Image: „Beim Fortschritt der Digitalisierung sind wir ungefähr bei 0,1 Prozent“FERCHAUFERCHAUDie digitale Revolution steckt noch in den Kinderschuhen. | Besjunior
MenschenNeue Technologien verändern die Welt

„Beim Fort­schritt der Digi­ta­li­sie­rung sind wir unge­fähr bei 0,1 Prozent“

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ingo Neuling

Ingo Neuling

freier Journalist

Auf welcher Stufe der technolo­gi­schen Entwicklung stehen wir? Was bedeutet es, wenn Computer Rechenschritte nicht mehr nacheinander, sondern zeitgleich ausführen können? Der Zukunfts­for­scher Kai Arne Gondlach spürt kontinuier­lich die Trends der kommenden Jahre auf – ganz ohne Kristall­kugel, sondern mit wissenschaft­li­cher Methodik. Wir alle sind Teil der Zukunft und gestalten sie mit. Wie unsere Welt einmal aussehen wird, dafür legen wir heute den Grundstein.

23. April 2019
Kai Arne GondlachKai Arne Gondlach

Kai Arne Gondlach, Jahrgang 1987, ist Politologe und Zukunfts­for­scher und beschäftigt sich mit zukünftigen Lebenswelten und Organisa­ti­ons­formen. In Gesprächen mit den wichtigsten Innovati­ons­ent­schei­dern der Welt sucht er Antworten auf die entschei­denden, oft unbequemen Zukunfts­fragen. Aufsehen erregte er mit der Studie „Unterneh­mens­nach­folge in Berlin 2030“ und seiner Masterar­beit „Kostenloser ÖPNV: Utopie oder plausible Zukunft?“, die Wellen bis ins politische Berlin schlug.

Herr Gondlach, was macht ein Zukunfts­for­scher eigentlich?

Die Berufsbe­zeich­nung Zukunfts­for­scher ist noch sehr jung. Seit 2010 wird der Studiengang angeboten. Es gibt also noch nicht allzu viele von uns. Im Kern beschäftigen wir uns mit der Frage, was genau hinter den ganzen Trendwör­tern und Technolo­gie­themen steckt, die uns so im Alltag begegnen, und welche Auswirkungen sie auf die Unternehmen, den Einzelnen und die Gesellschaft haben. Digitali­sie­rung ist so ein Trendwort. Jeder hat es schon einmal gehört, aber was genau der Begriff beinhaltet und was er bedeutet, das wissen die wenigsten – auch heute noch. Wir füllen den Begriff mit Inhalt und erklären das Konzept, das dahinter­steht. Und zwar solange, bis es auf die unterste Ebene durchgedrungen ist.

Wie gehen Sie dabei vor?

Viel lesen und recherchieren. Vor allem lese ich Meldungen von ganz unterschied­li­cher Seite, wie aus Unternehmen, Politik, Vereinen, Verbänden, Steuerbe­ra­tern usw. und bewerte sie nach ihrer Relevanz für die Zukunft. Außerdem spreche ich persönlich mit Menschen, vor allem mit einfluss­rei­chen Entschei­dern, wie CEOs oder führenden Tekkies. Ich frage sie im Kern, was sie vorhaben und warum das, was sie tun, relevant ist. Daraus leite ich ab, was das für einzelne Unternehmen bedeutet, welche Szenarien sich für sie ergeben und spiele Was-Wäre-Wenn-Prozesse durch. Was würde es zum Beispiel genau für ein Unternehmen bedeuten, wenn es die Blockchain-Technologie einführt?

Wie weit ist die digitale Revolution Ihrer Meinung nach schon fortgeschritten?

Ganz ehrlich? Wir sind ungefähr bei 0,1 Prozent. Wenn wir uns die Auswirkungen bewusst machen, dann stehen wir nicht an einer neuen technolo­gi­schen Schwelle, sondern wir beginnen ein neues Zeitalter des Homo Sapiens. Das kommt mit einer ungeheuren Geschwin­dig­keit. Das Problem: Bei uns hinkt das Mindset noch stark hinterher. Ein Beispiel: Deutschland will bis zum Jahr 2025 drei Milliarden Euro in Künstliche Intelligenz investieren. China hingegen plant, eine 133 Milliarden Euro schwere Industrie zu erschaffen. Allein in Peking werden zwei Milliarden Euro in einen KI-Park investiert. Hier offenbart sich meiner Meinung nach die Hybris des Westens. „Wir denken, wir sind schon recht weit. Aber tatsächlich stecken wir noch in den Kinderschuhen und lernen gerade laufen.“

Weiter in die Zukunft gedacht: Auf was müssen wir uns einstellen?

