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TrendPhotovoltaik-Anlagen

Elek­tro­autos tanken immer häufiger Sonne

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Josephine Bollinger-Kanne

Josephine Bollinger-Kanne

freie Journalistin

Sonnenen­ergie anzapfen liegt im Trend. Betreiber von Photovol­taik-Anlagen wollen den erzeugten Strom zunehmend selbst verbrauchen. Das rechnet sich, weil gekaufter Netzstrom das Dreifache kostet. Solarspei­cher und Elektroautos kommen da gerade recht, um den günstigen Überschuss­strom vom Dach nicht ins Netz einspeisen zu müssen.

04. Dezember 2018

„Der Anteil von Elektroau­to­käu­fern unter den Besitzern von PV-Anlagen mit Speichern fällt deutlich höher als in der Gesamtbe­völ­ke­rung aus“, sagt Christel von Hammel, Projektlei­terin des Endkunden­Mo­nitor vom Marktfor­schungs­in­stitut EuPD Research. Demnach gaben 42 Prozent im Endkunden­Mo­nitor 8.0 an, sich in naher bzw. ferner Zukunft ein Stromauto anschaffen zu wollen. Rund 17 Prozent besitzen bereits einen Stromer. Unter den PV-Anlagenbe­sit­zern ohne Speicher sind dies lediglich neun Prozent. 2018 wurde nach Zahlen der Bundesnetz­agentur und des Bundesver­bandes Solarwirt­schaft BSW Solar bei PV-Anlagen bis 10 kWp die Eine-Million-Marke geknackt. „Batterie­spei­cher werden zum Standard. Mehr als jeder zweite PV-Käufer bestellt Speicher hinzu“, erläuterte Carsten Körnig, Hauptgeschäfts­führer des BSW Solar, beim Auftakt der Fachmesse The Smarter E Europe im Juni in München und ergänzte: „Dank Digitali­sie­rung und innovativer Hardware dringt Solarenergie zunehmend in die Bereiche Mobilität und Wärme vor.“ Die Veranstal­tung widmete sich erstmals den Themen Solarstrom, Speicher und Ladeoptionen für Elektroautos. Energiever­sorger, Fahrzeug- und Solarbat­te­rie­her­steller zeigten in München Lösungen, wie Hausbesitzer, Gewerbe- und Industrie­be­triebe ihre PV-Anlage zu Solartank­stellen für Elektroautos fit machen können, um so die Eigenver­brauchs­quote zu steigern. Immerhin lässt sich Körnigs Worten nach Sonnenstrom vom Dach schon zu rund 10 Cent je kWh gewinnen. Strom aus der Steckdose kostet dagegen im Schnitt das Dreifache.

Intelligentes Laden mit Sonnenstrom

Beim Solarbat­te­rie­her­steller sonnen beispiels­weise steht die intelligente Ladebox namens Solarcharger im Fokus. Mit ihr ließe sich die Solaranlage als Stromtank­stelle nutzen. Zugleich mache sie „das Auto zu einem Teil der Sonnencom­mu­nity“, erläuterte Michael Konder, Innovation Manager E-Mobility bei sonnen. Die Strom-Sharing-Plattform liefere derzeit Strom für ca. 120.000 Menschen. Dazu gehörten hauptsäch­lich Haushalte mit einer PV-Anlage und einem Speicher, aber auch Mitglieder, die nur Ökostrom aus Sonne und Wind produzieren oder beziehen. Für alle Mitglieder gebe es spezielle Tarife. Der Powermodus bei der intelligenten Ladebox sei für schnellst­mög­li­ches Aufladen mit selbst produziertem Strom vom Dach ausgelegt, so Konder. Im Smartmodus kalkuliere die Steuerung über ihre Schnittstelle zum Lithium-Ionen-Solarspei­cher die bestmögliche Ladezeit mit Rücksicht auf den gesamten Verbrauch im Haushalt und auf Wetterpro­gnosen. Die Einbindung ins Gesamtsystem sei wichtig, wenn es durch mehr Stromautos zu häufigeren Schwankungen im Stromnetz kommt. In der App könnten die Kunden den bevorzugten Lademodus einstellen.

