Image: Welche Skills zum Ingenieur der Zukunft fehlenFERCHAUFERCHAU„Ingenieure kommen um die interdisziplinäre Kompetenz nicht herum“, ist sich Rolf Schultheis, Leiter der Vertriebssteuerung von FERCHAU, sicher. | gorodenkoff
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Welche Skills zum Inge­nieur der Zukunft fehlen

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Alexander Freimark

Alexander Jake Freimark

freier Journalist

Industrie 4.0 stellt Unternehmen und Ingenieure vor neue Herausfor­de­rungen. Zwei Studien warnen jetzt davor, dass die Hochschul­aus­bil­dung nur noch in Teilen zu den Anforderungen der Arbeitgeber passt. Bemängelt wird vor allem, dass dem Ingenieur der Zukunft interdis­zi­pli­näre Kompetenzen fehlen.

09. Juli 2019

Mit einer Studie zum „Soll-Profil für Ingenieu­rinnen und Ingenieure 4.0“ hat der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) im Frühjahr 2019 auf die Diskrepanzen zwischen universi­tärer Ausbildung und den Anforderungen der Wirtschaft bei den Ingenieur­be­rufen der Zukunft verwiesen. „Der digitale Wandel ist kein Selbstläufer, sondern setzt einen gewaltigen Change-Prozess in den Hochschulen voraus“, sagt Hartmut Rauen, stellver­tre­tender VDMA-Hauptgeschäfts­führer. Es soll zusammen­wachsen, was zusammen­ge­hört: In den Fachrich­tungen Maschinenbau und Elektrotechnik seien angesichts der Industrie 4.0 für die Arbeit als Ingenieur Grundlagen­kennt­nisse aus der Informatik unabding­lich. „Dies erfordert eine stärkere interdis­zi­pli­näre Verschrän­kung von Studienin­halten und ein besseres Miteinander der einzelnen Fachbereiche und Fakultäten“, argumentiert Rauen.

In der VDMA-Studie wurde erstmals ein „Soll-Profil“ aus der Perspektive der Maschinenbau-Industrie entwickelt, dieses mit dem „Ist-Zustand“ an den Hochschulen abgeglichen und darauf aufbauend Handlungs­emp­feh­lungen für den Ingenieur der Zukunft vorgeschlagen. Demnach sind neben den Grundlagen in einer der Fachdiszi­plinen wie Maschinenbau und E-Technik vor allem „querliegende“ Kompetenzen in der Informatik, Data Science und der Datensicher­heit gefragt. Zudem müssten Ingenieure stärker als bisher in der Lage sein, Sichtweisen anderer Disziplinen bei ihrer eigenen Arbeit zu berücksich­tigen. Daher seien methodische Kompetenzen, insbeson­dere Prozess- und Systemdenken, sowie überfach­liche Skills wie Teamfähig­keit, Selbststän­dig­keit beziehungs­weise Lern- und Anpassungs­fä­hig­keit besonders wichtig.

IT und Maschinenbau sollen zusammen­wachsen

Rolf Schultheis, Leiter der Vertriebs­steue­rung von FERCHAU, kann die Aussagen zu den beruflichen Anforderungen an Absolventen grundsätz­lich bestätigen: „Gerade im produkti­ons­nahen Umfeld ist es heute essenziell für Ingenieure, interdis­zi­plinär aufgestellt zu sein.“ Zwar werde sich ein klassischer Maschinen­bauer nur selten in das tiefe Big-Data-Wasser bewegen, aber er müsse sich immer bewusst sein, dass seine Konstruk­tion Teil einer IT-Architektur ist. Auch Schultheis schließt sich der VDMA-Empfehlung für ein zweisemest­riges gemeinsames Grundstu­dium aller Ingenieurs­wis­sen­schaften an. Er argumentiert mit dem Schulter­schluss von Informati­kern und Wirtschafts­wis­sen­schaft­lern vor über 20 Jahren, aus dem die Wirtschafts­in­for­matik hervorging: „Ähnliches passiert jetzt auch im Engineering. Es gibt im Windschatten von Industrie 4.0 immer mehr Mitarbeiter, die Kompetenzen aus IT und Engineering vereinen“, berichtet Schultheis aus der Praxis.

Dass der vollständig interdis­zi­pli­näre Weg jedoch noch weit ist, zeigt eine aktuelle Studie des VDI. In dieser geht es um die Einschät­zung der Absolventen und Berufsein­steiger zur Frage, ob sie sich ausreichend auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet fühlen. Ein Resultat: Nur elf Prozent sind völlig zufrieden, weniger als die Hälfte der angehenden Ingenieure hat den Eindruck, dass die Hochschulen das nötige Handwerks­zeug für die Berufe von morgen vermitteln. Ganz so schwarz malen möchte Schultheis allerdings nicht. Er verweist auf die vielen Berufsein­steiger, die jedes Jahr bei FERCHAU eine Stelle antreten: „Ich glaube nicht an den Absolventen, der heute noch als reiner Maschinen­bauer aus der Hochschule kommt – die meisten bringen IT-Wissen aus der Uni mit und sind oft schon funktions­über­grei­fend einsetzbar.“

Neue Herausfor­de­rung: IoT

Allerdings erwartet der FERCHAU-Manager, dass in Zukunft noch mehr interdis­zi­pli­näre Skills gefordert sind, etwa aus dem Bereich der Telekommu­ni­ka­tion. „Wir werden einen Umbruch im Windschatten der 5G-Netze erleben, wenn viele Instanzen des Internet of Things über die Luft kommunizie­ren“, so Schultheis. Sein Fazit: „Ingenieure kommen um die interdis­zi­pli­näre Kompetenz nicht herum.“ Bleibt nur die Frage, ob Unternehmen auf den Wandel der Hochschulen warten oder selbst tätig werden wollen.