Image: Google ist doch nicht blödStausimulation durch einen Bollerwagen gefüllt mit Smartphones? So einfach ist es nicht …
Ulfs* WeltKolumne

Google ist doch nicht blöd

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Mit einem Bollerwagen voller Smartphones einen Stau zu simulieren, ist keine Kunst? Doch, irgendwie schon, meint unser Kolumnist. So leicht trickst niemand die smarten Dinger aus.

25. Februar 2020

Wenn Ihnen der Name Simon Weckert nichts sagt, ist das keine schlimme Bildungs­lücke. Der Mann ist Designer und digital-affiner Performance-Künstler. Auf die „fünfzehn Minuten Ruhm“, die seit Andy Warhols Zeiten jedem von uns irgendwann zuteilwerden, musste er warten, bis die Medien kürzlich den 15. Geburtstag von Google Maps zum Event hochjubelten. Just zu diesem Nicht-Jubiläum verkündete der 30-jährige Berliner, er habe den Navi-Dienst gehackt und zwecks Verkehrs­be­ru­hi­gung einen Stau vorgetäuscht. Sein Tatmittel: ein Bollerwagen voller eingeschal­teter Android-Smartphones, 99 Stück an der Zahl.

Diese Kunstaktion ging indes nicht just-in-time über die Bühne, sondern bereits im vergangenen Oktober, ohne dass irgendein Medienprofi oder auch nur Hobby-YouTuber davon Notiz genommen hätte. Auf dem davon angefertigten Bildmate­rial sieht man einen Fußgänger, der auf ein paar ziemlich autofreien Hauptstadt­straßen herumspa­ziert, ungeniert mitten auf der Fahrbahn, und den besagten Handkarren gemächlich hinter sich herzieht. Der Plan ging auf. Anfang Februar stand Weckert plötzlich in der Öffentlich­keit als der Mann, der uns gezeigt hatte, wie wir unwillkom­mene Autofahrer aus dem eigenen Viertel fernhalten können: Wir brauchen „Maps“ nur mit GPS-Daten zu fluten, die dem System verstopfte Straßen vorgaukeln.

Foppen mit Attrappen

Aber hatte sich Weckert tatsächlich die Technikgläu­big­keit von Autofahrern zunutze gemacht, die blindlings jeden Routenrat von Google befolgen, und den Internet-Riesen vorgeführt? Oder stellte er lediglich die Leichtgläu­big­keit und Technik-Unkenntnis der Nachrich­ten­re­dak­teure bloß?

Es ist nämlich so, dass die Fotos und der Youtube-Clip überhaupt nichts beweisen. Ein Tessiner Journalist, der unter dem Pseudonym „Paolo Attivissimo“ auf Entenjagd geht, und der italieni­sche IT-Profi Andrea Fortuna schauten sich unabhängig voneinander die Bilder genauer an und wurden stutzig. Die angeblich zusammen­ge­borgten Smartphones, die kreuz und quer im Bollerwagen lagen, sahen aus wie geklont. Sogar die Kartenaus­schnitte waren identisch, ganz egal, wie schief die Geräte durchein­ander lagen. Im richtigen Leben sind Maps-Anzeigen permanent in Bewegung – sie richten sich von selbst ständig neu aus.

Bei Weckert jedoch wirkt die Anzeige wie festgefroren. Der Kontrast ist zu perfekt. Es fehlen die Reflexe, die unweiger­lich strahlen, wenn man Glas im Sonnenlicht fotografiert. Und dann zeichnen sich auf den vermeint­li­chen Displays auch noch Schatten ab. Bei selbstleuch­tenden Objekten sind die nicht zu sehen, sehr wohl aber bei Dummies, wie man sie aus Schaufens­tern des Mobilfunk-Handels kennt. Das erklärt auch, weshalb lauter Exemplare des gleichen Typs im Karren lagen: So genügt ein einziger Screenshot, x-fach ausgedruckt, für alle.

Der Stau sind immer die anderen

Uns so frech mit Attrappen zu foppen, ist nicht verwerflich, im Gegenteil: Grenzgänge zwischen Schein und Sein sind seit jeher gelebte Kunstfrei­heit. Für die Lektion, die uns der Künstler erteilen wollte, kam es nicht darauf an, ob er Google Maps wirklich gehackt hat. Ihm dürfte genügen, dass wir darüber nachdenken, was wir mit solcher Technik machen. Und sie mit uns: Sie verwandelt uns in lauter fiese, kleine, unfaire Egoisten. Wir bilden uns ein, der Stau seien immer die anderen Verkehrs­teil­nehmer. Denen versuchen wir ein Schnippchen zu schlagen – ausgerechnet mit Hilfe der Daten, die sie (und wir) selbst liefern. Wir (und sie) sind Teile des Verkehrs­pro­blems, die sich für Teile der Lösung halten.

Sankt Florian, verschon‘ mein‘ Kiez

Natürlich sind die Ingenieure von Google zu schlau, als dass sich ihr System so einfach von uns übertölpeln ließe. Schon ein einziges Auto, das flott am Bollerwagen vorbeifährt, verrät dem Server: Der Stau ist ein Fake. Einen Doppelde­ckerbus voller selfiesüch­tiger Touristen, der im Schleichtempo an den Sehenswür­dig­keiten Münchens oder Berlins vorbeizo­ckelt, interpre­tieren die Algorithmen ja auch nicht als Stop-and-go-Kolonne aus 99 Autos. Und selbst dann, wenn ein Hack so einfach wäre! Soll etwa jede Fußgängerin und jeder Radler fünf bis zehn aktivierte Handys bei sich tragen, um dem St.-Florians-Prinzip Geltung zu verschaffen, auf dass die Autofahrenden fortan andere Stadtviertel verstopfen und verpesten, woraufhin uns die dortigen Egoistinnen und Egoisten diese Frechheit mit gleicher Münze heimzahlen? Eigentlich war die Kunstaktion ohnehin absurd. Simulieren kann man einen Stau nur dort, wo der Verkehr noch fließt. Wer einen fiktiven Stau verhindert, verschlim­mert doch bloß anderswo einen realen.

Nehmen wir den „Hack“ doch zum Anlass positiv zu denken! Es gibt durchaus smartere Ideen, die täglichen Geodaten unserer Taschente­le­fone zu nutzen. Wäre es nicht schön, wir könnten Google so hacken, dass wir sehen, wer den gleichen Weg hat wie wir? Und dann lässt die Hälfte von uns ihr Auto einfach stehen. Oder zwei Drittel. Aber das wäre wahrschein­lich viel zu vernünftig.