheke, dort wird das Rezept bestempelt, quittiert, abgerechnet. Ich selbst reiche es bei der Privatver­si­che­rung ein, die scannt das Rezept und berechnet, wie viel erstattet wird, dann wird gezahlt und man schreibt mir einen Brief. Wenn Sie wissen wollen, wohin alles läuft, müssen Sie eigentlich nur solche täglichen Abläufe im Geiste durchgehen und den Personal­auf­wand aller beteiligten Akteure abschätzen. Da kommen zusammen­ge­nommen einige Kosten zusammen.

In Zukunft wird es so laufen: Ich brauche ein Folgerezept für Kortison für ein hartnäckiges Ekzem. Im Prinzip kann ich per Skype den Arzt anrufen, mein Ekzem zeigen. Dann drückt er im Wesentli­chen auf einen Knopf. Der Vorgang geht automatisch an die Versandapo­theke, die Rechnung gleich an die Krankenver­si­che­rung und am nächsten Tag kommt die Post. Fertig.

Kurz: Fast alle Arbeit um die Kortison­pa­ckung ist teuer und unproduktiv – aber: Sie ist automati­sierbar. Und so wird es auch kommen.

Was bedeutet das für die Organisa­tion von Unternehmen? Welche Herausfor­de­rungen werden sie meistern müssen?

Das Beispiel mit der Arznei zeigt, dass sich die Geschäfts­mo­delle durch die automati­sierten Prozesse sehr stark verändern. Ein Unternehmen muss sich da hineindenken und sich neu erfinden. Das geht bis hin zu einer schmerzvollen Erkenntnis, dass man womöglich dichtmachen muss. Warum gehe ich zur Bankzwerg­zweig­stelle in Kleinkle­ckers­dorf? Geld gibt es auch bei ALDI oder an der Tankstelle, Zahlungen können per Karte oder Paypal ausgeführt werden. Was bleibt dann? Oder die selbstfah­renden Autos: Das Problem sind nicht mehr die Autos, sondern die Verkehrs­sys­teme, die den Verkehr und nicht mehr nur die Ampeln regeln. Folge: Das Autobauen nimmt ab, die Entwicklung von Software nimmt zu. Die Unternehmen scheuen dieses sehr nüchterne Eingehen auf die Zukunft.

Was bedeutet das für die (Aus-)Bildung der Zukunft? Ist das aktuelle Bildungs­system geeignet, um junge Menschen ausreichend auf die Anforderungen der zukünftigen Arbeitswelt vorzubereiten?

Menschen werden nicht mehr Belege bearbeiten, Rezepte bestempeln, neue Ware bestellen, Auskunft geben. Ihnen bleibt das Verkaufen, Überzeugen, Premium-Beraten, Projektleiten, Neuerfinden – eigentlich die hochprofes­sio­nelle Arbeit.

So etwas kommt im Bildungs­system nicht so richtig vor. Beispiel: Wenn man bis zum Doktor mit 28 Jahren immer die leichtere Hälfte der gestellten Aufgaben hinbekommt, also immer 50 Prozent schafft, dann besteht man bis dahin. Am nächsten Tag aber, im Beruf, soll alles klappen! Das Bewusstsein dafür ist gar nicht vorhanden! Stellen Sie sich vor, ein Lehrling vermurkst jeden Tag die halbe Arbeit: Dulden wir das? Nur im Bildungs­system ist das noch ausreichend, im Beruf nicht mehr.

Warum sollten wir uns auf diese neue Arbeitswelt freuen?

Viele, die sich mit der neuen Welt anfreunden sollen, merken dann plötzlich, wie sehr sie an den alten Gewohnheiten hängen. „Wo kämen wir hin, wenn die Leute elektronisch einchecken und nicht mehr das freundliche Hallo der schicken Flugbeglei­tung hören können?“ – „Wo kämen wir hin, wenn die Bibliothek ohne freundli­ches Personal funktioniert?“ Man fragt oft: Ist es denn ein toller Beruf, beim Aussteigen der Flugpassiere ungefähr 180 Mal Tschüss zu sagen? Meist finden die Menschen ihren Beruf aus Gewohnheit richtig gut – sie mögen nicht wechseln. Insbeson­dere Berufe „mit Menschen“ ändern sich sehr. Da fällt jeder Abschied schwer, so wie einst mein Vater auf dem Hof die Pferde verkaufte. Da weinten wir, aber dann freuten wir uns doch über den neuen Trecker. Die Digitali­sie­rung ist wieder so ein Abschied – aber eben auch ein Willkommen.

In unserer Kundenver­an­stal­tung FERCHAU Innovation Table fragt Gunther Dueck, ob Sie Leader oder Loser sind und erläutert, welche Fähigkeiten in der Arbeitswelt der Zukunft gefragt sein werden.