Image: Die Wanze im NestFERCHAUFERCHAUWerden wir von unseren Smart Devices belauscht? Ruhe bewahren, meint unser Kolumnist! | nesneJkraM
Ulfs* WeltKolumne

Die Wanze im Nest

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Ein verstecktes Mikrofon in der Alarmanlage? Wenn das mit dem Smart Home so weitergeht, überwacht uns eines Tages noch unser Kühlschrank.

22. Februar 2019

So langsam wird das mit dem Internet der Dinge gruselig. Wir haben uns ja schon an Meldungen gewöhnt, dass billige Überwachungs­ka­meras sich leicht hacken lassen, weil manche fernöstli­chen Hersteller von Sicherheits­technik (!) nicht einmal die primitivsten Grundsätze der Datensicher­heit beherzigen. Jetzt mokierte sich aber Professor Scott Galloway, Experte für die Großen Vier der Tech-Branche – alias Google, Amazon, Facebook und Apple – via Twitter nicht über eine Klitsche in Shenzhen, sondern über Nest, einen führenden Hersteller von Smart-Home-Gerätschaften. Der gehört zum Google-Konzern und hatte gerade stolz verkündet, dass man sein Sicherheits- und Alarmmodul „Secure“ mit der neuesten Software auch per Sprache steuern könne. Wie, per Sprache? Wo schließt man denn das Mikrofon an? Tja, das war gar nicht nötig. Kleinlaut gab das Nest-Management zu, dieses sei serienmäßig eingebaut. Sehen konnte man das allerdings von außen nicht, in der Werbung oder der Bedienungs­an­lei­tung war es auch nie erwähnt worden. Und so fing sich Nest den Tweet von Professor Galloway ein: „Ups, wir haben ganz vergessen zu erwähnen, dass wir alles aufnehmen, was Du tust.“

Nicht böse sein

Das war natürlich fies. Wie sollte denn ein Mikrofon zum Beispiel erkennen, was für ein Buch ich lese oder wer sich gerade die Fußnägel macht? Außerdem speichert auch eine chinesische Überwachungs­ka­mera nicht immer und automatisch alles ab, was ihr vor die Linse kommt. Da muss schon noch ein Mensch aufs Knöpfchen drücken. Zum Beispiel der Hacker, der sich mit der Standard-PIN 0000 eingeloggt hat. Deshalb lassen wir die Unschulds­ver­mu­tung gelten und tun bis zum Beweis des Gegenteils so, als sei überhaupt nichts passiert. Es hat also weder jemand vom Nest-Personal noch irgendeine Intelligenz­agentur durch das Schlupfloch gegriffen und die serienmä­ßige Wanze scharf geschaltet. Wir glauben auch die Beteuerung, ursprüng­lich sei das Mikrofön­chen allein zu dem Zweck eingebaut worden, zu lauschen, ob eventuell ein Einbrecher die Fensterscheibe aufschneidet oder einschlägt. Böser Wille kann es ja gar nicht sein, wenn die Firma mit dem Motto „Don‘t be evil“ groß geworden ist.

Sendeleis­tung aus dem Dynamo im Klodeckel

Was mich aber wirklich zum Grübeln bringt, ist der Umstand, dass Google, also unser allwissendes Weltgedächtnis, nicht ganz unwichtige Dinge vergisst, und das auch noch rasend schnell: Ein Produkt wird entwickelt, geht in die Fertigung, und schon beim Schreiben des Manuals ist den Ingenieuren entfallen, was es alles kann. Erstaunli­cher­weise fiel es überhaupt noch mal jemandem ein, sonst wäre niemand auf die Idee mit der Sprachsteue­rung gekommen.

Jetzt kann ich mich allerdings des Verdachts nicht mehr erwehren, dass auch andere Hersteller vergessen haben aufzuschreiben, was alles Tolles in ihren Gerätschaften steckt. Wurden in meinem drei Jahre alten Kühlschrank bereits Antennen und ein Dutzend unsichtbare Sensoren verbaut? Wartet der jetzt nur noch auf ein stilles Signal meines Fitness-Trackers, um auszurechnen, wieviel Kalorien ich ihm täglich entnehme, um das heimlich meiner Krankenver­si­che­rung zu melden? Betreibt der sich selbst langsam absenkende Klodeckel Energy Harvesting per Rekupera­tion, lädt also beim Zuklappen dynamo-mäßig einen versteckten Akku, um Marktfor­schern Daten über meine Lesegewohn­heiten zufunken zu können? Und in welcher Form spioniert mich Nachbars Mähroboter aus? Weiß keiner mehr, alle haben Honig im Kopf.

Vergessene Schweige­bit­coins

Mein eigenes Gedächtnis lässt auch schon zu wünschen übrig. Wie ich täglich meinem E-Mail-Postfach entnehmen kann, hijacken Dutzende von Hackern regelmäßig das Mikrofon und die Webcam meines Notebooks, um mich beim Anschauen frivoler Videos zu filmen und anschlie­ßend Schweige­bit­coins zu erpressen. Die müssen einander dabei ziemlich in die Quere kommen, so viele sind es. Offenbar arbeite ich gar nicht mehr, sondern schaue den lieben langen Tag nur noch Filme an, die ein anständiger Mann nicht anschaut – und dann bleibt nichts, aber auch gar nichts haften von dem ganzen Erotik-Content. Zu der kollektiven Amnesie, die gerade um sich greift, gehört allerdings, dass mein Browser sich den Besuch dieser Websites nicht merken kann und deren Betreiber noch nicht einmal daran gedacht haben, die Abogebühr abzubuchen. Und das Beste: So zuverlässig, wie ich immer die 48-Stunden-Frist verpenne, binnen derer ich das Schutzgeld auf die Blockchain transferieren soll (wüssten Sie noch, wie das geht?), vergessen die Gangster jedes Mal, die kompromit­tie­renden Ergebnisse ihrer audiovisu­ellen Wohnraum­über­wa­chung allen Menschen zu mailen, die sie in meinem Adressbuch erspäht haben.

Solange das so ist, hält sich meine Angst vor der Wanze im Nest dann doch in Grenzen.