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Ulfs* WeltKolumne

Im Clinch mit dem inneren Grinch

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Es gibt gute Gründe, in der Weihnachts­zeit den Blues zu bekommen. Unser Kolumnist hat ein Herz für Menschen, die den Grinch in sich spüren.

11. Dezember 2018

Schenken und essen – das war in Amerika schon 1957 die Essenz von Weihnachten. Damals schrieb der Schriftsteller Theo Geisel alias Dr. Seuss, Enkel deutscher Einwanderer, das gerade zum dritten Mal verfilmte Kinderbuch „Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat“. Allein schon der Titel ist, auf gut Bairisch gesagt, eine Hinterfot­zig­keit ersten Ranges. Denn die Hauptfigur, ein haariger grüner Griesgram, stiehlt natürlich nicht Weihnachten – wie sollte das auch gehen? – sondern nur die Gegenstände, in denen sich das Fest der Liebe in einer besinnungslos gewordenen Konsumwelt materiali­siert: pompöse Tannenbäume, Lametta, Lichterketten, Geschenk­pa­kete, Truthähne, Zuckerzeug und unsäglichen, unerträg­li­chen Santa-Claus-Kitsch. Dabei kannte der Autor, Gott hab ihn selig, noch gar nicht unsere heutigen Gadgets und Gimmicks wie Lokusdeckel­be­züge mit Weihnachts­mann­ge­sicht oder twerkende Plastikni­ko­läuse. Twerken? Das ist ein Modetanz, bei dem es vor allem darum geht, heftig mit dem Popo zu wackeln.

Vordergründig ist der Grinch jemand, der anderen den Spaß verdirbt, weil er selber keine Freude kennt und erst recht nicht die Liebe. Ne fiese Möpp, würde man im Rheinland sagen, also ein Unsympath, dem man das „jönne könne“ erst mühsam beibringen muss. Hintergründig ist es ganz anders. Gönnen kann man anderen ja nur, um was man sie beneidet, aber nicht das, was einem vor lauter Überfluss auf die Nerven geht.

Recycling-Lifestyle auf der Kippe

Der Witz an der Sache ist, dass der Grinch schon deshalb keinen Grund zum Neidisch­sein hat, weil all die Dinge, die er den Bürgern von Whoville in der Heiligen Nacht wegnimmt, kurze Zeit später sowieso bei ihm gelandet wären. Der 18 Jahre alte Realfilm mit Grimassen­star Jim Carrey in der Titelrolle inszeniert die fiktive Kleinstadt als Karikatur der modernen Wegwerfge­sell­schaft. In Dr. Seuss‘ surrealem Mikrokosmos bewohnen die hedonisti­schen „Whos“ puppenstu­ben­hafte Häuser im Zuckerbä­cker­stil. Zu Weihnachten machen sie einander exzessiv Geschenke. Da der ganze Schnickschnack sie schon kurz nach dem Auspacken langweilt, befördern sie ihn per Rohrpost direktemang auf die Müllkippe. Diese liegt auf dem Mount Crumpit, und zwar beim Eingang der Einsiedler-Höhle, in die der Grinch schon als Kind vor mobbenden Mitschülern geflüchtet war. Dank der Ex-und-Hopp-Mentalität der Whos mangelt es dem Aussteiger dort oben an nichts – außer an Glück, Empathie und menschli­cher Wärme. An Weihnachten ist es am schlimmsten.

