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Ulfs* WeltKolumne

Infor­ma­tio­nelle Fremd­be­stim­mung

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Europas oberstes Gericht hat entschieden, dass Chefs die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter lückenlos erfassen müssen. Als Kopfarbeiter fragt sich unser Kolumnist seitdem, wie präzise man wohl seine Arbeit messen könnte.

28. Mai 2019

Bei der Rechtschreib­re­form wurde aus „selbstän­dig“ der Zungenbre­cher „selbststän­dig“. Ist eigentlich logisch, denn wir Selb(st)ständigen witzeln ja seit anno Schnuff und wahrschein­lich noch bis zum Heißlaufen der Bartaufwi­ckel­ma­schine im Keller, wir arbeiteten „selbst und ständig“. Das unterscheidet uns von Arbeitneh­mern. Die arbeiten zwar auch selbst, denn sonst wären sie Arbeit- oder Auftraggeber. Arbeiten sie aber ständig, stellen sie damit quasi ein Bein ihres Chefs ins Gefängnis – ein Gedanke, der manchem mir bekannten Arbeiter und Angestellten gar nicht unsympathisch ist. Den Führungs­kräften dürfte er zumindest besser gefallen als das Berufsri­siko, das der Titel-Antiheld der Hollywood-Komödie „Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“ einging.

Im richtigen Leben droht dem Boss, der tatenlos zuschaut, wie seine Untergebenen im Übermaß schuften, zwar weder Meuchelmord durch rachsüch­tige Sachbear­bei­te­rinnen noch sofortige Einweisung in den Knast. Es wird ihn aber teuer zu stehen kommen. Denn nach dem kürzlich ergangenen Urteil des Europäischen Gerichts­hofs ist er verantwort­lich dafür, dass sie jeden Tag elf Stunden lang und mindestens einmal pro Woche 24 Stunden lang keine Hand für die Firma rühren, also nicht einmal zum Handy greifen, egal ob im Büro oder im Homeoffice. Klingt toll, oder? Ein Rechtsan­spruch auf geregelte Freizeit! Und wenn man dem Vorgesetzten eins auswischen will, braucht man nur nach einem abendlichen Telefonat mit einem Kunden in Auckland oder Honolulu am nächsten Morgen pünktlich in der Firma einzuchecken. Schon hat er die Allerwer­tes­ten­karte. Das Urteil kann man sich freilich auch zu Nutze machen, etwa wenn man mal wieder so richtig ausschlafen möchte. Dann versendet man die Antwort-E-Mail auf eine feierabend­liche Eilanfrage erst kurz vor dem Zu-Bett-Gehen um Mitternacht. Dann muss der Chef dafür sorgen, dass einen der Pförtner auf keinen Fall vor 11 Uhr in die Firma lässt oder der Teleheim­ar­beiter sich nicht früher auf dem Firmenserver einloggen kann.

Wenn der Workaholic nickelig weiterwer­kelt

Wie alle Urteile, die ins Arbeitsleben eingreifen, haben die höchstrich­ter­li­chen Vorgaben einen Haken. Woher bitte soll der Chef rund um die Uhr von allen seinen Mitarbei­tern wissen, was sie gerade tun, wenn er nicht scharf auf den „Big Brother Award“ ist, mit dem der Verein Digital Courage die Datenschnüffler und Überwachungs­fe­ti­schisten dieses Landes blamiert? Was passiert, wenn er sich selbst elf Stunden Nachtruhe gönnt und ein nickeliger Workaholic aus seiner Belegschaft währenddessen klammheim­lich weiterwer­kelt?

Einfälle auf dem Örtchen und schlaflose Nächte

Das Problem sind ja nicht die Jobs, deren Inhaber ihr Gehalt für die per Stechuhr dokumentierte Anwesenheit am Arbeitsplatz bekommen. Als ich in jungen Jahren in einer Redaktion angestellt war, sagte uns der Chefredak­teur gerne: „Sie werden nicht dafür bezahlt, dass Sie mit dem Po“ – ich lüge; er sagte nicht „Po“, sondern sprach in Götz´scher Deftigkeit – „auf dem Bürostuhl hocken.“ Da fiel mir spontan ein früherer Kollege ein, der in seinem Büro in der Mansarde der Verlagsvilla das Licht brennen und die Aktentasche stehen ließ, während er im Wirtshaus vesperte. In Zeiten der digitalen Transfor­ma­tion ist es leichter, physische Präsenz zu registrieren: Der PC merkt sich, wann er eingeschaltet, benutzt und ausgeschaltet wurde. Aber der Chef erfährt nicht, ob Mitarbeiter A nur deshalb das Rauchen angefangen hat, damit er eine Ausrede hat, öfter aus dem Büro zu flüchten und sich vor der Arbeit zu drücken. Er weiß nicht, ob Mitarbei­terin B nur deshalb unbezahlte Überstunden schiebt, weil sie vor lauter Instagram und Zalando nicht mehr mit der Arbeit fertig wird. Er kann nicht ahnen, ob Mitarbeiter C deswegen chronischen Reizdarm vortäuscht, weil ihm die besten Ideen auf dem sprichwört­li­chen Häuschen kommen. Und wer sagt ihm, dass seine chaotischen Anweisungen der genialen Mitarbei­terin D schlaflose Nächte bereiten?

Straflose Selbstaus­beu­tung

Wie es aussieht, ist die Zeit der informatio­nellen Selbstbe­stim­mung vorbei. Zur Umsetzung des Urteils brauchen wir in den Betrieben Überwachungs­technik, die mehr kann, als anhand von Tastenan­schlägen und Mausschie­be­reien produktive Tätigkeit von Büroschlaf zu unterscheiden. Wir brauchen Sensoren, die unsere Gedanken lesen und Aktoren steuern, die eingreifen, wenn wir im falschen Moment an die Arbeit denken. Nicht einen Big Brother für alle, sondern den individu­ellen Kleinen Mann im Ohr, der „Hölle, Hölle, Hölle“ singt, wenn wir unerlaubt ans Werk gehen. Ja, Wahnsinn, nicht? Aber bestimmt effektiv.

Sagte ich schon, dass ich selbst und ständig arbeite? Ja, das rede auch ich mir immer ein. Ich bin mein eigener Chef. Aber ob ich mich selbst ausbeute oder nicht: Bestrafen kann mich dafür kein Gericht.