Image: Qual der Kanal-AbwahlWenn das Fernsehen die Geduld mal wieder auf die Probe stellt… | Ljupco
Ulfs* WeltKolumne

Qual der Kanal-Abwahl

Lesezeit ca.: 4 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Wenn Fernsehen etwas für Rentner ist, weshalb geben sich Geräteher­steller und Kabelbetreiber so viel Mühe, alten Leuten die „User Experience“ zu versauen?

26. November 2019

In unserer Straße bewohnt eine alte Dame allein ein großes Haus. Sie ist nicht mehr fit und hört schlecht, mag aber nicht ins Senioren­stift umziehen, sie ist ja noch keine 90. Zu Hause kann sie ihren Fernseher so laut aufdrehen, wie sie will. Fernsehen ist ihre letzte große Leidenschaft, seit sie im Garten nicht mehr viel tun kann und nicht mehr das Reaktions­ver­mögen hat, das man braucht, wenn man mit dem Auto mal eben irgendwo hinfahren möchte. Aber es muss Leute geben, die ihr den Spaß an der Glotze offensicht­lich nicht gönnen. Denn in gewissen Abständen steht die gute Frau verzweifelt vor unserer Haustür oder klingelt bei anderen Nachbarn, und dann wissen wir alle, warum: Sie kriegt wieder mal das Erste oder das Zweite nicht rein. Keine Tagesschau, kein Heute-Journal, keine Maischberger, keine Illner, keinen Fernsehgarten und keinen Sturm der Liebe.

Wo zum Teufel liegt das Zweite?

Die Nachbarin mag zwar gebrechlich sein, aber sie ist nicht dement. Und selbst wenn sie es wäre – dass die ARD auf der 1 liegt, das ZDF auf der 2 und das jeweilige Dritte auf der 3, dürfte das Allerletzte sein, was deutsche Alzheimer-Patienten vergessen. Will sagen: Es liegt nicht an ihr. Das weiß ich, seit ich mich eines schönen Sonntagnach­mit­tags zu der leichtsin­nigen Aussage hinreißen ließ, ja, ich hätte gerade Zeit, kurz zu ihr rüberzukommen und ihr zu helfen. Kein Kanal lag auf dem Programm­platz, auf den er hingehörte. Das ZDF war ganz verschwunden. Beherzt startete ich einen Sendersuch­lauf, und damit war der Nachmittag gelaufen. Bis der externe Kabel-Digital-Tuner die 399 Kanäle gescannt hatte, die uns hier theoretisch mit audiovisu­ellem Content versorgen, war gefühlt die erste Stunde rum. Und dann ging die eigentliche Suche erst los. Die ARD hatte ich bald. Nachdem ich begriffen hatte, wie man einen Sender so auf einen der vorderen Programm­plätze bugsieren kann, dass er nicht wieder wegrutscht, sobald man den nächsten nach vorne zieht, stöberte ich weiter. Nach etwa 17 Tabellen­seiten voller exotischer, erotischer und skleroti­scher Angebote, Fußball-Bezahlka­näle und Leerzeilen erschien plötzlich das Bayerische Fernsehen – inmitten einiger weiterer Landesrund­funk­an­stalten. Aber wo zum Teufel war das Zweite?

Die Sache endete vorerst damit, dass meine Nachbarin am Montagmorgen den Elektriker rief. Zwei Monate später verschwanden Kiewi, Lesch und Kleber erneut im digitalen Nirwana.

Niemals auf OK tatschen

Mittlerweile ahne ich, was da immer passiert. Neulich hatte mein Schwieger­vater, immerhin Besitzer eines Full-HD-Flat-TVs mit eingebautem Kabeltuner, WLAN und allem zeitgemäßen Schnickschnack, ähnliche Probleme. Der Betreiber des Kabelnetzes war der Ansicht gewesen, er müsse seine Kundschaft wieder mal mit neuen Angeboten beglücken, also noch mehr kostenpflich­tigen Nischen- und Minderhei­ten­ka­nälen. Und darauf hatte Opa (90, technik-affin) instinktiv falsch reagiert. Wer neugierig auf „OK“ tatscht, wenn die Meldung erscheint, es gebe neue Sender, verletzt nämlich die Goldene Regel der IT, die da lautet: „NEVER tatsch a running system!“ Die zuvor preußisch-ordentliche Senderliste sieht am Ende aus wie von einem Tornado verwirbelt. Das muss dieser „diskrimi­nie­rungs­freie Zugang zum Kunden“ sein, von dem alle reden. Damit kein Programm­an­bieter bevorzugt wird, behandelt man alle gleich schlecht.

Für den Zuschauer fühlt sich das allerdings so an, als müsste er im Supermarkt die Butter zwischen Keksen und Klopapier suchen.

Mentales Fitness-Training für Senioren

Die disruptive Kanalbele­gung wäre halb so schlimm, wenn ein handelsüb­li­cher Fernsehap­parat die gefundenen Programme anschlie­ßend alphabetisch sortieren würde – und wenn es möglich wäre, all jene ein für alle Mal zu sperren, die man nie anschauen wird. Doch die Hersteller fühlen sich offenbar berufen, die kognitiven Fähigkeiten jener Herrschaften zu trainieren, die so betagt sind, dass sie überhaupt noch Fernseher kaufen. Wer alle paar Wochen mit Hilfe von 127 kryptischen Tasten und Knöpfen einer monströsen Fernbedie­nung 20 Seiten lange Senderlisten aufräumt, denken sie, bleibt geistig beweglich.

Sie vergessen nur eines: Wer das noch hinkriegt, kauft sich lieber einen Computer und schaut sich die Sendungen als Videostream an. Vermutlich ist das sogar die Erklärung dafür, dass die Smartphone-Generation vom Fernsehen die Nase voll hat. Opas Technik ist den jungen Leuten einfach viel zu kompliziert.