Image: Mein Internet ist kaputtFERCHAUFERCHAUDroht uns beim Social-Media-Blackout die soziale Isolation? | SIphotography
Ulfs* WeltKolumne

Mein Internet ist kaputt

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Instagram und Facebook sind das neue Fernsehen. Sind sie down, wissen wir nichts mehr mit uns anzufangen.

25. März 2019

Hand aufs Herz: Was für ein Süchtling sind Sie? Wie, gar keiner? Das können Sie Ihrer Erbtante erzählen. Klar, no smoking. Tabak ist eklig. Dem Nichtrau­cher wird‘s vom Qualm übel, der Genusspaf­ferin von den Gruselfotos auf den Schachteln. Dass Ihnen kein alkoholi­siertes Bier mehr hinter die Binde kommt, nehme ich Ihnen auch sofort ab. Den Lebensmit­tel­tech­no­logen, äh, Braumeis­tern zwischen Erding und Stralsund gelingt ja inzwischen Sportler­weiß­bier oder Autofahrer­pils, das nicht schmeckt wie aufgeschäumter Muckefuck.

Suchtpoten­zial haben allerdings nicht nur die Genussdrogen C10H14N2 und C₂H₆O, sprich: Nikotin und Äthanol, sondern etwa auch die Spielteil­nahme ab 18 Jahren, Infos unter Bezättgeah Deh-Eh. Ist uns erst einmal das Risiko bewusst, dass scheinbar Harmloses wie 6 aus 49 oder die Elferwette unseren freien Willen untergräbt, liegt dann nicht die Einsicht nahe, dass ich, Sie, wir alle potentielle Junkies sind? Wir müssen nur noch unsere schwache Stelle herausfinden, unser persönli­ches Suchtmittel. Schokolade? Sport(schau)? Quadratisch­prak­ti­sche Sportscho­ko­lade? Davon schreiben die Bundeszen­tral­ge­sund­heits­auf­klärer nichts auf ihrer Website.

Bleib gefälligst im Netz!

Website? Moment mal. Diese Miesmuffel vom Dienst werden uns doch nicht etwa unsere Handys und das Internet schlecht­ma­chen! Nö, Glück gehabt, das Gegenteil ist der Fall. Die kölsche Behörde gibt uns Tipps wie „check-dein-spiel.de“ (was ohnehin jeder tut, der kein Nullchecker ist, schließlich will man doch seinen Score wissen) und „ins-netz-gehen.de“. Sie bietet, man lese und staune, Infos zur „Faszination Computer­spiele“ und ermuntert enttäuschte Onliner: „Bleib im Netz!“ Ich hätte sogar nachlesen können, „warum Computer, Smartphone und Internet wichtig sind“. Den Link habe ich gar nicht erst angeklickt. Erstens liest man anno 2019 keine langen Texte mehr. Too Long, Didn‘t Read. Mir genügte die Conclusio, dass Websurfen irgendwie gesund sein muss. Zweitens musste ich dringend zurück in mein Facebook, die diskutierten gerade etwas ganz Wichtiges – ohne mich!

Oh, entschul­digen Sie mich bitte kurz, bin gleich wieder da …

Zittern wie ein Raucher ohne Fluppe

… Hallo? Sind Sie noch da? Ach so, Sie auch? Hm, Whatsapp. Hat‘s denn funktioniert? Haben Sie nicht diese komischen Mini-Blackouts? Bei mir ging das neulich urplötzlich los: Ich will ein Bild hochladen, aber es geht nicht. „Bitte versuche es später noch einmal.“ Später das Gleiche, vier, fünf Mal, nix. Ich schreibe also: „Ich will ein Bild hochladen, aber es geht nicht. Habt Ihr das auch?“ Darauf Facebook: „Leider konnte Dein Kommentar nicht hinzugefügt werden. Bitte versuche es später noch einmal.“ Geht wieder nicht.  Zefix.

Bin ich in einem Upload-Filter hängenge­blieben? Diese Teufelsbiester von Algorithmen werden ja nicht etwa, wie viele glauben, von bösen EU-Parlamen­ta­riern über uns gebracht, sondern sorgen schon lange im Auftrag der großen amerikani­schen Netzplatt­formen dafür, dass niemand den Anblick entblößter weiblicher Oberkörper ertragen muss - der einzige Content, dessen Verbreitung in den USA von der ansonsten unbegrenzten Meinungs­frei­heit nicht gedeckt ist. Aber wie Sie wissen, bin ich brav und lade nie Aktfotos hoch.

Bald war klar: Es traf nicht mich allein. Rund um den Globus konnten User in den „sozialen“ Medien ihren Senf nicht dazugeben. Instagram und Whatsapp klemmten und ruckelten genauso, auch Apple und Google hatten Probleme. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie sich ein Nikotiniker fühlt, wenn seine Fluppen alle sind und kein Supermarkt, keine Tanke und kein Automat in der Nähe. Jetzt weiß ich‘s. Verzweifelt suchte und fand ich eine Website, die auf einer Weltkarte live anzeigt, wo gerade welche Dienste „down“ sind. Mit ihren scharlach­roten Zonen sieht sie aus, als warne sie vor einer grassierenden Epidemie. In der Kommentar­spalte darunter: Fotos von weinenden Schülerinnen, die keine Selfies mehr auf Instagram hochladen konnten und deshalb am Sinn des Lebens zweifelten. Bevor mich väterliche Gefühle übermannen konnten, stieg blanke Panik in mir auf. Verdammt, was sollen die Leute von mir denken, wenn ich auf ihre Fragen nicht antworte und ihre geistrei­chen Kommentare nicht mehr like? Bald bin ich unten durch und lande in der sozialen Isolation! Was tun? !!111eins-elf! Gebt mir sofort mein Netz zurück!

Entwöhnung per Stromaus­fall

„Tja, akute Entzugser­schei­nung“, würde eine Therapeutin mir jetzt wohl attestieren. Ich rede ja schon wie ein Socialmedia-Ureinwohner. Wer in meinem Alter kann mit Netzie-Jargon wie „eins-elf“ etwas anfangen? Die Gute könnte mir als Ersatzdroge gegen die Hektisie­rung und Infantili­sie­rung lineares Fernsehen verschreiben, ZDF als erster Schritt zur Bildschir­m­ent­wöh­nung. Den alten TV-Empfänger haben wir noch. Aber halt: Bevor das Internet uns in seinen Bann schlug, war das halbe Volk fernsehsüchtig. War das etwa besser? Ab und an fiel der Strom aus, dann war die Mattscheibe schwarz – daher der Begriff Blackout. Neun Monate später schoben die Hebammen Sonderschicht. Vielleicht genügt es, sporadisch das Internet abzuklemmen, damit wir wieder mehr Zeit live mit lieben Menschen verbringen. Es gibt nur ein Problem: Wie, bitteschön, sollen Mann und Frau zusammen­finden, wenn Whatsapp down ist?