Image: Fahrerlos um halb achtFERCHAUFERCHAUKönnen fahrerlose E-Taxis Stau und Abgase verringern? | undefined undefined
Ulfs* WeltKolumne

Fahrerlos um halb acht

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Viele Autos sind eher Stehzeuge als Fahrzeuge, und das ist gut so, findet unser Kolumnist. Sein Wagen steht viel in der Garage und daher wenig im Stau.

23. Januar 2019

Wenn Menschen älter werden, tun sie manchmal Dinge, die Jüngeren wunderlich erscheinen. Keine Sorge, ich lästere jetzt nicht über Rentner. Das würde mir später oder früher auf die Füße fallen, denn ich bin keine zarten 50 mehr und das Netz vergisst nichts. Nein, der wundersame Alte bin ich schon selbst. Und was habe ich angestellt? Ein Auto gekauft. Genauer gesagt, einen Neuwagen, zum allerersten Mal im Leben – und das, obwohl ich mein altes Leasingfahr­zeug bequem und ohne nachzudenken gegen ein neues hätte eintauschen können. Damit Sie mich nicht für einen masochis­ti­schen Trotzkopf oder einen trotzköp­figen Masochisten halten, sage ich gleich dazu: Es ist kein verbrauchs­armer und CO2-sparender Outlaw-Diesel und schon gar kein „lokal abgasfreier“ Stromer, sondern ein Benziner, der mehr Sprit verbrennt, als nach Stand der Technik nötig wäre. Um mein Gewissen zu beruhigen, rede ich mir dennoch ein, mich zu einem wenn nicht vorbildli­chen oder wenigstens vernünftigen, so doch vertretbaren Entschluss durchgerungen zu haben.

Noch froher als darüber, mich nicht mehr entscheiden zu müssen, bin ich allerdings über meine Berufswahl. Als notorischer Schlaumeier und Umweltver­bes­serer vom Dienst bin ich Journalist und Kolumnist geworden. Verkehrs­po­li­tiker oder Manager in der Autoindus­trie möchte ich nicht für viel Geld sein, nicht in dieser Zeit. Und das liegt daran, dass wir Autofahrer – Hand aufs Herz! – alle Schlaumeier sind, die gerne einen leisen Elektrof­litzer hätten, wenn der nicht mehr kostete als ein Fossil-Töfftöff, an jeder Straßenla­terne in fünf Minuten randvoll mit ceozweifreiem Ökostrom aufgeladen wäre und selbst im härtesten Tiefwinter 500 Kilometer schaffte. Die Akkus sollen natürlich 200.000 Kilometer durchhalten, bevor sie anfangen zu schwächeln. Da wir jedoch begriffen haben, dass das auf lange Sicht unrealis­tisch bleibt, brauchen wir Diedaoben™ als Schuldige. Das ist wie beim Fußball, nur dass es noch mehr verhinderte Verkehrs­mi­nister als Möchtegern-Bundestrainer gibt.

Grübelan­fall auf der Monsterbau­stelle

Stellver­tre­tend für Millionen Hin- und Hergeris­sene und Zwiegespal­tene rege ich mich daher hier und heute darüber auf, in was für eine blöde Lage wir als Autonation uns da hineinge­ritten haben und über wunderschöne Zukunfts­sze­na­rien einer „Sharing Economy“ mit Robotertaxis, die leider nicht zu Menschen wie uns passen. Über diese Dinge musste ich grübeln, als mein Leasingver­trag auslief: Wie sehen denn meine Mobilitäts­be­dürf­nisse überhaupt aus? Ändern sie sich in drei, sechs, neun, zwölf Jahren? Wer wird sie befriedigen und was verlangt er dafür?

