Image: ICH WILL ein Radfahrt-Bundesamt!FERCHAUFERCHAUVon einem Fahrradkauf mit Spätfolgen berichtet unser Kolumnist Ulf. | Harbucks
Ulfs* WeltKolumne

ICH WILL ein Radfahrt-Bundesamt!

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Autos mit Macken werden zurückge­rufen, dafür sorgt eine Behörde. Unser Kolumnist hätte so etwas gerne auch für Fahrräder.

30. April 2019

Man kann „Brüssel“, also dem vor allem in Straßburg debattie­renden Europapar­la­ment, wirklich keine Untätigkeit vorwerfen. Die Abgeordneten tun was für uns. Und ich kenne ein paar von ihnen gut genug, um zu wissen, dass sie alles andere interessiert als der maximale Krümmungs­winkel von Gurken. Wobei: Begradigte oder möglichst quaderför­mige Gurken oder würfelför­mige Tomaten und Äpfel würden die Laderäume der Brummis besser ausnutzen. Wenn diese statt viel Luft in lauter kleinen Hohlräumen mehr Obst und Gemüse beförderten, würden vielleicht ein paar weniger von ihnen die Autobahnen verstopfen.

Aber ich schweife ab, verzeihen Sie bitte! Also: Das Europapar­la­ment bemüht sich redlich darum, unser aller Leben besser zu machen. Dazu dienen ihm Richtlinien, die dann in nationales Recht umgesetzt werden müssen. Erst kürzlich wieder … Nein, die haben nicht das Internet kaputtge­macht. Nur weil Youtube & Co. künftig ein paar Kuchengä­bel­chen von ihren zuckersah­ne­schweren Werbetorten an Komponisten, Texter und Filmschaf­fende abgeben müssen, geht nicht gleich die Welt, das Netz oder auch nur das Silicon Valley unter, und die freie Meinungs­äu­ße­rung konsumbe­geis­terter Instagram-Influencer ist auch nicht bedroht.

Ich meine vielmehr die Whistleb­lower-Richtlinie, die ein paar Tage später mit ungleich weniger Medienrummel verabschiedet wurde. Wer als Mitarbeiter eines Unterneh­mens skandalöse Missstände publik machen will, soll jetzt besser geschützt werden. Das ist doch wirklich eine tolle Sache. Mir fällt dazu sofort ein Beispiel aus meinem Alltag ein: Genössen betriebliche Verpfeifer heute schon gesetzli­chen Schutz, hätte bestimmt ein Angestellter der Fahrradfa­brik, aus der das Citybike meiner Frau stammt, zur Trillerpfeife gegriffen, um die Verbraucher zu warnen.

Wenn der Gepäckträger nur noch am Lichtkabel hängt

Hätten Sie etwa gedacht, dass innerhalb der EU noch jemand Fahrräder konstruieren und in Verkehr bringen kann, der nicht einmal die elementarsten Grundlagen der Mechanik begriffen hat? Nun gut, das Rad fährt natürlich. Schaltung und Bremsen funktionieren, der Sattel ist bequem, sonst hätte meine Frau das Velo ja nach der Probefahrt nicht gekauft. Aber nach kaum mehr als einem halben Jahr löste sich plötzlich der Gepäckträger, dessen Konstruk­tion wir leider keine besondere Beachtung geschenkt hatten, aus seiner Verankerung. Er klappte nach hinten weg und wäre mit dem Rückstrahler voraus scheppernd zu Boden gekracht, hinge nicht das Schutzblech, mit dem der Gepäckträger aus unerfind­li­chen Gründen eine Einheit bildet, noch an einem seidenen Fad... nein, am Rücklicht­kabel, welches unauffällig auf seiner Unterseite verstaut ist. Gut, dass das nicht mit vollem Einkaufs­korb bei Tempo 25 passiert ist.

Was sich diese Koryphäen der innovativen Befestigungs­technik geleistet haben, muss man mit eigenen Augen gesehen haben, damit man es glaubt. Traditio­nell fixiert man den Gepäckträger ja nicht nur an der Gabel der Hinterachse, sondern auch am Rahmen. Bei diesem Modell hielt der Hersteller aber eine feste Verbindung an drei Punkten für unnötigen Luxus. Der Träger steht zweibeinig auf der Hinterrad­gabel. Dummerweise hält ihn nur je eine Schraube links und rechts. Sie bilden eine perfekte Drehachse, mit deren Hilfe das Gesetz der Massenträg­heit seine Wirkung entfalten kann: Beim Beschleu­nigen reißt der Einkaufs­korb den Gepäckträger nach hinten, beim Bremsen drückt er ihn in Richtung Sattel. Durch dieses ständige vor und zurück lockern sich mit der Zeit die Schrauben.

Nun kommt die Hebelwir­kung hinzu: Die beweglich gewordene Masse drückt das Schutzblech gegen die Schraube, die es mit dem Rahmen verbindet, und zerrt es zurück. Es ist ein ständiges Ritsche-Ratsche. Ein echtes Schutz-Blech verböge sich nur, hielte den Kräften aber Stand. Doch Gewichts- und Kostensparer bevorzugen Plastik – und wählen aus dem großen Chemiebau­kasten nicht etwa ein Polymer von der Robustheit eines Legosteins, sondern eine leichte und deshalb leider verwüstliche Sorte. Das Bohrloch im Schutzplastik – um korrekt zu sein - wird zur Mussbruch­stelle. Die Radlerin merkt davon erst mal nichts, denn das alles passiert ja hinter buchstäb­lich ihrem Rücken und unterhalb ihres Popos.

Beim Kunden ist die Schraube locker

Ja, und wie redet sich der junge Fachberater im Fahrradladen heraus? „Selber schuld. Spätestens nach 300 Kilometern muss man die Schrauben nachziehen.“ Heißt wohl auch: alle 300 Kilometer. Davon hatte der Verkäufer aber lieber nichts gesagt und meiner Frau auch nicht den dazugehö­rigen Kilometer­zähler angedreht. Seltsam, dass an meinem Fahrrad – Hausmarke eines Konkurrenten – auch nach zwei Jahren noch nichts klappert. Und dann das: „Ich weiß nicht, ob wir das auf Kulanz machen können.“

Das war der Moment, in dem in mir der Rächer der entrechteten Verbraucher erwachte. Ich fluchte innerlich, dass ich meiner Frau diesen trendigen Laden empfohlen hatte und keinen Internet­shop. Der wüsste, was man Kunden schuldig ist, wenn man keine Ein-Stern-Bewertung riskieren will. Vor allem aber stieg in mir der dringende Wunsch hoch, eine Richtlinie aus Brüssel würde uns eine Aufsichts­be­hörde bescheren, ohne deren Betriebs­er­laubnis niemand ein Pedalkraft-Fahrzeug in den Handel bringen kann und die notfalls Rückrufe anordnet: eine Art Radfahrt-Bundesamt. Als Standort schlage ich Münster, Erlangen oder Freiburg vor – oder irgendeine andere Stadt, in der die Leute noch wissen, wie ein vernünftiges Fahrrad aussieht.