Image: Mister Jekyll & Doctor HydeFERCHAUFERCHAUWie Menschen vor der Tastatur zu Werwölfen werden | RichVintage
Ulfs* WeltKolumne

Mister Jekyll & Doctor Hyde

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

An der Tastatur alleinge­lassen, werden friedliche Menschen bei Nacht zu Werwölfen. Oder was ist los in diesem gottverdammten Netz, fragt sich unser Kolumnist.

29. Oktober 2018

Das Internet sei kaputt, lesen wir seit Wochen immer wieder. Oder wir lesen, dass jemand es kaputt macht. Und dann frage ich mich jedes Mal: Wovon reden diese Leute? Was ist dieses Internet eigentlich?

Nicht, dass Sie jetzt denken, es sei Neuland für mich. Das könnte man natürlich annehmen, wenn man weiß, wie alt ich bin und dass eine nette junge Redakteurin meine Texte hierher hochlädt. Betreutes Onlinern. Die Behauptung wäre trotzdem Fake News, und zwar sowas von! Ich wusste schon von der Existenz des Internets, bevor die Digital Natives geboren wurden, und als die ersten von ihnen in den Kindergarten gingen, habe ich begonnen, es ihren Eltern und Großeltern in diversen Printmedien zu erklären. Geduldig haben meine Kollegen und ich aufgedröselt, dass das World Wide Web nicht dasselbe war wie das Internet, sondern nur der Teil des Ganzen, dessen Adressen mit Hatetepe­dop­pel­punkt­dop­pelslashwe­wewe begannen. Es gab ja auch noch das Usenet und dieses Dings, äh, wie hieß noch dieser prähisto­ri­sche Vorläufer von WhatsApp? Ach ja: E-Mail. Nun brauchten wir elektroni­sche Post nicht mehr per Bildschirm­text oder Compuserve zu verschicken (bitte lesen Sie im virtuellen Computer­mu­seum nach, was das war).

Falls sich das jetzt für Sie liest wie „Opa erzählt vom Krieg“, bleiben Sie bitte dran, denn damit sind wir genau beim Thema. Nein, ich habe noch keine Enkel. Ich komme mir nur vor, als hätte jemand die ganzen Onlinerol­len­spieler auf die Menschheit losgelassen, die uns früher in langen Nächten mit dem Joystick Armeen von Aliens, Monstern, Terroristen und feindlichen Söldnern vom Hals gehalten haben. Dummerweise ist mindestens jeder zweite von ihnen in die Rolle eines Aliens, Monsters oder Verbalter­ro­risten geschlüpft. Und sie verwechseln die wenig sozialen Medienplatt­formen, die sich unter dem Web ausgebreitet haben wie das interkon­ti­nen­tale Myzel eines Killerpilzes, mit dem Internet.

Klassenkeile für Falschdenker

Wie dieser mit Worten geführte Guerilla­krieg abläuft, haben sie sicher schon mal miterlebt, wenn Sie versehent­lich Ihre Facebook-Filterblase verlassen haben oder sich jemand von außen in selbige verirrt hat. Dann dauert es nicht lange, bis der Erste – ich brauche das nicht zu gendern, denn es ist fast immer ein Mann – sich aufführt wie der gute Dr. Jekyll nach der Einnahme der Droge, die ihn zum bösen Mr. Hyde macht. Der Andersden­kende wird als Falschden­kender beschimpft und kassiert solange Klassenkeile, bis er keinen Ton mehr sagt. Komplizier­ter­weise ist es nun aber so, dass die Mehrheit manchmal Recht hat, manchmal nicht. Und so verwandelt sich auch ein ahnungsloser Mister Jekyll gerne mal in einen Professor Doktor von und zu Hyde, der alles, aber wirklich alles besser weiß und seinen eingebil­deten Standesdünkel derart raushängen lässt, dass man ihn auf der Rückseite des Bildschirms abschneiden und in Tüten füllen könnte.

Imaginäre Facebook-Freundin

So weit, so fies. Aber jetzt kommt das Gute – und es mag kein Zufall sein, dass ich die erfreuliche Erkenntnis dem stärkeren Geschlecht verdanke, den Frauen. Beispiel eins: Eine liebe Freundin, sehr erfolgreich, sehr kompetent, sehr engagiert, berichtete neulich im kleinen Kreis Gleichge­sinnter von ihrer Art, mit Typen umzugehen, die ihr in Onlineforen blöd kommen oder sich komplett im Ton vergreifen, nur weil sie nicht akzeptieren können, dass die Frau gute und vielleicht sogar bessere Argumente hat. Diesen aufgebla­senen Heinis bietet sie an, das im richtigen Leben auszudis­ku­tieren. Offline, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein. Und siehe da: Sie können auch anders. Sobald er ihr in die Augen schaut, bekommt Prof. Dr. von und zu Hyde Muffensausen und überlässt Herrn Jekyll das Feld. Der lässt sich vielleicht nicht überzeugen, hält sich aber fortan mit der Einnahme der Ego-Droge ein bisschen zurück.

Beispiel zwei kommt aus Wien. Dort klingelte eine mir nicht persönlich bekannte Kollegin, Journalistin bei einem österrei­chi­schen „Mainstream“-Medium, bei einem Leser, der sie im Netz mit den übelsten Verwünschungen belegt hatte, weil sie sich erdreistet hatte, eine von ihm geteilte Falschmel­dung über ein Verbrechen als Falschmel­dung zu bezeichnen. Der Mann bat um Entschul­di­gung für seinen Ausraster, servierte ihr einen Espresso und war völlig von den Socken, als die Reporterin ihm nachwies, dass die Facebook-Freundin, der er vertraut hatte, gar nicht existierte – und dass über die angeblich in seiner Nachbarschaft begangene Tat deshalb nichts in den Wiener Zeitungen gestanden hatte, weil sie sich 550 Kilometer entfernt in Bayern zugetragen hatte.

Die Reparatur des Internets

Diese zwei Lichtblicke lassen mich hoffen, dass die Methode auch zwischen Männern funktioniert. Denn nur dann lässt sich das Internet reparieren, das ursprüng­lich mal den gesellschaft­li­chen Diskurs und die Völkerver­stän­di­gung fördern sollte und nicht Hass und Vorurteile.

Ein paar der Hydes, die mir regelmäßig mit ihrer Schlecht­gläu­big­keit auf den Senkel gehen, kenne ich aus dem richtigen Leben – von ihrer Jekyll-Seite. Ich will mir ein Herz fassen und sie auf die seltsamen Dinge ansprechen, die sie im Netz teilen – also dort, wo wir Männer tapfere Maulhelden sein können. Jetzt muss ich nur noch den Mut finden, so stark zu sein wie eine Frau.