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Ulfs* WeltKolumne

Und ständig grüßt das Faxgerät

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Unser Kolumnist ist in der Vergangen­heit gefangen. Seit 20 Jahren hat er das Faxen dicke, doch es holt ihn immer wieder ein. Jetzt macht er das Beste draus.

25. Juni 2019

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Faxe“ hören? Bestimmt an Skandina­vien. Falls Sie weltläufiger Biertrinker sind, kommt Ihnen wahrschein­lich ein Gebräu in den Sinn, das aus dem gleichna­migen dänischen Dorf stammt, 125 Kilometer nördlich von Rostock. Es hieß ursprüng­lich Fakse; 2007 wurde die Schreibweise an die Biermarke angepasst. Als Zeichentrick- oder Bully-Herbig-Fan fällt Ihnen wohl eher der liebenswerte, aber im Kopf nicht arg helle Wikinger aus „Wickie und die starken Männer“ ein. Wissen Sie auch, was „Faxe“ mal in Deutschland bedeutete? Ja? Dann sind Sie schon ein paar Tage erwachsen, falls ich als personifi­ziertes Technikmu­seum Ihnen auf diese plumpe Weise schmeicheln darf. Oder Sie arbeiten im Gesundheits­wesen, der Rechtspflege oder der Finanzwelt und sind somit nicht ganz unschuldig an dieser Kolumne.

Grautöne werden überschätzt

Allen Jüngeren, die in anderen Berufen tätig sind, sei hiermit erklärt (Vorsicht, Oldmansplai­ning-Alarm!): Vor der Erfindung von E-Mail und PDF-Dateien gab es nur einen Weg, das Abbild eines Papierdo­ku­ments in Minutenschnelle einem weit entfernten Empfänger zukommen zu lassen. Man legte das Original in den Papiereinzug eines überteuerten, für sonst nichts brauchbaren Geräts, das Sie sich als Kreuzung aus Festnetz­te­lefon, primitivem Schwarz-Weiß-Scanner und Kassenzet­tel­dru­cker im DIN-A4-Format vorstellen können. Dann tippte man eine Telefonnummer ein, hörte ein Getute und Gepfeife. Der Apparat konnte helle von dunklen Stellen unterscheiden und übertrug dementspre­chend Piepstöne, die für „schwarzes Pünktchen“, „weißes Pünktchen“ oder „nächste Zeile“ standen, über die Telefonlei­tung. Eine Minute später raschelte eine halbwegs lesbare Kopie aus dem Empfangs­gerät.

Diese sich zu Thermopa­pier­röll­chen kringelnden Fernkopien nannte man Faxe, von Faksimile, also „ähnlich gemacht“. Faxe waren besser als nichts. Grautöne blieben zwar auf der Strecke, aber man konnte Skizzen verschicken, in Kanji-Schrift mit Japanern korrespon­dieren oder „vorab per Fax“ eine Frist wahren; das Original zum Abheften kam auf dem Postweg hinterher.

Wenn die Direktbank um ein Fax bittet

Nichts würde mich daran stören, dass diese prädigitale Technik noch ihr zombie-haftes Wesen treibt, wenn sie mich in Ruhe ließe. Eigentlich besitze ich seit anno Schnuff gar kein Faxgerät mehr, doch die 20 Jahre alte Faxnummer gibt‘s noch. Wenn‘s darauf klingelt, kippt mir meine Fritzbox den Inhalt, meist Reklame von Kaufejedes­auto-Schrottex­por­teuren und Büroblumen­kübel-Versandhänd­lern, geräuschlos als Bitmap-Datei ins Mail-Eingangs­fach. Klar, die Nummer könnte ich abschalten. Ein, zweimal im Jahr kommt allerdings noch etwas Relevantes von alten Herrschaften, die neumodischem Zeug wie E-Mail nicht trauen, und die möchte ich nicht vor den Kopf stoßen.

Was mich aber vollends ratlos macht, sind Leute, die von einem erwarten, dass man ihnen Faxe schickt. Oder überhaupt schicken kann. So etwas widerfuhr kürzlich meiner Frau. Sie hatte versucht, unserer Tochter über die Direktbank, bei der beide Konten haben, Geld zu überweisen. Das klappte aber nicht: Da Frau Junior vergessen hatte, der Bank ihre neue Adresse mitzuteilen, waren Briefe als unzustellbar zurückge­kommen und das Konto in den Sicherheits­modus versetzt worden. Ob sie ihm ihre neue Adresse nicht schnell faxen könne, fragte der nette Callcenter-Mann.

Vertraulich wie ein Radiospot

Faxen? Welche junge Frau besitzt bitte ein Faxgerät – wenn sie denn überhaupt je eines gesehen hat – und welcher Nicht-Nerd ahnt, dass man zum Senden kein Faxgerät braucht? Telefonisch durchgeben ist verboten, und E-Mail darf er auch nicht annehmen, sagt der Direktbank­be­rater: zu unsicher, ist ja offen wie eine Postkarte, jeder Zehnjährige kann das fälschen. Ja, aber wie, haha!, vertraulich ist dann erst ein Fax? Wie ein Schwaben­müsli-Spot im Radio? Und wie sicher und authentisch ist es, wenn ich die Unterschriften aller Menschen, die mir je einen Brief geschrieben haben, mit Photoshop in beliebige Dokumente montieren kann, ohne dass der Fax-Empfänger Lunte riecht? Wisst Ihr eigentlich, liebe Freunde, dass ich aus der Cloud Faxe mit beliebiger Absender­nummer versenden kann?

Faks, äh, Fakt ist: Gerichten, Geldinsti­tuten, Krankenhäu­sern und Behörden sind Faxe bis heute gleich recht wie Originale auf Firmenpa­pier mit Wasserzei­chen, Stempel und eigenhän­diger Signatur mit dokumenten­echtem Kugelschreiber nach DIN/ISO 12757-2. Denn der Gesetzgeber hat schlichtweg vergessen, das Faxen zu verbieten. Der Bundestag hat Wichtigeres zu tun, das Bundesamt für Sicherheit in der Informati­ons­technik auch. Deshalb habe ich beschlossen, aus der Not eine Tugend, sprich: ein Geschäfts­mo­dell zu machen. Unter der Marke „Forever Fax“ biete ich demnächst Videotuto­rials an – ein Einsteiger­se­minar „Faxen ohne Faxgerät“, ein Aufbause­minar „Rechtssi­chere Telekommu­ni­ka­tion im Retro-Style“ und einen Fortgeschrit­te­nen­kurs „Faxe perfekt fälschen auf Mac und Windows“. Da sind Sie doch bestimmt dabei, oder? Anmeldung bitte nur per Fax.