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TechnikGood old Großrechner

Wo sich bewährte Compu­ter­technik bis heute hält

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Sven Hansel

Sven Hansel

Freier Journalist

Sie pfeifen auf digitale Untergangs­sze­na­rien und verlassen sich auf altbewährte Technik: Unternehmen, die etwa Großrechner immer noch nutzen. Und damit sind sie, selbst mittelfristig, gar nicht so schlecht beraten.

31. Januar 2019

TFG Transfracht ist ein Spezialist im Seehafen­hin­ter­land­ver­kehr, also der Kopplung der Verkehrs­wege Schiene und Straße. Das Transport­un­ter­nehmen mit Hauptsitz in Mainz verbindet die Container­ter­mi­nals der Häfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelms­haven mit mehr als 15.000 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dafür nutzt es seinen „Albatros­Ex­press“, das nach Firmenan­gaben dichteste Zugnetzwerk in diesem Branchen­seg­ment in Europa. In Zahlen: TFG Transfrachts Züge bewegen jährlich rund 910.000 Standard­con­tainer mittels 13.500 Schienen-Verbindungen.

Großrechner im Einsatz

Container disponiert der Mittelständler dabei typisch mit selbst entwickelten IT-Systemen und eigen programmierter Software; er steuert sie damit oder verwaltet die Container­de­pots. Und ebenso für den deutschen Mittelstand charakte­ris­tisch laufen diese Lösungen auf Großrech­ner­an­lagen („Mainframes“), in diesem Falle der IBM. Jedoch waren diese sowohl funktional als auch software­tech­nisch in die Jahre gekommen.

IT-Vertrieb will Radikalkur

Ein idealer Zeitpunkt für pfiffige IT-Vertriebler, die Morgenluft wittern, den Unternehmen die Radikalkur ans Herz legen und, sollten diese nicht einwilligen, mit digitalen Weltunter­gangsze­na­rien drohen, nach dem Motto: „Dann wird Ihr Unternehmen das nächste sein, das die digitale Transfor­ma­tion nicht packt“. Die einzige Lösung sei, alle alten Anlagen zu entsorgen und für viel Geld neue IT anzuschaffen.

Ein verständ­li­ches Vertriebs­ziel, denn der Markt gibt das her. Exakte Zahlen zur Nutzung der Oldtimer werden zwar nicht mehr erhoben, aber zuletzt schätzten die Marktfor­scher von IDC 2015, dass in Deutschland immerhin 2,7 Prozent der gesamten IT-Ausgaben in Großrechner fließen. Und das wird noch eine geraume Zeit lang so weitergehen. Denn nach einer Studie des US-amerikani­schen Software­un­ter­neh­mens BMC sagen sogar 92 Prozent der Mainframe-Nutzer weltweit, dass sie ihre Großrechner auch im digitalen Zeitalter weiter betreiben wollen. Und das aus zwei Gründen: Unternehmen schätzen die hochzuver­läs­sigen Systeme für die Verarbei­tung von Massendaten, etwa Kundendaten von Versiche­rungen oder für so genannte Massentrans­ak­ti­ons­sys­teme wie Flugbuchungen. Darüber hinaus entpuppt sich die von umsatzstarken IT-Verkäufern beschworene digitale Götterdäm­me­rung bei genauerem Hinsehen oft als Mythos. Denn: „In bestimmten Fällen kann es absolut sinnvoll sein, stattdessen die alten Anlagen zu modernisieren. Hier greifen sinnvolle Konzepte der Teildigi­ta­li­sie­rung“, sagt Axel Oppermann, Chef des Analysten­hauses Avispador aus Kassel.

Punktuelle Modernisie­rung geht auch

Teildigi­ta­li­sie­rung bedeutet dann, dass bestimmte Applikationen auf neuere Programmier­spra­chen umgeschrieben werden, so dass sich der Großrechner auch in moderne, digitale Szenarien und Prozesse miteinbinden lässt. Ebenso geht dieser Weg mitunter über Schnittstellen-Software (API). Auf diesem Weg werden Großrechner heutzutage sogar in Blockchain-Berechnungen eingebunden. „Aus einem VW-Bulli macht man auch keinen Tesla. Und längst nicht für alle digitalen Prozesse gibt es Schnittstellen zu Großrech­ner­an­lagen, aber es gibt viele Unternehmen, denen eine solche Modernisie­rung zumindest ihrer Kernsysteme auch mittelfristig damit gelingen kann“, bekräftigt Experte Oppermann.

Mainframes basieren zwar auf einer grundsätz­lich überholten Technologie, allerdings haben Hersteller wie etwa IBM, Fujitsu, Hewlett Packard oder Hitachi ihre Großrech­ner­typen sukzessive modernisiert. Die Rechner sind geschrumpft, benötigen längst nicht mehr denselben Platz wie in den 80er- oder 90er-Jahren.

Brücke in die Moderne

Dessen ist sich auch Mittelständler TFG Transfracht für seine Wertschöp­fungs­kette sicher, der seine Großrechner nicht abgelöst, sondern lediglich konsolidiert und auf eine neue Software-Plattform gebracht hat. So kann er die selbstent­wi­ckelten Logistik­pro­gramme weiterhin nutzen und hat dennoch eine Brücke zu moderneren Anwendungen gebaut, die etwa auf der gängigeren Programmier­sprache Java beruhen. Ergebnis: „Wir können inzwischen einfacher an Standard­kom­po­nenten aus der Logistik­branche anknüpfen“, sagt Kerstin Corvers, die Geschäfts­füh­rerin des Unterneh­mens.

Fälle wie die des Logistikers dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäu­schen, dass bei Großrech­nern längst nicht alles Gold ist was glänzt. Dabei verhält es sich wie mit Autowerk­stätten: Sind Ersatzteile selbst in Hülle und Fülle vorhanden, so stirbt das Fachpersonal regelrecht aus. Kaum ein Informatiker beherrscht noch deren Programmier­spra­chen, überwiegend Cobol. Und im boomenden Cloudgeschäft liefern sich Anbieter wie AWS, Google oder Microsoft mit günstigen Preisen einen Kampf um Marktanteile.

Aber: „Je mehr meiner Workloads ich in die Cloud und darüber hinaus zu einem einzigen Anbieter verschiebe, umso mehr steigt als Unternehmen auch meine Abhängig­keit von diesem“, sagt Marktkenner Oppermann. Und das impliziert Mieterhö­hungen beim Cloudmodell ebenso wie einen Verlust an technolo­gi­scher Freiheit. Selbstent­wi­ckeltes hat in diesem Modell der Zukunft mit Software-Standards keinen Platz mehr.

No Time to say goodbye

Fazit: Für den Großrechner muss offenbar noch keine Abschieds­me­lodie angestimmt werden. Unternehmen sind mitunter gut beraten, mit ihren alten „Schätzchen“ zumindest noch eine Teilstrecke auf dem Weg der digitalen Transfor­ma­tion zurückzu­legen. Anbieter wie AWS beispiels­weise haben sich zudem längst darauf speziali­siert, gemeinsam mit Industrie-Partnern Migrations-Lösungen anzubieten, wenn denn tatsächlich einmal der Tag des Farewells gekommen ist und der Oldtimer wirklich ausgedient hat. Dann ist es immer noch früh genug für den finalen Gang in die Cloud.