Man muss schon ein großer Ignorant sein, um sich nicht wenigstens ein kleines bisschen in dem grünen Querkopf wiederzu­finden. Der ist ja ein verkanntes Genie, ein talentierter Tüftler, ein regelrechtes Recycling-Genie. Aus all dem Schrott, der ihm frei Haus geliefert wird, macht er für sich das Beste. Mit technischem Geschick im Hobbykeller etwas Nützliches zu basteln, ist jedenfalls eine sehr angenehme und stressfreie Beschäfti­gung, verglichen mit dem, wie man die Feiertage sonst hinter sich bringen könnte. Etwa mit dem rituellen Streit zwischen Mama und Papa, der in vielen Familien zum Fest gehört wie das Amen in der Christmette. Rund 40 Prozent der Deutschen, fanden Sozialfor­scher vor ein paar Jahren heraus, nutzen die Zeit zwischen Heiligabend und dem zweiten Weihnachtstag zum Zanken. Am meisten kabbeln wir uns mit unseren Liebsten darüber, wo wir die Feiertage verbringen (besonders spaßig in Patchwork­fa­mi­lien mit allerlei leiblichen und Stief-Großeltern) und wie wir das Wohnzimmer dekorieren (lila Kugeln gehen gar nicht). Beliebte Aufreger sind auch die Fragen, wer die angenehmen Vorberei­tungen übernehmen darf und an wem die anstrengenden hängenbleiben und natürlich auch, wer am Ende aufräumt und putzt. Über die passende Kleidung wird zwar laut Demoskopen kaum gestritten, aber wohl nur deshalb, weil die Männer gelernt haben, das ihnen Hingelegte widerstandslos anzuziehen und Ruhe zu bewahren, wenn sich die Frauen vor der Bescherung viermal umziehen.

Ein Monster wie Du und ich

Der Grinch hat als Eremit solche Sorgen nicht, dafür plagen ihn andere. Eigentlich wünscht auch er sich ein gewisses Maß an „sozialer Interaktion“ (ja, dieser Ausdruck kommt im Film tatsächlich vor!), aber er hat nun mal einen ausgeprägten Horror vor Trubel, Lärm, Hektik und Überdreht­heit. Ihn macht das alles mal depressiv, mal aggressiv, aber im Grunde ist er doch wie wir: Zwei Drittel der Deutschen möchten gerne einfach nur in trauter Harmonie feiern, ein Viertel will vor allem Ruhe – und beides zusammen ist genau das, was vom Rummelplatz Whoville übrigbleibt, nachdem der Grinch den ganzen Tand auf den Mount Crumpit verfrachtet hat. Ausgerechnet der jähzornige Wüterich verschafft der Nächsten­liebe unbeabsich­tigt eine Chance gegen die Angeberei.

Dummerweise ist die satirische Weihnachts­bot­schaft des Dr. Seuss noch immer aktuell. Vermutlich haben die Kinogänger und TV-Zuschauer die Ironie hinter Carreys Grimassen nicht verstanden. Jedenfalls ist es in Groß- und Kleinstädten schwierig, Geschäfts­straßen und Wohngebiete zu meiden, in denen keine dekorati­ons­wü­tigen Möchtegern-Whos Handel treiben und wohnen. Allüberall in den Tannenspitzen sieht man nicht nur bunte LEDs blitzen, sondern auch Bluetooth-Speaker hängen, aus denen Geigen-und-Schlitten­g­löck­chen-Sound in Endlosschleife auf die Erde nieder klingt. Es reicht nicht mehr, dass aus Fernsehern und Radios, Kaufhäusern und Restaurants unablässig Appelle hallen und schallen, jetzt die Spendier­hosen anzuziehen; auch das ohnehin schon werbeüber­flu­tete Internet quillt über vor Tannengrün und roten Kerzen. Selbst Pfarrer haben die Nase voll vom Weihnachts­stress und klagen über die „U-Boot-Christen“, die an Heiligabend plötzlich in der Kirche auftauchen, die große Show erwarten und dann wieder in der Versenkung verschwinden.

Jetzt kommt Otto mit dem Holzhammer

Deshalb haben es die Leute nicht anders verdient: Der bemitlei­dens­werte Fiesling ist jetzt auf die Leinwand zurückge­kehrt – als Comicfigur mit der Stimme von Otto Waalkes. Der neue Grinch hört sich zwar längst nicht so ottohaft an wie das Riesenfaul­tier Sid aus Ice Age. Aber das macht nichts. Locken Sie die Whos in Ihrer Familie ins Kino! Zeigen Sie ihnen, wo der humoristi­sche Holzhammer hängt! Wenn sie auch dann nicht kapieren, was es mit Weihnachten auf sich hat, können sie sich immer noch im Hobbykeller verkriechen.