Image: Von dicktieren und verhörgerätenWenn unsere tollen Diktierprogramme mal richtig zuhörten. | SIphotography
Ulfs* WeltKolumne

Von dick­tieren und verhör­ge­räten

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Rechtschreib­fehler müssten nicht mehr sein, wenn unsere tollen Diktierpro­gramme mal richtig zuhörten. Bis dahin lassen wir andere lieber rätseln, was wir meinen.

24. September 2019

Seid (korrigiere seit) einiger Zeit tippe ich kaum noch auf der fummeligen virtuellen Tastatur meines Handys herum Komma sondern liege (korrigiere lege) den Finger kurz auf das Mikrofon­symbol neben der Leertaste Punkt Wenn meine Worte per Twitter Komma Facebook Komma Telegram oder SM Ess (korrigiere SMS) bei Ihnen landen Komma war Spracher­ken­nungs Software (korrigiere Spracher­ken­nungs­soft­ware) am Werk Punkt Das machen inzwischen viele Schonerlisten (korrigiere Journalisten) so Komma denn Sie glauben (korrigiere sie glauben) das dass (korrigiere Komma dass das) Zeit spart Punkt

Omelette surprise im Software-Menü

Neuerdings spreche ich den Satz ganz zu Ende, bevor ich auf Fehlerpirsch gehe. So kann ich Siri bei einer Arbeit zuschauen, die an Heinrich von Kleists „allmähliche Verferti­gung der Gedanken beim Reden“ erinnert. Das tatsächlich Gesagte erscheint, wird nach Einsprechen weiterer Wörter durch abstrusen Blödsinn ersetzt, kommt aber wieder, sodass man meint, die App habe doch verstanden. Schließt man den Satz mit einem Punkt ab, kehrt manchmal der Unsinn zurück – oder ein anderes richtiges Wort wird noch rasch durch ein falsches ersetzt. Ob Siri, Cortana, Google oder Alexa: Spracher­ken­nung ist das Omelette surprise im Software-Menü.

Lehre Autos an Hängen und Pisten

Wenn ich sehe, welche sprachli­chen Aussetzer sich in Tweets und Facebook-Posts breit machen, beschleicht mich aber das Gefühl, viele Leute vertrauten ihrem Dick-Tier-Programm inzwischen mehr als den eigenen Rechtschreib­künsten. Offenbar senden Hinz und Kunst alles 1:1 so ab, wie es kommt. Manches muss man laut lesen, um es zu verstehen. Etwa „lehre Autos“. Soll ich autonomen Pkws das Fahren beibringen? Nein, wenn es nach der Automobil-Brosche geht – sonst als Branche bekannt – fahren diese bald leer herum, um uns abzuholen. „ACE-Hämmer“: Solche stahlharten Arzneien liefert die Versandapo­theke per „Nachname“. Seltsam, denn anspruchs­vollste Fremdwörter wie „Arrhythmie“ und „Algorith­mus“ buchstabiert die Software perfekt. Aber glauben Sie, ich kriegte sie dazu, Heinz Mägerleins berühmten Satz „Tausende standen an den Hängen und Pisten“ korrekt zu transkri­bieren?

Liebe Genossen genossen Liebe

Sie lachen. Das ist überhaupt nicht lustig! Siri und Cortana schreiben tatsächlich „hängen“ mit kleinem h! Und sie ignorieren selbst die theatralischste Betonung. Cortana hört stets: „Ich habe in Havanna Liebe genossen.“ Siri hört unbeirrt: „Ich habe in Havanna liebe Genossen.“ So schnell wird aus einer karibischen Urlaubsromanze eine kommunis­ti­sche Konspira­tion.

Vor diesem Hintergrund kann ich nur zu gut verstehen, dass die Lauschspre­cher-Entwickler neugierig waren, was die Leute wirklich sagen und wie krass ihre Algorithmen dessen Sinn verwursch­teln. Ja, gut, als Standard­ant­wort auf Einschalt-Floskeln wie „Hey, Alexa!“ hätten sie vielleicht den Spruch einprogram­mieren sollen: „Zu Qualitäts­zwe­cken werden einzelne Diktate vorratsge­spei­chert und von unseren Mitarbei­tern abgetippt. Wenn Sie uns zu Beginn einen Hinweis geben, verzichten wir auf diese Maßnahme.“ Vielleicht wäre ihnen dann der Shitstorm aus der Datenschutz-Community erspart geblieben.

Ganz viel Schi-schi aus Schina

Mit derlei Verschlimm­bes­se­rungs­be­mü­hungen ist jetzt erst mal Essig. Vielleicht überlassen sie ja uns Kunden das Training der Software. Warum sollte die App nicht aus ihren Fehlern lernen? Wir sagen ihr einmal, dass man das wie „Schonerlis­ten“ klingende Wort „Journalis­ten“ schreibt und dass Automobile keine Broschen tragen, und fortan weiß sie das. Die Silicon-Valley-Größen können sich unterdessen um Homophone kümmern, also wirklich existierende Wörter, die gleich klingen. Diese sorgen in anderen Sprachen für noch mehr erheiternde Transkripte als im Deutschen. Etwa im Englischen: I‘ll send you a male. That‘s write. I‘ll be their. We except your offer. Erst recht im Französi­schen: Ob sein (Brust) oder seing (Unterschrift), sain (gesund) oder saint (heilig), ist halt nicht ganz dasselbe.

Womöglich kommt die Lösung aus China, denn dort ist das Problem – und damit der Ansporn, es zu lösen – ungleich größer. Lesen Sie nur mal den Wikipedia-Eintrag „Löwen essender Dichter in der Steinhöhle“! Da finden Sie elf komplett verschie­dene Nonsens-Sätze. Um die alle aufzuschreiben, brauchen die Chinesen mehr als 30 Schriftzei­chen. Liest sie jemand vor, reicht ihm eine einzige, x-fach in -zig Nuancen intonierte Silbe: „Shíshì shīshì Shī Shì, shì shī, shì shí shí shī.“

So. Jetzt wissen Sie Bescheid, wenn jemand über Alexa, Siri und Co. sagt, das sei doch alles nur Chi-chi.