Image: Gut behütet unterwegsAuch ohne Helm gut behütet unterwegs. | nadia_bormotova
Ulfs* WeltKolumne

Gut behütet unter­wegs

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Helme schützen, aber sie lassen Motorrad­fahrer aussehen wie Klonkrieger. Unser Kolumnist träumt von der unauffäl­ligen Hochsicher­heits­kopf­be­de­ckung.

26. Juli 2019

Richter am Bundesver­wal­tungs­ge­richt haben einen abwechslungs­rei­chen Job. Oft werden sie mit Ansinnen konfrontiert, die uns Jura-Laien den Mund offen stehen lassen. Da setzt etwa ein zuvor unbeschol­tener Autofahrer, der das erste Mal nach dem Konsum unerlaubter Substanzen am Steuer erwischt worden ist, in Leipzig durch, dass seinesglei­chen nicht automatisch der Führerschein weggenommen wird. Andere Leute klagen sich durch die Instanzen hoch, um ihren Rundfunk­bei­trag in bar entrichten zu dürfen.

Der für mich faszinie­rendste Streitge­gen­stand der letzten Zeit war das Begehren eines Konstanzer Möchtegern-Bikers, aus religiösen Gründen von der Helmpflicht für Motorrad­fahrer befreit zu werden. In einem handelsüb­li­chen Integral­helm dürfte schon sein Haupthaar nur mit erheblicher Mühe unterzubringen sein: Als Sikh darf er es sich niemals schneiden lassen, und bis ungeschnit­tene Männerhaare von selbst ausfallen, sind sie bis zu 90 Zentimeter lang.

Nun muss der fromme Kläger diese Wallemähne aber auch noch mit einem Dastar festzurren. Das ist ein bis zu sieben Meter langes Textil, das der deutsche Volksmund „Turban“ nennt. So straff kann er das gar nicht wickeln, dass auch nur ein 3XL-Helm drüberpassen würde. Erstens bietet die Dickkopf-Ausführung maximal einem Haupt mit 65 Zentimetern Umfang Einlass, und zweitens werden die langen Haare großenteils oberhalb des Schädels verstaut. Der Aufsetzver­such würde also nicht nur an der Enge scheitern, sondern daran, dass sich der Kinnschutz gerade mal bis zur Nasenwurzel runterziehen ließe.

Möchtegern-Biker zum Sprinter-Zockeln verurteilt

Zum Leidwesen des Mannes folgte das Bundesver­wal­tungs­ge­richt der Argumenta­tion der beklagten Behörde. Es bestätigte zwar, dass das Recht auf freie Religions­aus­übung ihm das Dastar-Tragen erlaube, fand es aber zumutbar, dass er als Inhaber einer Pkw-Fahrerlaubnis und Eigentümer eines Lieferwa­gens dann halt auf vier Rädern herumzockelt statt beschwingt auf zweien, um den Bodensee zu brausen.

Wenn Sie jetzt denken, „Recht so, manche Menschen muss man vor sich selbst schützen“, wissen Sie wohl nicht, was auch mir bis zu diesem Prozess unbekannt war: Nicht nur in Indien und Nepal, auch in Großbritan­nien überlässt es der Gesetzgeber Motorrad fahrenden Sikhs, ob sie ihre Köpfe mit einem Gebilde aus Duroplasten, Thermoplasten und Polystyrol schützen oder mit einem natürlich-nachhaltigen Verbundpolster aus Haaren und Seide oder Baumwolle. Letzteres sieht zumindest viel eleganter aus als die martiali­schen Starwars-Rüstungen, die im Biker-Fachhandel zu kaufen sind.

Der unter den Sikhs verbreitete Glaube, das sei auch sicher genug, ist also offiziell anerkannt, nur nicht bei uns. Leider kann man Dastare nicht mit dem obligato­ri­schen Zertifikat ausstatten, weil eine Material­prü­fung voraussetzen würde, dass sich ein Sikh eine Glatze schneidet und sein Haar-Stoff-Paket einem Crashtest-Dummy überlässt, er sich aber den Kopf nicht einmal für einen guten Zweck rasieren darf.

Sicherheit und Glaube unter einem Hut

Hier ist also Erfindungs­reichtum gefragt, liebe Textilin­ge­nieure und Material­kundler! Warum sollte es nicht möglich sein, einen Turban-Helm zu konstruieren, der Religions- und Sicherheits­vor­schriften unter einen Hut bringt, etwa mit einem Kevlar-Dastar aus dem 3-D-Drucker? Man könnte gleich noch einen Head-Airbag mit einbauen.

Und wenn Ihr Experten einmal dabei seid, den Motorrad­helm neu zu denken, solltet Ihr Euch auch gleich die Fahrrad- und Skihelme mit vorknöpfen, die ja solche Verbrechen gegen die Ästhetik sind, dass viele Menschen es vorziehen, oben ohne zu fahren. Dabei lauert in unserer hypermobilen Gesellschaft die Verletzungs­ge­fahr überall. Schützen wir unser Hirn! Keine Kopfbede­ckung darf tabu sein als Vorlage für den Helm, der nicht nach Helm aussieht.

Mut zum Hut! Machen wir es den jungen Hipsters nach! Die haben Opas Borsalino aus der Mottenkiste befreit; erste Autobauer erwägen angeblich schon, die gute alte Hutablage als Sonderaus­stat­tung anzubieten. Und fürs Fahrrad hätte ich gerne die sturmfeste Schieber­mütze auf meiner bis hinter die Ohren reichenden Denkerstirn.

Hat da gerade jemand „Toupet“ gerufen? Na, warte, Freundchen!