Der beste Ort, um sich solche Szenarien durch den Kopf gehen zu lassen, sind Monsterbau­stellen auf der Autobahn. Probieren Sie es mal aus: Während Sie so mit Tempo 80, 70, 60 zockeln – eingekeilt zwischen Beton-Gleitwänden und bedenklich schlingernden Schwerlas­tern, nervöses Bremslicht­ge­fla­cker vor Augen und förmlich angeschoben vom termindruck­ge­plagten Hintermann – ist Nebensäch­li­ches wie weggeblasen. Plötzlich ist Ihnen die Antriebsart Ihres Wagens egal. Sie wollen ihn nur nicht mehr lenken müssen. Sie träumen von einem Auto, das Sie im Robotermodus sicher und stressfrei durch solche Marterstre­cken chauffiert. Doch dann wird Ihnen klar, dass ein einziger sekunden­schläf­riger Nebenmann ohne Autopilot reicht, und Ihr Wagen schrammt schneller an der Betonbar­riere entlang, als Ihre Hupe „Tröööt“ machen kann.

Wir sind der Stau

Unwillkür­lich driften Ihre Gedanken weg von einer Technik, die für teures Geld an Symptomen herumdok­tert, hin zu grundsätz­li­chen Fragen: Wer braucht denn ein Auto mit Stauassis­tent? Doch nur jemand, der ständig im Stau steht. Und weshalb gibt es ständig Staus? Weil wir alleine in Fünfsitzern hocken. Warum nimmt niemand Kollegen mit? Weil sie wegen der Mieten in alle Himmelsrich­tungen gezogen sind, jottwedeh, wo man ohne Auto aufgeschmissen ist. Warum fahren die anderen Leute, deretwegen ich im Stau stehe, nicht mit der Bahn? Weil das noch länger dauert als Stop-and-Go – wenn es dort, wo sie wohnen, denn überhaupt Bahnhöfe gibt.

Schließlich die Frage aller Fragen: Wird denn das eigene Auto nicht überflüssig? Man liest doch immer, dass wir bald – hex, hex! – fahrerlose E-Taxis oder E-Ubers per App herbeirufen. Tja, diese These hat einen Schönheits­fehler. Das Geschäfts­mo­dell, das sie beschreibt, könnte man „Im-Individu­al­ver­kehr-durch-den-Stau-as-a-Service“ nennen. Der sähe etwa so aus: Die autonome Droschke kutschiert die Huglfinger Frühaufste­herin Kathi Brandl durch den Morgenstau zur Arbeit nach München; in die umgekehrte Richtung will um halb acht aber niemand. Also kehrt das Vehikel ohne Passagiere heim und holt just-in-time zum Dienstbe­ginn noch den Langschläfer Franz Deutlmoser ab. Eine dritte Tour ist weder zeitlich noch akkutech­nisch drin; der Wagen muss an die Ladestation, damit er wieder voll ist, wenn seine Stammfahr­gäste Feierabend haben. Fazit: 50 Prozent mehr Energie verbraten als mit eigenen Autos, und der Investor, dem das Vehikel gehört, will ja auch noch Geld verdienen. Wie Pendler damit billiger und ökologischer reisen, muss man mir mal vorrechnen.

Flott zu dritt im Diesel

Dann habe ich doch lieber ein eigenes Auto in der Garage stehen. Es ist meine private Mobilitäts­ver­si­che­rung: Ich kann jederzeit losfahren, tu‘s aber nur noch, wenn‘s mit Fahrrad und Bahn nicht geht. Gerne würde ich mich auch mit Bekannten und netten Unbekannten zusammentun, die in jedem Sinn des Wortes die gleichen Ziele haben. Mal nähmen sie mich mit, mal ich sie, jeder wäre mal dran, alles per App organisiert über eine Ad-hoc-Mitfahrbörse für die Kurzstrecke. Seien wir ehrlich zu uns selbst: Die Staus kriegen wir doch nur dadurch weg, dass mehr Menschen in weniger Autos fahren. Säßen im Durchschnitts-Kfz drei Personen, bliesen wir auch zwei Drittel weniger Abgase in die Luft und schafften die Klimaziele ganz ohne unrealis­ti­sche Grenzwerte für den Auspuff. Theoretisch dürfte dann nicht einmal jemand mehr etwas dagegen haben, wenn die Mitmacher mit dem Diesel in die Stadt fahren.