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Ulfs* WeltKolumne

Knipsen Sie noch oder schleppen Sie schon?

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Mit dem Handy zu fotografieren ist out. Wer etwas auf sich hält, leistet sich eine Kameraaus­rüs­tung, die er am besten im Golfcart transpor­tiert.

26. November 2018

Wann haben Sie das letzte Mal einen Touristen gesehen, der eine Kamera um den Hals hängen hatte? Ich meine jetzt keine Japaner, die zählen nicht. Für die gehört es oft noch zum National­stolz, sich mit einer Spiegelre­flex sehen zu lassen, auch wenn die altehrwür­digen Nippon-Marken die Produktion aller bezahlbaren Modelle längst nach Thailand und Vietnam ausgelagert haben. Immerhin identifi­ziert die Welt eine ordentliche Kamera bis heute mit dem Land der aufgehenden Sonne.

Der Löwenanteil – besser gesagt der Drachenan­teil – der Abermilli­arden von Bildern, die die Menschheit pro Jahr knipst, kommt freilich längst aus chinesischen Kameras, die winziger sind als alles, was Desmond Llewellyn alias Q zu Sean Connerys Zeiten Britanniens Nullnull-Agenten mitgeben konnte. Als noch geraucht wurde, hätte die Zeitung geschrieben: „Ein Dutzend davon passt in eine Streichholz­schachtel.“

Aber was erzähle ich Ihnen? Sie haben ja selber so ein Ding in der Jackenta­sche, mit mindestens zwei Objektiven und einem unmäßig großen Sucher, den man als Tatschtatur zweckent­fremden kann. Es heißt noch Smart-„Phone“, ist aber kein Telefon mehr, mit dem man zur Not schweizer­mes­ser­mäßig ein zufällig des Weges kommendes Motiv schnappschießen kann, sondern ein höchstge­züch­tetes Profi-Aufnahme­gerät für Bild und Ton, mit dem man googeln, Musik hören und im Notfall auch mal telefonieren kann. Die Bildqualität moderner Knopfloch-Objektive ist so gut, dass sich jene Wetzlarer Firma, die die moderne Reportage-Fotografie gleichsam erfunden hat, nicht geniert, ihren guten Namen für ein Foto-Handy Made in China herzugeben: Die kleinste Leica steckt im Luxusmodell von Huawei. Wer fotografieren kann, wer ein Auge hat für Motive, das richtige Licht und die richtige Perspektive, der bringt damit bessere Bilder nach Hause als ein visueller Analphabet mit der tollsten 5000-Euro-Systemka­mera mit zweihoch­acht Autofokus-Messfeldern und elfunddrölfzig Motivpro­grammen. (Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche.)

Erst ins Fitnessstudio, dann ins Fotogeschäft

Tja, falls Sie gerne als Trendsetter gelten, habe ich schlechte Nachrichten für Sie, das heißt für Ihren Kontostand, und gute für die Muckibude Ihres Vertrauens. Dann müssen Sie unbedingt noch vor Weihnachten ins Fotogeschäft gehen (online bestellen gilt nicht) und eine dieser Neuheiten kaufen, die vor ein paar Wochen auf der Kölner Messe photokina erstmals in die Finger innovati­ons­hung­riger Amateur-Lichtbildner gelangten. Nichts mit Miniaturi­di­gi­ta­li­sie­rung, nichts Leichtes, Unauffäl­liges, mit dem man auch in Zeiten der Datenschutz­ver­ord­nungs­grund­hys­terie noch unverprü­gelt Hutbürger ablichten kann, ohne sich vorher eine zwölfsei­tige Einverständ­nis­er­klä­rung unterzeichnen zu lassen. Nein, schwere, schwarze Kamerabo­liden für Männerhände mit passenden „Gläsern“, wie Connaisseure edle Objektive nennen, seit manche Hersteller mehr Elektronik und Hightech-Kunststoff­linsen verbauen als Echtglas. Richtig fette Oschis, dicke Brummer. Die photokina ist so was wie die IAA, nur dass die SUVs und Muscle Cars keine Reifen und Felgen haben, sondern Einstell­räder.

Normal ist das neue Besonders

Keine Frage: Die optische Qualität der Neuheiten ist über jeden Zweifel ebenso erhaben wie ihr Preis über jeden Geldbeutel eines Normalver­brau­chers. Dafür bekommen Sie aber auch jede Menge Material für Ihre Fototasche, die hoffentlich einen Trageriemen aus glasfaser­ver­stärktem Kevlar und dick gepolsterter Schulter­auf­lage hat. Hier mal ein anschauli­ches Beispiel für den Fortschritt des Jahres 2018 in der Fotoindus­trie. Sie kennen aus Ihrer Jugend vielleicht noch den Ausdruck „Normalob­jek­tiv“. Das war ein Glas mit einer festen Brennweite, und zwar einer mittleren von fünf Zentimetern. Wollte man ein weiter entferntes Motiv groß im Bild haben, musste man näher hingehen und verlor die Perspektive. Wer das ganze Drumherum auf ein einziges Foto packen wollte, stolperte schrittchen­weise rückwärts, aber da war meistens die Wand oder der Abgrund. Deshalb kauften fast alle Leute sich Zoom-Objektive. Das biedere Normalob­jektiv war etwas für Opas, Nerds und Beamte, denen ein schräger Blickwinkel gegen den rechtwink­ligen Ordnungs­sinn ging.

Heute ist es wieder geil, genau wie die dazugehö­rigen Kameras. Sie heißen α9, Z6, EOS R oder GFX50. Ihre Sensoren sind mindestens so groß wie ein Dia oder Negativ war, das waren 24 mal 36 Millimeter, obwohl man mit ihnen vvvviiiieee­ellll mehr Details auf einen Quadratzen­ti­meter bannt und deshalb kleinere Chips, kleinere Kameras und kleinere Linsen in 99 Komma ix Prozent aller Fälle vollkommen reichen würden. Aber Masse ist Trumpf. Mein steinaltes, kurzes, gertenschlankes Normalob­jektiv aus Film-Zeiten, ein AF 1:1,4/50 mm, wiegt lächerliche 223 Gramm, ein brandneues für einen der neuen digitalen Kamerabo­liden mit gleicher Brennweite und Lichtstärke 778 Gramm. Verzichtet man auf den Autofokus, kann man ein Modell mit 875 Gramm nehmen. Weniger ist eben mehr – ein Zugewinn an Ballast gegenüber alter Technik von beachtli­chen 292 Prozent.

Edle Gläser über den Durst

Normal ist das alles nicht. Denn wer schon so eine Kamera kauft, merkt schnell, dass er doch ein Weitwinkel braucht und ein Tele, wie man das schon 1980 in der Ausrüstung hatte. Vielleicht leistet er sich noch ein paar edle Gläser über den Durst und saniert so den notleidenden Fotofach­handel. Am Ende schleppt er sechs, sieben, acht Kilo Equipment durch den Wald und auf den Berg und kommt gar nicht mehr seiner Familie hinterher, die eh schon von den Fotopausen genervt ist. Ich sehe schon kommen, was der Renner der nächsten photokina wird: autonome Golfcarts mit Elektromotor in Spezialver­sion für Fotografen.