Auch Unternehmen entdecken die Sonne im Tank. Eine Solartank­stelle steht etwa auf dem Firmenge­lände des Baden Württemberger IT-Unternehmen Bechtle in Neckarsulm. Das neue Mitarbei­ter­park­haus mit 1574 Stellplätzen verfügt über 50 Ladepunkte. Die Solaranlage auf dem Parkhaus­dach mit einer Jahresspit­zen­leis­tung von 525 kWp ging im August in Betrieb. Die Solaranlagen am Konzernsitz kommen in Summe auf eine Nennleis­tung von 1.349 kWp. Die grüne Energie fließt in die E-Tankstelle, weitere Firmenge­bäude und ins öffentliche Stromnetz. Um Platz zu sparen und die Wartung zu erleichtern, befindet sich die Ladetechnik nicht wie sonst üblich in den einzelnen Stationen, sondern in einem zentralen Technikraum. Ist kein Fahrzeug angeschlossen, ist jeder Ladepunkt spannungs­frei und damit sicher für die Nutzer und das technische Personal. Mittels Lademanage­ment können Nutzer Ladepunkte priorisieren, wenn sie etwa nur einen kurzen Zwischen­stopp einlegen. Zudem lässt sich steuern, ob Solarstrom verbraucht oder Strom aus dem öffentli­chen Netz zugekauft wird. Die durchschnitt­liche Standdauer der Autos reicht aus, um diese mit jeweils 22 kW wieder voll aufzuladen. Ein dynamisches Parkleit­system zeigt freie Stellplätze und freie Plätze an den Ladepunkten an.

Tanken aus der Cloud

Speicher­spe­zia­list und EnBW-Tochter Senec setzt indes auf die hauseigene Cloud to Go. Sie erweitert das Cloud-Angebot des Unterneh­mens, in der PV-Anlagen- und Speicher­be­sitzer ihren nicht verbrauchten Sonnenstrom auf einem Konto gutschreiben lassen können. Mit dem Zusatzan­gebot lässt sich der gutgeschrie­bene Strom nun auch an öffentli­chen Ladesäulen von Partnerun­ter­nehmen tanken. Die Identifi­zie­rung an den europaweit mehr als 60.000 Ladesäulen erfolgt per Chipkarte. An einem ähnlichen Angebot arbeitet E.ON. In München stellte der Energiever­sorger Drive Ready vor. Dieses Konzept richtet sich an Kunden, die sich von E.ON zusammen mit der Installa­tion einer neuen PV-Anlage den passenden Anschluss zum Laden eines E-Autos gleich mit verlegen lassen. Bei der Auslegung der Solaranlage wird der Verbrauch zum Stromtanken berücksich­tigt. Das spart Kosten für eine spätere Nachrüstung von Ladeboxen mit einer Leistung von bis zu 22 kW.

Hemmnisse für Elektromo­bi­lität

Aus einer Studie von E.ON in Kooperation mit Statista geht hervor, dass 38 Prozent der befragten Führerschein­be­sitzer den Kauf eines E-Autos noch kategorisch ablehnen. Als Hauptgrund nannten sie zu hohe Anschaffungs­preise. Zugleich zeigte sich, dass unter Autofahrern der Mythos über zu wenige Ladesäulen weit verbreitet ist. So glauben 70 Prozent, dass bundesweit weniger als 3.000 Ladestationen zur Verfügung stehen. Im Ladesäulen­re­gister des Bundesver­bandes der deutschen Elektrizi­täts- und Wasserwirt­schaft BDEW sind Mitte September 2018 rund 13.500 öffentliche und teilöffent­liche Ladepunkte an rund 6.700 Ladesäulen für Deutschland erfasst – davon 13 Prozent Schnelllader. Ende Juni 2017 waren es im Vergleich dazu rund 10.700 Ladepunkte.