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MenschenEin Ausblick auf die digitale Zukunft

„Alles, was sich digi­ta­li­sieren lässt, wird auch digi­ta­li­siert“

Lesezeit ca.: 5 Minuten
Ingo Neuling

Ingo Neuling

freier Journalist

Die Digitali­sie­rung wird als der Megatrend der kommenden Jahrzehnte behandelt, doch liegt die eigentliche Veränderung nicht in den Technolo­gien, sondern in den Köpfen der Menschen. Die Menschheit muss sich nun entscheiden, wie sie die Digitali­sie­rung für ihre eigene Zukunft einsetzen will. Das Bewusstsein und der Wille für die einmalige Chance, welche uns die Digitali­sie­rung bietet, muss genutzt werden.

13. Juni 2019
Karl-Heinz Land

Karl-Heinz Land, international gefragter Keynote Speaker und Coach, schafft in seinen Büchern und Vorträgen als Insider der digitalen Transfor­ma­tion ein Bewusstsein für Tempo, Tiefe und Ausmaß der Digitali­sie­rung. Er durchdenkt die Digitali­sie­rung ebenso konsequent wie interdis­zi­plinär und akzeptiert dabei keine Grenzen. Dabei legt er die verborgenen Zusammen­hänge und Treiber der Digitali­sie­rung offen, bewegt Unternehmen und Organisa­tionen in Richtung Zukunft – und macht uns allen Hoffnung.

Herr Land, wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit der Digitali­sie­rung und ihren Folgen beschäftigen?

Das war eher ein Zufall. Ich wollte eigentlich Maschinenbau in Aachen studieren und habe parallel im IRTA Ingenieur­büro für Rechnertech­no­logie gearbeitet. Damals steckten Computer noch eher in den Kinderschuhen. Ich weiß noch, dass wir für Kunden Drücke auf Turbinen­schau­feln berechnet haben und dazu Daten sammelten und auswerteten. Anschlie­ßend war ich bei Oracle tätig – hatte also wieder mit Daten zu tun. Ich weiß noch, dass mich mein Vater einmal fragte, was ich da eigentlich so den ganzen Tag mache. Nachdem ich ihm alles erklärt hatte, meinte er: „Du machst also die Welt schneller.“ Da wurde mir das erste Mal bewusst, dass er recht haben könnte.

Sie bezeichnen sich selbst als Digital Darwinist und Evangelist. Was meinen Sie damit?

Diesen Ausdruck habe ich in meinem ersten Buch „Digitaler Darwinismus – der stille Angriff auf Ihr Geschäfts­mo­dell und Ihre Marke“ verwendet. Die Evolution nach Charles Darwin zieht sich seit Millionen Jahren. Hier gilt das Prinzip „adapt or die“. Nur wer in der Lage ist, sich veränderten Umständen anzupassen, wird überleben. Wer sich nur auf seine Stärke und Intelligenz verlässt, wird es eher nicht.

Digitaler Darwinismus entsteht dann, wenn sich Technolo­gien und die Gesellschaft schneller verändern, als die Fähigkeit von Unternehmen, sich an diese Veränderungen anzupassen. Auch hier gilt: Unternehmen, auch große, die sich nicht anpassen, werden verschwinden. In heutigen Zeiten sogar sehr schnell. Aber – und hier spricht der Evangelist in mir – ich habe auch eine frohe Botschaft. Sie heißt:

Du kannst etwas tun! Allerdings musst du auch etwas tun. Die Hoffnung, dass das bitte alles an einem vorbeigehen möge, ist keine Strategie.

Was bedeutet das konkret?

Alles, was sich automati­sieren oder digitali­sieren lässt, wird auch automati­siert oder digitali­siert. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Wertschöp­fungs­ketten in allen möglichen Bereichen. Was früher aufwendig produziert werden musste, existiert nur noch digital oder virtuell. Ganz einfaches Beispiel: Früher haben Unternehmen Werbebriefe verschickt. Heute werden E-Mails versendet. Der Grund: Die Grenzkosten gehen im Vergleich zum Brief gegen Null.

