Image: I‘m dreaming of a nerd christmasFERCHAUFERCHAUWo bleibt das Internet of Things an Weihnachten? | bonchan
Ulfs* WeltKolumne

I‘m drea­ming of a nerd christmas

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Alle Jahre wieder blinken in Vorgärten und Wohnzimmern die LEDs – und weit und breit kein Internet der Dinge.

17. Dezember 2018

Wenn das Jahr zu Ende geht, blickt der Mensch gern zurück. Zum Beispiel auf die Adventszeit, wie sie früher war. Man erkannte sie an Kerzen und Glühbirnen, die einen daheim auf Kränzen aus Tannengrün, die anderen – zu Sternen und Kometen arrangiert – als Verkaufs­för­de­rungs­in­ves­ti­tion im Luftraum über der Fußgänger­zone. Lag schön Schnee, gingen die dekorativen Arrangements glatt als romantisch durch. Dann erkannte Chinas kreative Elektro- und Schnickschnack­in­dus­trie unser ungestilltes Bedürfnis, auch als Privatmensch den Nachbarn und Passanten mittels fein drapierter Lichterketten und bunter Figuren die Botschaft vom nahenden Geburtstag Christi zu verkündigen. Bald war der Advent in Stadt und Dorf so flächende­ckend sichtbar, als gelte es, in einer Zeit verwaisender Gotteshäuser Leuchtre­klame für die Christmette zu machen.

Bambihafte Skizze eines Paarhufers

So wurden die Vorgärten Jahr für Jahr voller, doch die Technik war noch anspruchslos. Hier leuchtete die bambihafte Skizze eines Paarhufers, der mangels rotblinkender Nase nur schwer als Rentier zu identifi­zieren war, dort die Konstruk­ti­ons­zeich­nung eines Schlittens. Unterdessen erklommen ganze Banden cocacola­roter Santacläuse die Fassaden wie Einbrecher im Lichtkegel der Polizei, schnurstracks auf dem Weg zu rutschigen Solarpaneelen und daher ohne jede Chance, den Kamin der Zentralhei­zung mit ihren leeren Geschenk­kar­tons zu verstopfen. Im Baum baumelte dazu noch der eine oder andere dreidimen­sio­nale Papier- oder Plastikstern, der an eine etwas zu zackig geratene Martinsla­terne erinnerte. Zeitgemäß im Sinne von digital war das Vergnügen nur insofern, als wir uns auf die beiden Schaltzu­stände beschränkten, die eine ordinäre Mehrfach­steck­dose bot: I oder O, hell oder dunkel.

Den Fortschritt hält nicht Ochs noch Esel auf

Direkt faul waren die F&E- und Marketing­ab­tei­lungen der Adventsin­dus­trie in den letzten Jahren nicht. Wie ich in der Nachbarschaft gesehen habe, gibt es jetzt alle denkbaren Krippentiere in Full-3D mit LED-Innenbeleuch­tung, etwa Eulen, Schoßhunde und natürlich die zu Zeiten des Kaisers Augustus in Galiläa noch weit verbreiteten Eisbären. Ochsen, Esel, Hirten samt Schäfchen und drei Könige sollen in der Entwicklung sein. Leider sind die heute erhältli­chen Produkte für die Ansprüche eines echten Nerds noch etwas unterkom­plex. Gewiss ist eine Lightshow mit beliebigen Farbwech­seln am Balkon und auf der Lichterkette in der Thujenhecke besser als nichts. Dass sich die Adventslicht­orgel aber ab Werk nicht auf den Takt von „Last Christmas“, „Coming Home For Christmas“ oder „All I Want For Christmas Is You“ abstimmen lässt, ist echt schwach in einer Zeit, in der jede Waschmaschine WLAN und jede Zahnbürste Bluetooth hat. Nicht einmal ein Bewegungs­melder, mit dessen Hilfe man nächtliche Spaziergänger mit einem christkind­li­chen Spektakel aus dem allzu besinnli­chen Trott reißen könnte, wird serienmäßig mitgelie­fert. Alles muss man sich selbst zurechtbas­teln.

