Image: HipsterbartkillerDie Digitalisierung hält überall Einzug, nun auch bei der Nassrasur? | mediaphotos
Ulfs* WeltKolumne

Hips­ter­b­art­killer

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Ulf Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

freier Journalist

Die Digitali­sie­rung in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Jetzt wird sogar der Nassrasierer vernetzt und verschlau­ber­gert.

28. Januar 2020

Fuhr man früher auf eine Messe, war jedem klar, was ihn erwartet – und was nicht. Hätte ich einen Computer oder Fernseher bauen wollen, wäre ich über die Electronica getigert, um mich in gänzlich unglamou­rösem Ambiente über die neuesten Schaltkreise und Bauelemente zu informieren.

Mein Ding waren aber immer eher die großen Publikums­messen wie die Internatio­nale Funkausstel­lung (IFA) in Berlin oder die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Dort präsentierte die Industrie Neuheiten wie Walkmänner, Digitalra­dios, Blueray-Player oder 3D-Fernseher. Alle Exponate hatten irgendetwas mit der Erzeugung und dem Konsum von Tönen und Bildern zu tun. Hier und da parkte vielleicht mal ein aufgemotztes Auto in einer der Messehallen – aber nur um zu zeigen, dass man ein Kraftfahr­zeug auch zur rollenden Mini-Konzertarena umfunktio­nieren kann, sofern man bereit ist, für die Stereoan­lage mehr Geld auszugeben als für Karosserie und Motor.

Fitnesstra­cker für die Katz

Mittlerweile fühlt man sich auf jeder Messe, die auch nur im Entferntesten etwas mit Elektronik zu tun hat, in eine Mischung aus einem futuristi­schen Warenhaus und einem Parkhaus für Concept Cars versetzt. Auf der CES 2020 zeigte Sony zaghaft bis dezent seine Ambitionen, Tesla Konkurrenz zu machen. Der Prototyp sah, nun ja, einfach so aus, wie japanische Autos eben aussehen – immerhin nicht grobkantig wie ein feuerfester kaliforni­scher Straßenpanzer im Stealth-Look. Unangefoch­tener Sieger bei der IAAisierung der Elektronik­messen war jedoch die Firma, die das Automobil erfunden hat: Mercedes stahl allen anderen Ausstellern die Show mit dem AVTR, „Avatar“ ausgespro­chen, einem futuristi­schen Strom-Vehikel mit so zweckfrei wie dekorativ leuchtenden, fast kugelför­migen Rädern, eine Lightshow in Blau und Weiß. Der E-Wagen kann im „Krebsgang“ fahren, was wohl heißen soll, dass er sich am Ende einer bis zu 700 Kilometer langen Reise selbsttätig seitwärts einparken könnte – falls denn so ein glitzerndes Prachtstück eines Tages in Serie ginge.

Ich möchte jedoch Ihre Aufmerksam­keit, liebe Nachhaltig­keits-Nerds und Hightech-Hipster, auf eine Messeneu­heit lenken, die vor lauter Design-Eskalation und Neuerfin­derei des motorisierten Individu­al­ver­kehrs beinahe im Nachrich­ten­strom aus Vegas untergegangen wäre. Und damit meine ich nicht den „Pet Tracker“, den ersten Fitnesstra­cker, der buchstäb­lich für die Katz ist und auf Wunsch ebenso für den Hund. Nein, ein bekanntes französi­sches Unternehmen brillierte in der Wüste von Nevada mit „The Next Bic Thing“. Und das ist weder ein Tippfehler noch ein durch französi­siertes American English bedingter Verhörer. Nein, ich rede von Bic, ja genau, dem Hersteller von Milliarden von Einwegku­gel­schrei­bern, als Ex-und-Hopp-Feuerzeugen getarnten Bierflaschen­kap­sel­he­bern und Wegwerfra­sie­rern.

Dank Bic Data glattrasiert Gassi gehen

Die neueste Erfindung des Unterneh­mens ist viel zu wertvoll, um sie nach Abstumpfen der Klinge achtlos zu entsorgen. Das Bicding der Zukunft macht Schluss mit dem – wie soll ich sagen? – dummen Nassrasieren. Smart Shaving ist angesagt. Schabt sich der User damit die Stoppeln aus dem Gesicht, werkeln unter dem Rasierschaum heimlich, still und leise die Sensoren. Diese sammeln Daten „über das gesamte Rasierer­lebnis, einschlie­ß­lich Temperatur, Feuchtig­keit, Haardichte, Rasierge­schwin­dig­keit, Anzahl der Ansätze, Rasierzeit, Klingendämp­fung und mehr“, und senden sie ans Smartphone. Leider wird sich nicht jeder auf glatte Gesichts­haut scharfe Mann so ein Gerät zulegen können. Es handelt sich um einen Prototyp, der Testkunden vorbehalten ist, deren Rasur-Daten dann künstlich-intelligent ausgewertet werden. Dank Bic Data (hö, hö!) und KI kann dann endlich der ultimativ­per­fekte Nassrasierer gebaut werden.

Sie fragen sich jetzt bestimmt: „Wer denkt sich sowas aus?“ Nun, ebenso wie der Haustier­tra­cker stammt auch diese Weltneuheit von Invoxia, einer kleinen Innovati­ons­schmiede aus Clichy, der Stadt der stillen Tage. Das kann nur eines heißen: Die Millennial-Hipster brauchen endlich nicht mehr mit Bart herumzulaufen, sondern mit Hund, möglichst einem Trend-Setter. Wenn Ihnen also beim nächsten Spaziergang ein glattrasierter Gassigänger begegnet, achten Sie einfach drauf, ob sein Tier ein Fitnesshals­band trägt.