Anderes Beispiel: Bisher hatten wir Schlüssel aus Spritzguss. Dafür brauchten wir Fräser, Dreher, Schleifer, Maschinen, Energie zum Antrieb der Maschinen, Rohstoffe und vieles mehr. Heute reicht eine App auf einem Smartphone, um eine Tür aufzuschließen. Das ist schneller, billiger und es werden deutlich weniger Ressourcen verbraucht. Das bedeutet aber auch, dass wir in Zukunft keine Fräser mehr brauchen, sondern Entwickler, und zwar viel weniger. Dieses Beispiel lässt sich auf nahezu jede andere Branche übertragen und zeigt, wie tiefgrei­fend der Wandel in der Arbeitswelt sein wird.

Wie weit ist die digitale (R)evolution Ihrer Meinung nach schon fortgeschritten?

Einerseits sind wir sicher schon sehr weit. Einige sagen, wir sind mitten in der vierten industri­ellen Revolution. Ich bin eher der Meinung, dass wir bereits in der fünften angekommen sind. Nach dem Internet, der vierten Stufe, befinden wir uns im Zeitalter der cyberphy­si­schen Systeme. Diese kommunizieren kaum mehr noch mit dem Menschen, sondern vor allem unter sich. In einem Langstre­cken­flieger beispiels­weise sind ungefähr 280.000 Sensoren verbaut. 98 Prozent von denen kommunizieren nur miteinander. „Wie sehen deine Werte aus?“ – „Meine Werte sehen so aus.“ – „Ok, dann passe ich meine etwas an.“ Nur zwei bis drei Prozent der Sensoren kommunizieren noch mit dem Piloten, in Form von Geschwin­dig­keits- und Höhenangaben usw.

Aber es gibt auch ein andererseits: Denn in Anbetracht dessen, was noch kommen wird, haben wir gerade das Amuse-Gueule, den Gruß aus der Küche, von unserem 5-Gänge-Menü an den Tisch gebracht bekommen. Gordon Moore prägte im Jahr 1965 ein Gesetz, das bis heute als Moore’s law Gültigkeit hat: Die Anzahl an Transistoren, die in einen integrierten Schaltkreis festgelegter Größe passen, verdoppeln sich etwa alle 18 Monate. Wenn man das hochrechnet, dann bedeutet das, dass wir um die 2030er Jahre in drei oder vier Monaten denselben technolo­gi­schen Fortschritt haben werden wie im gesamten 20. Jahrhundert. Und ich bin sicher, dass es so kommen wird. Anders formuliert:

Der technolo­gi­sche Fortschritt wird nur noch eingegrenzt durch unsere Vorstellungs­kraft und unseren Willen. Fast alles, was machbar erscheint, ist dann auch machbar.

Und was müssen wir tun, damit sich die Zukunft zum Wohle aller entwickelt?

Viele sagen, wir müssen die Zukunft gestalten. Das mag zwar sein, aber ist meiner Meinung nach viel zu kurz gegriffen. Ich sage in meinem Buch „Erde 5.0“: Wir müssen die Zukunft provozieren. Mit der Digitali­sie­rung haben wir ein Instrument in die Hände bekommen, mit dem wir, wenn wir es klug anstellen, die großen globalen Probleme angehen und ich behaupte auch lösen können. So lässt sich mit der Plattform-Ökonomie und Big Data die Verteilung der Lebensmittel schneller und gerechter organisieren.

Künstliche Intelligenz und Robotik führen zu einer hochproduk­tiven und trotzdem ökologisch verträgli­chen Landwirt­schaft. Der Trend zur Share Economy wird das Konsumver­halten verändern und damit einen schonenden Umgang mit Ressourcen implizieren. Autonome und intelligente Fahrzeuge senken massiv den Bedarf an Autos. Im Zusammen­spiel mit neuartigen Antrieben sinken die schädlichen Emissionen. Als neue Infrastruktur des Wohlstands öffnet das Internet der Dinge den Zugang zu Kapital und Märkten, zu Bildung und medizini­scher Versorgung, selbst in den entlegensten Gebieten der Welt.

Kurz gesagt: Wenn Sie mich fragen, ob die Digitali­sie­rung die Erde retten kann, dann antworte ich mit einem klaren Ja.

In unserer Kundenver­an­stal­tung FERCHAU Innovation Table fragt Karl-Heinz Land, ob Sie Leader oder Loser sind und erklärt, wie die Digitali­sie­rung Unternehmen und unsere Welt besser machen kann.