So weit in die Zukunft müssen wir gar nicht denken. Schon in rund zehn Jahren werden neue Technolo­gien so einfach anwendbar sein, dass praktisch jeder sie nutzen kann. Siri und Alexa sind heute schon intuitiv zu steuern. Plattformöko­no­mien und ganz neue Geschäfts­mo­delle werden sich breit machen. Das hat große Auswirkungen. Autos werden zum Beispiel, wenn sie bald autonom fahren, nicht mehr vorrangig im Privatbe­sitz sein, sondern im Besitz von Uber oder anderen Firmen, wie etwa Sixt.

Die nächste Revolution werden Quantencom­puter sein, von denen der erste wohl im Jahr 2022 in Betrieb genommen wird. Sie müssen, ganz einfach gesagt, im Gegensatz zu heutigen Rechnern einzelne Rechenschritte nicht mehr nacheinander abarbeiten, sondern können dies gleichzeitig tun. Damit schaffen Prototypen bereits heute unvorstell­bare Datendurch­sätze, die die Spielregeln komplett verändern werden. Es wird zum Beispiel möglich sein, in nur wenigen Sekunden einen Patienten auf molekularer Ebene zu durchleuchten, eine Diagnose zu erstellen und ein auf ihn individuell zugeschnit­tenes Medikament anzufertigen. Insbeson­dere die Grundlagen­for­schung wird von Quantencom­pu­tern profitieren, aber auch die Verkehrs­steue­rung und noch viele andere Bereiche.

Sind Sie zuversicht­lich, was die Zukunft betrifft? Inwiefern denken Sie, wird sich das Leben für uns alle verbessern?

Viele haben Angst vor der Zukunft oder wenigstens Bedenken, vor allem hinsicht­lich möglicher Arbeitsplatz­ver­luste. Aber wir leben in einem funktionie­renden Sozialstaat, wo nicht jedes Unternehmen machen kann, was es will. Wir haben es selbst in der Hand, die Zukunft zu gestalten. Selbst wenn Unternehmen 80 Prozent ihrer Belegschaft entlassen wollten, würde das verhindert werden. Alles andere wäre politischer Selbstmord. Außerdem wird der Mensch einen sozialen Zusammen­halt nicht aufgeben. Fast niemand will wirklich den ganzen Tag nur vorm Rechner sitzen und virtuell kommunizieren. Der Wunsch nach Zwischen­mensch­li­chem wird immer gegeben sein und genau dafür werden wir in Zukunft mehr Zeit haben. Warum? Weil wir weniger arbeiten werden. Damit haben wir auch die Möglichkeit, wieder mehr Sinn in unserer Tagesgestal­tung zu suchen und gewinnen auch an Einfluss. Denn mit der Vernetzung wird sich auch mehr Macht von den Eliten auf die Bürger verlagern. „Ich wage zu behaupten, dass die Welt in 30 Jahren eine bessere sein wird.“

Wer wird Ihrer Meinung auf Unterneh­mens­seite nach zu den Leadern und zu den Losern der Digitali­sie­rung gehören?

Hier kommt es auf die individu­elle Haltung an. Man muss mit der Zeit mitgehen wollen und offen für Neues sein. Das bedeutet nicht, dass man blind jedem Trend folgen muss, aber man muss sich mit ihnen beschäftigen und sich eine holistische Meinung bilden. Ich habe einige Unternehmen erlebt, die zum Beispiel mit großem Eifer in Blockchain-Technolo­gien investiert haben, um dann festzustellen, dass der Nutzen für sie nicht besonders hoch war. Man darf nicht unterschätzen, was in diesen Technolo­gien steckt. Man darf sie aber auch für das eigene Unternehmen nicht überschätzen.

In unserer Kundenver­an­stal­tung FERCHAU Innovation Table fragt Kai Arne Gondlach, ob Sie Leader oder Loser sind und erläutert, welche Fähigkeiten in der Arbeitswelt der Zukunft gefragt sein werden.