Schwer enttäuscht bin ich auch vom jenem Produkt, das unter der Bandwurm­be­schrei­bung „LED Licht Projektor Außen, UNIFUN Animiert Weihnachts­be­leuch­tung Wasserdichte LED Projekti­ons­lampe Weihnachten mit 15 Wechselbaren Musters RF Fernbedie­nung für Weihnachten Garten Party Halloween“ angeboten wird mit dem Zusatz „2018 Neueste Version“. Ja, damit könnte ich „Weihnachts­bäume, Weihnachts­mann, Halloween Skelett, Clown, Schneemann, Liebe, Geburtstags­ku­chen, Feuerwerk, Hase etc.“ an die Hauswand werfen. Aber das Ding arbeitet voll analog, mit 15 austausch­baren Folien, und kann mir nicht einmal selbst welche drucken, wenn ich die Bilder satt habe.

Bald tanzt Santa mit dem Tannenbaum auf dem Klodeckel

Auch was die gute Stube angeht, lässt das Innovati­ons­tempo zu wünschen übrig. Okay, ich kann mir den tanzenden Tannenbaum „Swinging Xmas Tree, 27 cm“ bestellen oder die „Nikolaus Wackelfigur mit Kopfstand und Spagat 25,5 cm“, die bei Amazon-Kunden 4,6 von 5 Sternen bekommen hat, oder einen Santa mit batterie­be­trie­benem Wackelpopo. Das finden ja manche Leute lustig, vor allem nach dem achten Glühwein. Aber schon beim Schmücken des Christbaums hört es auf. Stellen Sie sich vor: Da haben die Dekogedöns-Ingenieure doch endlich kapiert, dass selbst jemand, der panische Angst davor hat, mit Wachskerzen die Nordmann­tanne abzufackeln, nicht gerne Stromkabel zwischen die Zweige fummelt. Deshalb bauen sie jetzt batterie­be­trie­bene LED-Kerzen, die sogar in Wunschfarbe leuchten, gleich in die Christbaum­ku­geln ein. Aber statt dass man die Dinger bequem per Handy-App ein- und ausschalten kann, bekommt man zu jedem Sixpack eine eigene Fernbedie­nung mitgelie­fert. Und sechs Stück sind ja nichts. Internet of Things? Pustekuchen.

Da kann man sich nur mit ein paar analogen Weihnachts-Utensilien trösten, die am digitalen Shopping-Amazonas ihr Sumpfblü­ten­da­sein fristen und allein durch die von künstlichen Intelligenzen getexteten Beschrei­bungen erheitern. Da mich das „Skelett mit Zigarette Weihnachts­ku­geln Weihnachts­deko Schneeflocke Ornamente 2018 Weihnachts­baum Hängegeschenk“, im Klartext: ein rauchender Totenschädel als Christbaum­schmuck, nicht so reizt, bestelle ich mir lieber das „NiceXmas Sankt Toiletten Sitzabde­ckung und Teppich-Set für Weihnachts­de­ko­ra­tion und Teppich-Set“, also einen Klovorleger samt Deckelbezug mit Weihnachts­mann­ge­sicht. Das ist mit 15,99 Euro nicht teuer für einen eindrucks­vollen Entwurf aus Premium-Plüsch „zum Ihres Bades für Weihnachts­fei­er­tage zu verzieren“. Die digital übersetzte Werbeprosa erfreut bestimmt auch Ihr Nerd-Herz: „Groß für das Drehen ein langweiliges altes Badezimmer in ein lustiges Weihnachts­mär­chen­land. Das größte Geschenk für die Weihnachts­lie­be­freunde. Es ist die ultimative Weihnachts­de­ko­ra­tion, die garantiert, dass die Menschen lächeln!“